250 Leben nach Lachsrosa

Von Falk Heunemann am 4. Dezember 2014

Was wurde aus den Mitarbeitern der „Financial Times Deutschland“ seit deren Schließung vor zwei Jahren? Eine Auswertung zeigt: Viele sind gut untergekommen, sogar im Journalismus. Dennoch feiern sie dieses Jahr eine FTD-Party

Wer eines letzten Beweises bedurft hätte, dass wir Journalisten uns gern eine eigene Realität schaffen, der muss an diesem Wochenende nach Hamburg kommen. Dort, in einem mäßig hippen Club im Schanzenviertel, treffen sich rund 200 Menschen zur Weihnachtsfeier der „Financial Times Deutschland“ (FTD). Dass diese lachsrosafarbene Zeitung vor genau zwei Jahren vom Verlag Gruner und Jahr eingestellt wurde, ignorieren sie für diesen Abend. So wie ich.

Und nicht nur da: Dutzende meiner ehemaligen FTD-Kollegen geben sogar bei den Berufs-Netzwerken Xing und LinkedIn immer noch „Gruner+Jahr Wirtschaftsmedien“ (WiMe) als ihr aktuelles Unternehmen an. Es ist unwahrscheinlich, dass all meine hochgebildeten und internetaffinen Ex-Büronachbarn nur vergessen haben, ihr Profil zu aktualisieren. Eher ist anzunehmen, dass sie alle Beschäftigungen, die nach der FTD kamen, nicht wahr haben können, wahr haben wollen. Wir wollen uns einfach nicht von unserer WiMe-Zeit entwöhnen.

Das wurde aus den Ex-Kollegen
Dabei sind nicht wenige der früheren FTD-Mitarbeiter inzwischen ganz gut untergekommen. Von 220 der mehr als 250 ehemaligen Festangestellten aus Redaktion und Verlag der G+J Wirtschaftsmedien (neben FTD produzierten wir auch „Capital“, „Impulse“, „Börse Online“, „How to Spend It“, „Enable“ und „Business Punk“ sowie deren Internetseiten) konnte ich Berufsangaben recherchieren, unter anderem in sozialen Netzwerken und durch Nachfragen bei ihnen sowie im Bekanntenkreis. Von knapp 30 waren keine aktuellen Informationen zu erhalten. Deshalb – und weil meine Informationen nicht notwendigerweise den tatsächlichen aktuellen Stand widerspiegeln müssen – sind die folgenden Zahlen nur näherungsweise zu sehen. Trotzdem geben sie einen Eindruck, was mit einer Belegschaft passiert, die auf dem Höhepunkt der Medienkrise entlassen wurde:
* 109 Unternehmen und Einrichtungen sind die neuen Arbeitgeber von ehemaligen WiMe-Kollegen. Etablierte Institutionen sind dabei wie „Die Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“, die Telekom oder das Bundesamt für Migration, Bekannte wie „Günther Jauch“, weniger Bekannte wie PlatowBrief, Ungewöhnliche wie Pinterest und Goodgame Studios. Und auch einige, die die Entlassenen selbst aufgebaut haben, wie der Beilagen-Verlag Brookmedia oder das Analystenbüro FeingoldResearch.
* Knapp die Hälfte der 220 ermittelten Kollegen hat eine Festanstellung in einer Redaktion erhalten. Die meisten davon – fast 20 – sind beim Wirtschaftsmagazin „Capital“ weiter beschäftigt. Dabei handelt es sich um jene Kollegen der Wirtschaftsmedien in Berlin, der als einziger Standort erhalten wurde. Zweitgrößte WiMe-Diaspora ist die Redaktion „Impulse“; sie wurde vom damaligen Chefredakteur per Management Buy-Out übernommen und weitergeführt. Zudem ist in der Auswertung zu sehen, welche großen Verlage in ihre Zukunft investieren (können) und welche weniger: Springer („Welt“, „Bild“) und das „ManagerMagazin“ haben sich kräftig aus dem günstigen FTD-Personalpool bedient, der „Stern“ und der „Spiegel“ dagegen kaum. Beim Ex-Konkurrenten „Handelsblatt“ ist derzeit nur ein früherer FTDler.
* Mindestens 40 Ex-Kollegen arbeiten inzwischen frei. Manche verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Journalismus, die meisten aber betreiben eine Mischkalkulation aus Journalismus (für die Ansprüche) und PR-Texten (zum Überleben). Neben schreibenden Ex-Redakteuren schlagen sich auch eine Reihe von Fotoredakteuren, Infografikern und Layoutern frei durch.
* Etwa 20 ehemalige FTDler versuchen, dem Journalismus zumindest handwerklich treu zu bleiben und arbeiten inzwischen für Agenturen, die Corporate Publishing produzieren – also Magazine für Mitarbeiter, Mitglieder oder Kunden von Unternehmen, Verbänden, Institutionen.
* Weitere 37 haben die Seite komplett gewechselt: Sie wurden Pressesprecher, Werber oder Mitarbeiter in Kommunikationsabteilungen. Zu ihren neuen Arbeitgebern gehören die Deutsche Bank, die EZB, Infineon oder auch Greenpeace und diverse soziale und ökologische Stiftungen.
* Ein halbes Dutzend sind bei Bildungsinstitutionen beschäftigt, als Dozenten, Studenten oder in deren Management.
* Einige machen inzwischen sogar lieber in Kunst, führen Buchverlage, schreiben und gestalten Bücher oder betreiben Galerien.
* Jeder Zehnte von uns ist Mitglied einer Chefredaktion geworden.

