Umdenken! Und digital schenken

Von Falk Heunemann am 18. Dezember 2014

Durch Streaminganbieter wie Netflix fallen die häufigsten Geschenkoptionen für Freunde und Verwandte weg: Bücher, Filme und Musik. Was nun? Ein kleiner Ratgeber 

Das richtige Weihnachtsgeschenk zu finden, ist nicht einfach. Da gibt es viel zu viel zu berücksichtigen: Was mit Anspruch, um die intellektuelle Wertschätzung zu demonstrieren – oder ist das langweilig? Was mit Humor, um damit den Humor des anderen zu würdigen – aber hat der auch einen? Was Einmaliges, das schnell vergeht, oder eine dauerhafte Erinnerung? Bekommt auch die Freundin oder Frau des Freundes etwas? Die Kinder? Der neue Arbeitskollege, den man nach Weihnachten trifft? Und wie viel – besser noch, wie wenig – muss es kosten?

In der Vergangenheit gab es für derlei Überforderte einen vergleichsweise einfachen Ausweg: Der Gang in den nächsten Buchladen oder DVD-Shop. Bücher, Filme, Musik-CDs oder auch Computerspiele vereinen das Beste aller Welten: Sie sind einmaliger Genuss und ewiges Schrankaccessoire, anspruchsvoll und vielseitig, und nicht zuletzt: für jeden bezahlbar. Und verpackt werden sie im Laden auch noch.

48 Prozent der mehr als 80 Millionen Deutschen wollen laut einer Ernst&Young-Studie Bücher verschenken, ein Drittel DVDs und CDs.

Diese Millionen werden umdenken müssen – wegen des Internets.

Musikliebhaber empfinden CDs nur noch als Staubfänger, mit Spotify und Deezer haben sie Zugang zu Millionen Titeln und Playlisten. Bis vor kurzem konnte man das schnell gewählte Hardwaregeschenk noch als Zeichen gegen illegales MP3-Kopieren verstanden wissen. Das ist vorbei. Filmfans sind inzwischen bei Netflix, Maxdome oder Amazon angemeldet. DVDs machen ihnen keine Freude mehr, sondern sind nur noch lästig. Sie müssen schließlich für die Benutzung durchs Zimmer getragen, aus der Packung genommen, in den Player gesteckt, nach Konsum wieder herausgenommen, zurück in die Packung und ins Regal gestellt werden.

Und Bücher? Die liest man ja nur noch mobil dank Kindle Unlimited, bei individueller Schriftgröße und jeder Beleuchtungssituation. Zumal die Klassiker als Ebook kostenlos sind.

Es stimmt, nicht jedes Buch, jedes Album oder Film sind bei jedem Anbieter tatsächlich zu finden. Aber die Recherche, welche wo tatsächlich abrufbar sind, und welcher der Freunde eigentlich welchen Anbieter nutzt, ist es nicht mehr wert. Das Risiko, dass das Geschenk nicht kreativ ist, sondern bereits dem Beschenkten verfügbar, liegt bei fast 100 Prozent.

Was also dann? Zurück zum Buch? Die Zahl vieler physischer Buchrücken im Schrank kann heutzutage niemanden mehr beeindrucken, das gilt inzwischen als rückständig. Erst recht, wenn da vor allem die Einführungslehrbücher vom Studium und alte Wörterbücher stehen. Oder zurück zur Platte? Nun ja. Vinyl mag hipstermäßig und DJ-Lookalike-artig sein, aber unpraktisch. Die Zahl derer, die einen Plattenspieler besitzen und sich auch regelmäßig daran mit Genuss zu Hause eine Scheibe reinziehen, ist eher übersichtlich. In Großbritannien etwa wurden dieses Jahr gerade einmal 980.000 Vinylplatten verkauft, bei 94 Mio. physischen CDs. Und einen Vinyl-Walkman für unterwegs kann man sich zwar theoretisch anschaffen, aber nicht praktisch herumtragen.

So bleiben nur drei Lösungen:

1) Kino- und Konzertkarten. Dann kann man sogar zum Event mitkommen.

