Sehr clever kalkuliert, Alexis Tsipras

Von Andreas Theyssen am 2. Januar 2015

Der Chef der griechischen Linkspopulisten-Truppe Syriza hat die Präsidentenwahl platzen lassen, um Regierungschef zu werden. Soweit hat alles geklappt. Doch jetzt gibt es ein kleines Problem

Gelegentlich lohnt ein Blick in die Verfassung. Und genau die haben Sie sich angesehen, Alexis Tsipras. Und festgestellt: Der Staatspräsident ist politisch nicht wichtig. Aber wenn der rein repräsentative Posten auch nach drei Wahlgängen nicht besetzt werden kann, sind binnen eines Monats Neuwahlen fällig. Und Neuwahlen sind was Feines für Ihr Linksbündnis Syriza, das seit Monaten in allen Umfragen führt.

Smart wie Sie nun einmal sind, haben Sie die Chance genutzt. Den einzigen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl dreimal im Parlament durchrasseln lassen, und – schwupps – mussten Neuwahlen ausgeschrieben werden. Die werden Sie ja wohl gewinnen. Schließlich sind die Griechen reichlich genervt vom Sparkurs und dem Spardiktat der Troika aus EU, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF). So haben Sie es sich wohl ausgemalt.

Allerdings besitzt offenbar auch ein nicht unerheblicher Teil der Griechen die Fähigkeit, sich Dinge auszumalen. Jedenfalls haben etliche wohl mal überlegt, was passieren würde, falls Sie, Alexis Tsipras, in Athen an die Macht kommen.

Teure Wahlgeschenke haben Sie parat, was die happige Verschuldung Griechenlands exorbitant hochjazzen würde. Einen weiteren Schuldenerlass wollen Sie und überdies den Sparkurs kassieren, was den Schuldenstand zusätzlich und vor allem die Zinsen für neue Staatsschulden hochtreiben würde. Die Troika dürfte ihre Finanzhilfen damit einstellen und Griechenland als finanzieller failed state aus der Eurozone herausfliegen.

Diese Perspektive behagt einigen Griechen überhaupt nicht. Jedenfalls hoben Sparer und Unternehmen laut Medienberichten im Dezember insgesamt 2,5 Milliarden Euro von ihren Bankkonten ab.

Das sind zwar Peanuts im Vergleich zu dem, was Russland im vergangenen Jahr an Kapital abhanden kam. Und eigentlich kann Ihnen als aufrechtem Linken ja völlig egal sein, wenn ein paar Kapitalistenbonzen und Besserverdiener ihre Kröten ins Trockene bringen. Aber der angeschlagenen griechischen Wirtschaft ist so eine kleine Kapitalflucht auch nicht sonderlich dienlich.

Unangenehmer für Sie ist indes ein weiterer Effekt Ihres Präsidenten-Abblock-Manövers: Seit Monaten liegt Ihre Syriza in den Umfragen vorne. Doch nun beginnt ihr Vorsprung in der Wählergunst zu schmilzen, fast 60 Prozent der Griechen sind gegen vorgezogene Neuwahlen, und nur weniger als ein Viertel der Wahlberechtigten wünscht sich eine von Ihnen geführte Regierung.

Es sieht so aus, Alexis Tsipras, als hätten Sie bei allem politischen Kalkül doch die eine oder andere Kalkulation vergessen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 8 Bewertungen (4,00 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.