Und dennoch reisen wir aus der ganzen Republik (und dem Ausland ) an, um in der FTD-Vergangenheit zu schwelgen. Manches werden wir sicher lachsrosa schönfärben: Die damals untertariflichen Löhne; den ständigen Personalmangel; das Nein der geschäftsführenden Redakteurin, wenn wir um eine Gehaltserhöhung bettelten; die anhaltenden Strukturreformen, die nichts kosten durften; die Software aus der Windows-95-Ära; die bockige IT. Die fehlende Anerkennung für die unglamourösen Online-Schrubber und Zeitungsproduzenten; die Freien und Studenten, die wie echte Redakteure eingesetzt, aber nicht so bezahlt wurden.

Verlagen fehlt heute der FTD-Faktor
Und dennoch vermissen wir die Zeit. Weil die Redaktion, trotz all ihrer Probleme, jedem das Gefühl gab, dass seine Arbeit wichtig ist. Weil wir Ideen haben und umsetzen durften, weil wir von den Chefs gehört wurden, weil wir die Freiheit erhielten, das zu machen, was wir wollten: Eine Zeitung, die wir selbst gern lesen wollen. Dafür opferten wir gern unsere Zeit, blieben länger und verdienten weniger. Uns war die Zeitung nie egal, weil wir der Zeitung nicht egal waren.

Wir arbeiteten nicht für die FTD, wir waren die FTD. Diese Stimmung, diese Identifikation hat die Zeitung besser gemacht, als es die Ressourcen eigentlich hergaben. Also haben wir mehr als das Nötige gegeben. Wie viel und wie ungewöhnlich das war, haben wir erst in unseren neuen Jobs gemerkt.

Wir haben uns für die FTD aufgeopfert, denn sie war unser Projekt. Eines, auf das wir stolz sein wollten. Und waren. Eines, für das wir brannten, bis zur allerletzten Ausgabe. Diese Kraft, dieser Mehrwert lässt sich allerdings nur schwer von Buchhaltern und Controllern messen. Mitarbeiter sind für sie Nummern, Kostenblöcke, Bilanzbelastungen. Lieber setzen sie auf Freie – jederzeit austauschbar, jederzeit verzichtbar. Wer die Belegschaft so behandelt, bekommt auch nur Ergebnisse, die austauschbar, verzichtbar sind.

Für die FTD galt das nie. Also lassen wir sie hochleben. Auch wenn es nur für einen Tag im Jahr ist.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag. Er war Kommentarredakteur bei der FTD.

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Wolfgang Kiesel am 4. Dezember 2014

Ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen von der ftd, die ich in die Selbstständigkeit begleitet habe, verdienen durchaus nicht schlechter, als zuvor als Redakteure. Im Zusammenhang mit der Freiberuflichkeit geradezu automatisch von "die schlagen sich durch" zu schreiben, ist sicher nicht gerechtfertigt.
Wolfgang Kiesel

nachgerechnet am 5. Dezember 2014

"Knapp die Hälfte der 220 ermittelten Kollegen hat eine Festanstellung in einer Redaktion erhalten. Die meisten davon – fast 20 – sind beim Wirtschaftsmagazin “Capital” weiter beschäftigt."

