Mein Feind, der Muslim

Von Andreas Theyssen am 8. Januar 2015

Nach dem Terroranschlag von Paris werden Muslime zur Zielscheibe von Anschlägen und Rechtspopulisten. Höchste Zeit, ein paar Dinge klar zu stellen

Es musste ja so kommen. Nur Stunden nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ schlugen „die Rächer“ zu. In Le Mans und im südfranzösischen Port-la-Nouvelle wurden eine Moschee und ein muslimischer Gebetsraum von Unbekannten beschossen. In Villefranche-sur-Saone explodierte ein Sprengsatz vor einem Kebab-Laden nahe einer Moschee. Und in Deutschland erklärten die selbsternannten Patrioten von Pegida auf ihrer Facebook-Seite: „Die Islamisten, vor denen Pegida seit nunmehr zwölf Wochen warnt, haben heute in Frankreich gezeigt, dass sie eben nicht demokratiefähig sind, sondern auf Gewalt und Tod als Lösung setzen!“

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, aber angesichts dieser Ereignisse ist es offenbar nötig, ein paar Dinge noch einmal klar zu stellen:

Der Terroranschlag von Paris ist kein Beleg für die Islamisierung Europas oder gar Deutschlands; es ist ein Beleg für die Perversion zweier Einzeltäter.

Das Massaker in und vor der Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist kein Beleg dafür, dass Islamisten (= strenggläubige Moslems) nicht demokratiefähig sind. Es ist lediglich ein Beleg dafür, dass Extremisten nicht demokratiefähig sind. Genauso wie es die Mitglieder der RAF oder des NSU nicht waren oder Rechtsextremisten, die Anschläge auf Ausländer verüben.

Die Muslime, die in Le Mans oder in Villefranche-sur-Saone in die Moschee gehen, haben nichts, aber auch rein gar nichts mit den beiden Mordschützen von Paris zu tun. Warum also greift man ihre Gotteshäuser an?

Vor allem aber: Der Anschlag gegen „Charlie Hebdo“ ist ein Angriff auf die Werte Europas. Aber er ist nicht im mindesten ein Beleg dafür, dass Muslime gewalttätig sind oder der Islam eine gefährliche Religion ist. Genauso wenig wie das Christentum gefährlich ist, bloß weil in den USA immer wieder militante Christen Anschläge auf Abtreibungspraxen verüben.

Trotz des Massakers von Paris, trotz des „Islamischen Staates“, trotz Taliban, trotz al-Kaida – die übergroße Mehrheit der weltweit 1,6 Milliarden Muslime lebt völlig friedlich. Ohne Hass auf Andersgläubige, ohne Andersdenkende zu massakrieren, ohne irgendeinen sogenannten Dschihad zu führen. Dass einige Zehntausend Extremisten ihre Religion und den Namen ihres Gottes missbrauchen (so wie vor tausend Jahren die „christlichen“ Kreuzritter es auch taten), ist kein Grund, eine ganze Religion und deren Anhänger zu diskreditieren oder zu verteufeln.

Einen Beleg, dass es ihnen gar nicht um Religion geht, haben die Attentäter von Paris selber geliefert. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ lieferten sich die Terroristen ein Feuergefecht mit der Polizei. Dabei schossen sie einen Polizisten nieder. Anschließend ging einer der Attentäter auf den schwer verletzten, am Boden liegenden Beamten zu – und richtete ihn im Vorbeigehen mit einem Kopfschuss hin. Der Name des 42-jährigen Beamten: Ahmed Merabet. Seine Religion: muslimisch.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, hat lange unter Muslimen gelebt: in Malaysia und im Berliner Stadtteil Moabit mit seiner großen türkisch-arabischen Minderheit.

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Volker Warkentin am 8. Januar 2015

Dem ist nichts hinzuzufügen

Zaunkoenigin am 8. Januar 2015

treffender hätte man das, was es dazu zu sagen gibt, nicht formulieren können. Danke!

http://www.welt.de/print/wams/nrw/article112202252/Islamisten-Salafisten-Terroristen-alle-gleich.html Hier hatte sich auch schon einmal ein Journalist um Aufklärung bemüht. Aufklärung und vor allem Differenzierung tut not, wenn wir nicht alle in einer feindseeligen Haltung erstarren wollen.

Anna am 8. Januar 2015

Danke!

