Hongkong – das Ende des Aufstands gegen Beijing?

Von Claudia Wanner am 19. November 2014

In der ehemaligen britischen Kronkolonie räumt die Polizei die letzten Barrikaden der Protestbewegung. Den Bürgern sind die Demonstranten lästig geworden. Ist die Demokratie-Bewegung damit am Ende?

Der Anfang vom Ende. Sicherheitskräfte haben in Hongkong einen richterlichen Beschluss umgesetzt und einen Teil der Straßensperren im Stadtteil Admiralty geräumt. Ein weiterer Beschluss liegt vor, in den kommenden Tagen wird mit Räumungen in Mongkok gerechnet. Ein Eklat, Zusammenstöße, Ausschreitungen sind ausgeblieben. Im Gegenteil: Die Protestierer haben mitgeholfen beim Abbau, um einen Teil des Materials anderswo noch einmal zu verwenden.

Acht Wochen dauern die Proteste in der Stadt jetzt an, mit denen die Bewegung “Occupy Central with Love and Peace” mehr Demokratie und politische Mitsprache einfordern will. Und die Stadt ist ihrer längst müde geworden. Waren anfangs viele Zehntausende Unterstützer aus fast allen Bevölkerungsschichten auf den Straßen, stießen in den ersten Protesttagen immer neue Demonstranten hinzu, sind inzwischen nur noch ein paar Hundert übrig geblieben. 70 Prozent der Hongkonger, so eine Meinungsumfrage vom Wochenende, habe genug von “Occupy”. Sie meinen, die Demonstranten sollten endlich nach Hause gehen. Zu lange dauern die Unannehmlichkeiten schon an, verärgern Staus, ausgefallene Busse, nötig gewordene Umwege die Einwohner. Zu sehr bedrohen sie die sprichwörtliche Effizienz und Verbraucherfreundlichkeit der Stadt.

Die Führung in Beijing hat also einmal mehr den richtigen Riecher gehabt, könnte man meinen. Aushungern als Strategie ist aufgegangen, auf die Bequemlichkeit der Hongkonger vertrauen, die Zeit gegen die Studenten, Schüler, Professoren und viele, viele anderen auf der Straße arbeiten lassen. Einfach gar nicht darauf eingehen, dass sie sich darüber echauffieren, dass das, was ihnen für 2017 als allgemeines demokratisches Wahlrecht versprochen wurde, eine Farce ist. Schließlich ist vorgesehen, dass sich nur Kandidaten zur Wahl stellen dürfen, die über 50 Prozent der Stimmen eines von Beijing beeinflussten Wahlgremiums auf sich vereinen.

Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Zum einen haben die Stadtbesetzer von Occupy einfach Fehler gemacht. Die Aktivisten haben stets auf ihren Maximalforderungen beharrt, haben sich nicht flexibel und offen für Verhandlungen gezeigt. Auf wohlmeinende Vorschläge von Sympathisanten, etwa den Vorschlag, eine geringere Zustimmungsquote für Kandidaten ins Spiel zu bringen, sind die Anführer der Bewegung gar nicht eingegangen. Auch den Eindruck von Geschlossenheit haben sie vermissen lassen. Ende Oktober wurde in letzter Minute eine Abstimmung über den weiteren Weg von Occupy abgeblasen – weil die Verantwortlichen sich nicht einigen konnten, wie die Fragen zu formulieren sind.

Zum anderen aber mag zwar diese Episode des Protestes ermüdet zu Ende gehen. Doch unterstützen vor allem junge Leute und solche mit guter Ausbildung weiterhin zu großen Teilen die Ziele der Occupy-Bewegung. Entsprechend dürften Funken genügen, um das Feuer neu zu entzünden. Schließlich sind die Probleme Hongkongs vielfältiger als das fehlende Wahlrecht. Die extreme Kluft zwischen Arm und Reich zählt dazu, sie ist in der Stadt so groß wie nirgends sonst in der industrialisierten Welt. Genau so das Gefühl vieler junger Hongkonger, dass sie auf dem Arbeitsmarkt hinter Mitbewerber aus der Volksrepublik zurück fallen und wenig Perspektive haben. Und die Sorge, von Beijing bis zur Bedeutungslosigkeit vereinnahmt zu werden und nicht einmal auf eine Führung vertrauen zu können, die dem etwas entgegen setzt. Auf die Straße führt der Weg für die Protestierer mit ihren Regenschirmen also rasch wieder zurück.

Claudia Wanner, Journalistin,  lebt nach sieben Jahren Hongkong inzwischen in London und vermisst die Effizienz der asiatischen Metropole praktisch ununterbrochen – in Bus und Bahn, bei Behördengängen, im lückenhaften Mobilfunknetz der Insel. Doch sie wird das Gefühl nicht los, dass auf die Dauer auch die Hongkonger “convenience” nicht über alles stellen werden.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 9 Bewertungen (4,33 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.