Knapp die Hälfte von 220 würde ich so um 100 herum beziffern. Die meisten von hundert liegen in meinem Universum deutlich über 50 und nicht bei "fast 20".

Danach habe ich nicht mehr weiter gelesen.

Falk Heunemann am 5. Dezember 2014

@WolfgangKiesel
In der Tat haben einige Freie inzwischen ein gutes Auskommen. Von meinen Ex-Kollegen kenne ich aber auch eine Reihe, die sich tatsächlich durchschlagen, gerade auch jene jenseits der 40. Und das betrifft nicht nur Textjournalisten, sondern auch einstige Foto- und Grafikredakteure.

@nachgerechnet
Sie haben Recht, dass es ein wenig missverständlich formuliert ist: Die "meisten sind bei Capital" ist als relative Mehrheit gemeint, nicht als absolute. Schade, dass dies für Sie bereits ausgereicht hat, das Lesen einzustellen.

Friedensreich am 5. Dezember 2014

Ich mache mich mal gemein mit Ihrer Einstellung. Ich brenne ebenso für mein wissenschaftliches Institut, arbeite auf Leitungsebene Vollzeit, werde mit 450€ abgespeist, aber stecke das weg, weil es sich lohnt. Menschlich, für die Gesellschaft und weil die Arbeit Spaß macht.
Und ich leide, zusammen mit den Kollegen, ebenso darunter, dass nicht Einsatz, Qualität und Errungenschaften zählen, sondern nur Zahlen auf einem Konto. Um Menschen zu retten kann man sich bemühen. Oder man kann sich richtig anstrengen. Die Differenz drückt sich nicht in Rendite aus, sondern in Menschenleben. Man spart immer mehr Kollegen ein, besetzt keine Stellen nach, fordert aber im gleichen Atemzug mehr Leistung (nicht im Sinne von mehr Arbeit, sonder mehr Einnahmen) und wundert sich, dass mit weniger Mitarbeitern nicht nur der Durchsatz leidet, sondern die auch weniger fröhlich sind. Das Sahnehäubchen kommt dann, wenn die durch Einsparungen geschwundene Arbeitskraft als Grund verwendet wird, noch mehr zu sparen. Weil ja die Leistungen nicht so gut waren, wie im letzten Jahr.... Weltfremde Zettelschubser und Zahlenkacker, die leider in hohen Positionen sitzen und Entscheidungen nach Berechnungen treffen, ohne zu begreifen, was sie da gerade tun. Aber wenn mal wieder ein desillusionierter Ex-Mitarbeiter zum Strick oder der Pumpgun greift, dann wundert man sich..."Wie konnte das nur passieren? Warum hat er das getan?". Dabei sind die Antworten so nah...

Daher: Feiern Sie! Wir tun das auch. Karma is a bitch. Auch Zettelschubser trifft man zweimal im Leben.

Gerd Hammermueller am 7. Dezember 2014

Toll geschrieben und Danke auf diesem Weg an Sie Herr Heunemann. Gerade lese ich wieder ältere Artikel aus der FTD. Stark bewegen mich immer noch folgenden Zeilen: „Diese Geschichten werden erscheinen. Ich weiß nicht, ob auf rosa Papier. Aber werden sie erzählen. So einfach ist das. Diese Geschichten sind da, und wir werden sie erzählen, egal wie und wo. Weil wir es müssen.“ (Zitiert aus Kolumne FTD: 25.11.2012, Horst von Buttlar).

Warum dir FTD sterben musste, wird weitläufig immer finanziell begründet - ich mutmaße seit dem Jahr 2012 aber eher, dass die Artikel zu transparent für die Öffentlichkeit waren und dies nicht mehr sein durfte. Vielleicht liege ich auch daneben.

Grüße an Alle Ihre ehemaligen Mitstreiter und berufliche Erfolge! Denn guter Wirtschaftsjournalismus wird immer gebraucht werden!!!