EP am 8. Januar 2015

Das Thema bleibt sicher auf Dauer bedrückend und wird nachhaltig aufzuarbeiten sein. Danke für die Reflexion bis zum Schlusssatz (!)

phatterdee am 9. Januar 2015

Doch dem ist noch einiges zuzufügen z.b das laut Interpol (finde den link grade nicht) von 219 "Anschlagen" in Europa 2013 grade ein Mal 6 Religiös motiviert waren.
Und als ich hörte das diese feigen Möder einen Pass im Fluchtwagen "Vergessen" haben, dachte ich nur das ist doch unglaubwürdig.
Würde das in einen James Bond streifen ereignen würden wir umschalten und zu uns sagen das aber ganz schön harter Tobak, oder geben sich die Drehbuchschreiber jetzt gar keine mühe mehr.
Mein Mitgefühl gilt den Hinterblieben der Opfer

Je suis CHARLIE

Martin Virtel am 9. Januar 2015

Islamisten = strenggläubige Moslems? Nicht Dein Ernst, oder?

Zaunkoenigin am 9. Januar 2015

Herr Virtel, das ist in der Tat Auslegungssache.

Zitat aus Wikipedia: Aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive wird argumentiert, auf den Begriff Islamismus sei wegen seiner Unschärfe zu verzichten, da gänzlich verschiedene soziale Gruppen und Individuen unter demselben –ismus eingeordnet werden: von Terroristen über demokratisch gewählte Präsidenten bis zu Personen, die einfach nur ihren Glauben praktizieren wollen.[5]

Andere Kritiker sehen in der Abgrenzung des Islamismus vom Islam ein Konstrukt, um den Islam vom Gewaltvorwurf zu entlasten. So schreibt der Journalist Henryk M. Broder in seinem Buch Hurra, wir kapitulieren!, der Unterschied zwischen Islam und Islamismus sei so wie der zwischen Alkohol und Alkoholismus. „Die vom Westen erfundene Differenzierung zwischen Islam und Islamismus ist politisch gewollt...“. „Darum wird versucht, jene Elemente im Islam zu verharmlosen oder zu verbergen, die gemäß den westlichen Wertvorstellungen als inkompatibel gesehen werden.“

Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Islamismus

Das erklärt auch, dass so viele Menschen (auch Politiker) diesbezüglich aneinander vorbei reden und vermutlich oft genug ein falscher Eindruck entsteht.

Andreas Theyssen am 9. Januar 2015

Doch, Martin. Denn in dem Moment, in dem sie Andergläubige verfolgen, Menschen verskalven oder enthaupten oder ihnen Hände abhacken, verdienen sie ein anderes Substantiv, das auf -isten endet.

AntiMerkel am 13. Januar 2015

Lest mal im Koran, dann seht ihr wie "friedlich" der ist.
Dort weren Muslime offen dazu aufgerufen, für ihren Glauben zu töten und auch selbst dafür zu sterben.

Und wie kommt es, dass deutsche Jugendliche, die ohne Hoffnung und Perspektive ausgegrenzt in Ghettos aufwachsen nicht zu Massenmördern werden, muslemische aber schon? Da kommt einem schon der Gedanke, dass es doch was mit der Religion zu tun hat und denen das vom Kleinkindalter an eingeimpft wird, dass sie ihren Glauben weiterverbreiten müssen.

Zaunkoenigin am 13. Januar 2015

es erscheint wieder einmal ein Beitrag von mir nicht *seufz* (dieses Mal aber ein kurzer)

AntiMerkel am 13. Januar 2015

Wen es interessiert, wie es in Schweden z.T. aussieht, einfach mal "Muslim Gangs continue to terrorize 55 Neighboods, Police powerless" googeln. Die Menschen haben m.E. einen Grund beunruhigt zu sein, ein Verschweigen der Probleme und ein Verteufeln der Demonstrationsteilnehmer hilft hier nicht weiter. Dialog ist angesagt, leider haben einige Politiker sich durch teilweise vorschnelle Urteile selbst disqualifiziert

Christian L. am 20. Januar 2015

Es ist aber immerhin ein Beleg dafür, dass es Menschen in der Bevölkerung gibt, die sich nicht vertreten oder auch nicht mitgenommen fühlen. Ängste nehmen wäre hilfreich durch Ehrlichkeit, daran hapert es leider zu oft.