Wie der Fall der Mauer in die Nachrichten kam

Von Volker Warkentin am 7. November 2014

Das Gestammel des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski, durch das er aus Versehen die Mauer öffnete, ist legendär. Ein früherer DDR-Korrespondent berichtet, wie er als erster die Nachricht in die Welt jagte

War das eine öde Veranstaltung! Eine Stunde lang salbaderte Günter Schabowski am frühen Abend des 9. November 1989 vor der versammelten Weltpresse über die Entschlossenheit der neuen SED-Führung, die DDR zu reformieren. Das war keine Nachricht. Seit Wochen führte die Parteispitze um den frisch gekürten Generalsekretär Egon Krenz gebetsmühlenartig das Wort von der Erneuerung im Munde, ohne jedoch das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Und die kehrten dem Arbeiter- und Bauernstaat zu dessen 40. Geburtstag seit Monaten über Prag und Budapest zu Zehntausenden den Rücken.

Dass es dennoch die folgenreichste Pressekonferenz meines Journalistenlebens wurde, ist einem älteren Herrn geschuldet. Kurz vor 19:00 Uhr meldete er sich zu Wort: „Mein Name ist Ricardo Ehrman. Ich vertrete die italienische Presseagentur ANSA“, stellte sich der später mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte Kollege vor. Mit starkem italienischen Akzent fragte er Schabowski nach dem Entwurf eines DDR-Reisegesetzes, den die Regierung nach massiver öffentlicher Kritik zurückgezogen hatte. Ob die Vorlage ein Fehler gewesen sei, wollte Ehrman wissen.

Was der gelernte Journalist Schabowski dann eher beiläufig und unter vielen Ähs verkündete, war eine Sensation: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Berliner Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen“, trug der Ex-Chefredakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ in bestem Parteichinesisch vor.

Der Sprint des Kettenrauchers
Ich war von den Äußerungen Schabowskis elektrisiert. „Das ist ein Snap“, rief ich meinem zur Verstärkung nach Ost-Berlin geschickten Kollegen Herbert Roßler-Kreuzer zu, sprang auf und sprintete drei Treppen in den vierten Stock des Internationalen Pressezentrums (IPZ), wo Reuters sein Büro hatte. Wie ich als Kettenraucher diese sportliche Leistung vollbracht habe, weiß ich bis heute nicht.

„Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich – Schabowski“, hämmerte ich die Snap genannte Reuters-Eilmeldung in den Computer. Um 19:02 Uhr war sie in der Welt und wurde in laufende ZDF-Nachrichtensendung eingespielt. Wir waren die entscheidenden drei Minuten vor der Konkurrenz. Ironie der Geschichte: Auch beim Bau der Mauer am 13. August hatte Reuters die Nase vorn gehabt.

An die folgenden Stunden erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft: Ich war am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie, wo sich euphorische Menschenmengen bildeten. Später saß ich im Büro und versuchte aus den Bruchstücken, die mir Kollegen telefonisch lieferten, ein Gesamtbild zu zeichnen. „Ich will Spots“, verlangte mein Chefredakteur Wolfgang Wähner-Schmidt nach Einzelmeldungen. Wie er es an dem Abend als einziger Anrufer geschafft hat, von Bonn nach Ost-Berlin zu telefonieren, ist mir bis heute ein Rätsel. Kollege Roßler-Kreuzer zwängte derweil seinen langen Leib auf den Rücksitz eines Trabis, um über den Kontrollpunkt in der Heinrich-Heine-Straße von Mitte nach Kreuzberg zu rollen.

Darauf hatten die 17 Millionen Menschen zwischen Cap Arcona und dem Rennsteig seit 28 Jahren gewartet: Die DDR macht die Mauer auf. Wochen zuvor hatte es noch nicht nach ausgelassener Volksfeststimmung ausgesehen. Im Gegenteil: Zum Republik-Geburtstag am 7. Oktober knüppelten Volkspolizei und Stasi Bürgerproteste nieder. Und die Greise des SED-Politbüros, die nicht an den Verlust ihrer Macht glauben konnten, monologisierten über die chinesische Lösung. Zur Erinnerung: Im Juli hatte die Führung in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung brutal unterdrückt. „Wir wollen keine Gewalt und keinen Himmlischen Frieden“, konterte indes die wachsende DDR-Bürgerbewegung.

Die DDR – klinisch tot
Die Aufmüpfigen beriefen sich ausgerechnet auf Michail Gorbatschow, der seit 1985 die Geschicke des „Großen Bruders“ in Moskau lenkte und mit seinen grundlegenden Reformen für eine Wende im Selbstverständnis der Sowjetunion stand. Für die SED-Oberen, die sonst jede Volte der UdSSR mitmachten, war Gorbatschow ein rotes Tuch. SED-Chefideologe Kurt Hager tat dessen Politik sogar als Tapetenwechsel ab, den die DDR nicht mitmachen müsse.

Doch die normative Kraft des Faktischen war stärker: Zehn Tage nach ihrem 40. Geburtstag war die DDR klinisch tot. Am 17. Oktober schickten Krenz & Co den langjährigen Parteichef Erich Honecker aufs Altenteil. Aber ihr Versuch der Erneuerung der DDR kam zu spät und war zum Scheitern verurteilt. Krenz konnte von den alten politischen Gewohnheiten nicht lassen und verlas im Fernsehen ewig gestrige Parolen für die „lieben Genossinnen und Genossen“. Gut vier Wochen später musste die SED die Mauer öffnen.

Für uns Journalisten war der Fall der Mauer nicht nur ein Wendepunkt in der Politik, sondern auch in der Arbeit. Zeitweise überschlugen sich die Ereignisse. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper warnte davor, dass einem „das Wort im Munde veraltet“ – und das lange von Twitter, Facebook, Smartphone und Co.

Leistungsfähige Laptops gab es noch nicht. Die erstmals in größerer Zahl auftauchenden Funktelefone wogen mehrere Pfund und passten kaum in einen Einkaufsbeutel. Von der Notwendigkeit, für alle Fälle immer Telefongroschen dabei zu haben, um die gute alte Telefonzelle nutzen zu können, mag man kaum mehr sprechen. Trotz des immensen Zeitdrucks, der auf uns Journalisten lastete, hatten wir die Möglichkeit, die Informationen sorgfältig zu sammeln, zu sortieren und zu gewichten.

Wo bleiben die DDR-Fußballergebnisse?
Fünfundzwanzig Jahre danach: Die Gefahr ist groß, voreilig den guten Zeiten nachzutrauern wie Opa, der vom Krieg erzählt. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob die damalige Behäbigkeit der Kommunikation nicht auch für eine sorgfältige und unhysterische Berichterstattung gesorgt hat, zu der man heute im Aktualitäts- und Skandalisierungswahn nicht mehr zurückkehren kann.

Apropos Entschleunigung: Die ohnehin dauernd überlasteten Telefonleitungen zwischen Ost und West brachen am Abend des 9. November völlig zusammen. Zwei Tage nach der Maueröffnung kamen lediglich die Kollegen aus der Reuters-Sportredaktion nach Ost-Berlin durch. „I know you are busy“, entschuldigte sich der Redakteur aus London. „But what about the East German soccer results?“

Volker Warkentin, Jahrgang 1951, arbeitet seit über 40 Jahren als Journalist. Er verbrachte mehr als 35 Jahre als Redakteur und Korrespondent bei der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und Berlin.

Bildunterschrift: Auf Recherche in der DDR. Reuters-Korrespondent Volker Warkentin (Mitte) mit einem Offizier der Nationalen Volksarmee und einem Kollegen 1988 (Foto: privat)

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