2) Geld. Das ist ohnehin schon das liebste Geschenk der Deutschen (die Quote bei Omas liegt sogar bei mindestens 100 Prozent). Es ist ehrlich, schnörkellos, vielseitig und einfach zu besorgen.

Oder 3) Einen Account bei Netflix, Amazon oder einem der anderen Anbieter verschenken. So lange der Beschenkte diesen noch nicht hat. Das hat zwei schöne Nebeneffekte: Erstens sehen die anderen Analog-Schenker dagegen ziemlich alt und mickrig aus („Ach, du schenkst die neue DVD von Wes Anderson? JA, den Film gibt’s bei meinem Geschenk auch“). Und zweitens kann man dann ganz ohne Scham mal nach dem Login fragen. Damit man auch was davon hat. Das ist dann eine echte Win-Win-Situation zu Weihnachten. Bis zum nächsten Jahr.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Zaunkoenigin am 19. Dezember 2014

Ich bin offensichtlich eine andere Generation ... ich bin Neandertaler ... denn ich liebe nach wie vor Bücher und ziehe den Kauf einer CD/DVD dem Download vor. Mich kann man damit glücklich machen ..... Und dafür gibt es diverse Gründe und nicht nur den, dass ich eine alte, liebgewonnene Stereoanlage benutze und ich auch keine Lust habe, mir im Halbjahrestakt irgendwelche neue Abspielgerate zu kaufen die dann noch nicht einmal alle mit den gleichen Formaten funktionieren würden und somit das testen, nachlesen, ausprobieren, umformatieren usw usf. beginnen würde (was für eine verschwendete Zeit).

Wie gesagt, es gibt nach wie vor einen guten Grund Bücher und keine eBooks zu kaufen. Zumindest dann, wenn es sich nicht um Trash handelt. Immerhin erwirbt man mit eBooks nicht das Buch, sondern nur das Recht zur Nutzung und das bei fast gleichem Preis.Sowohl verschenken, weiter verkaufen oder verleihen ist nur eingeschränkt möglich und mir, ehrlich gesagt, schon wieder viel zu umständlich. Und bisher habe ich auch keine Garantie (zumindest keine legale), dass ich dieses Buch nicht durch Eingriffe von Außen (z.B. durch Löschen der Bibliothek durch den Anbieter) wieder verliere.

Und so ganz nebenbei stört es mich auch, dass das Thema Datenschutz auch nicht wirklich gegeben ist. Ach ja, und noch weniger motivierend finde ich die Datenformatvielfalt und die unterschiedlichen Prozeduren die man durchlaufen muss/kann um ein Buch zu erwerben ... Kurz und gut.. mir ist das zuviel Aufwand für einen Bücherkauf verbunden mit zuvielen Einschränkungen. Abgesehen davon, dass die Lust am Bücherkauf, das sinnliche Erleben, beim eBook-Kauf völlig auf der Strecke bleibt. Es ist doch ein Unterschied ob ich online stöbere oder an einem Samstag Morgen mir die Zeit und Muse nehme in einer völlig anderen Atmosphäre, mehr oder weniger planlos in die Bücherregale zu greifen und mal hier und mal dort hinein zu lesen. Aber es mag sein, dass es sowieso diese schönen, übersichtlichen Buchläden nicht mehr lange geben wird und dann .. tja... dann dann werde ich einen Genuss weniger haben.

Wenn ich mal alt und tüddelig bin und dankbar darüber, dass die Möglichkeit besteht die Schriftgröße zu verändern, dann ... ja, aber erst dann.... werde ich zuschlagen :-). Eine Änderung meiner Meinung wird sich vermutlich nicht einstellen, oder allenfalls dann, wenn ich ein eBook erwerben kann wie das bei einem Buch der Fall ist und des dann auch mir gehört und ich damit tun und lassen kann was ich möchte.

Aber zurück zum eigentlichen Thema ... ICH würde mich nach wie vor über ein Buch, ein richtiges Buch, freuen. Und ich würde eBooks nur in besonderen Ausnahmefällen verschenken. D.h. nur dann, wenn es ein konkret geäusserter Wunsch wäre.