Pegida ist tot. Aber der Wutbürger lebt

Von Volker Warkentin am 29. Januar 2015

Die Führung der Dresdner Demonstrationen hat sich zerlegt, der nächste „Spaziergang“ ist abgesagt. Jetzt ist es nötig, dass sich die Politik der Frustrationen der „Spaziergänger“ annimmt

Das war’s dann wohl fürs Erste. Nach wochenlanger Aufregung um ihre Aufmärsche in Dresden scheint die Pegida schneller vor dem Aus zu stehen als erwartet. Nach dem umstrittenen Mitbegründer Lutz Bachmann verlor die islamfeindliche Bewegung nun auch ihre Frontfrau Kathrin Oertel und weitere Mitglieder des Organisationsteams. Die für kommenden Montag geplante nächste Demonstration wurde abgesagt. Die Gründe für das Auseinanderbrechen des Orgateams sind derzeit noch nicht klar. Zum Ausstieg Oertels hieß es lediglich, er sei Anfeindungen des politischen Gegners geschuldet.

Die Pegidas waren kurz davor, gehört zu werden. Aber in dem Moment, als gewählte Politiker die Aufnahme des Dialogs mit der Bewegung erwogen, hat die Führungscrew – Zufall oder nicht – das Schiff verlassen und ihre eigene Haut gerettet. „Ich bin froh, dass ich da draußen bin, ich will gar nicht mehr“, erklärt Bachmann, der wegen eines Internet-Auftritts als Hitler-Double zurücktrat. „Ich wollte da raus“, schlug Mitorganisator Bernd-Volker Lincke in dieselbe Kerbe. Politische Führungsveranwortung sieht anders aus.

Es bestätigt sich wieder einmal die Erfahrung, dass rechte Bewegungen in Deutschland zur Selbstzerfleischung neigen. Außerdem ist Gott sei Dank seit 1945 keine charismatische Persönlichkeit mehr hoch gekommen, um wie Adolf-Nazi Ultrarechte zu einen und hinter sich zu scharen.

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Denn die Melange aus Wutbürgern, Spießern, Hooligans und Neonazis, die seit Ende vorigen Jahres allwöchentlich in Dresden marschierte, ist im Gegensatz zur Pegida-Führung nicht zerlegt. Der Hass der „Spaziergänger“, wie sich die Pegida-Anhänger nennen, auf Ausländer, Muslime und „die da oben“ ist ungebrochen. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Und Totgesagte leben länger.

Zudem steht mit der rechten Alternative für Deutschland (AfD) ein schon in mehreren Landtagen und im Europarlament vertretenes Auffangbecken für die Unzufriedenen bereit. Entscheidend wird sein, dass die anderen Parteien die Ängste und Frustrationen der Pegida-Affinen als politischen Auftrag begreifen. Wichtig wird sein, sich stärker der Sorgen in der Bevölkerung anzunehmen, Aufklärung zu betreiben und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Der Populismus der AfD und holzschnittartige Parolen gegen die angebliche Islamisierung sind allerdings weit entfernt von Lösungen für Arbeitslosigkeit, Altersarmut und die Bekämpfung der Kriminalität.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, setzt sich seit seiner Zeit als DDR- und Ostdeutschland-Korrespondent mit den Ängsten und Nöten der Menschen in der gesamten Bundesrepublik auseinander. Er hat oft darüber berichtet, dass die ersten und einfachen Antworten nicht notwendigerweise die besten sind.

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Zaunkoenigin am 29. Januar 2015

Dem stimme ich zu *Wichtig wird sein, sich stärker der Sorgen in der Bevölkerung anzunehmen, Aufklärung zu betreiben und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen.*

Nur hege ich diesbezüglich leider wenig Hoffnung. Die etablierten Parteien habe das schon nach den Wahlerfolgen der AfD nicht verstanden und sich statt dessen auf's hohe Ross gesetzt. Es wird sich auch jetzt wieder nichts ändern.

Warum ich davon ausgehe?

Nun, die meisten Politiker der etablierten Parteien weigerten sich sowohl bei der AfD als auch bei der Pegida-Bewegung sich mit dem Gegenüber auseinander- bzw. zusammenzusetzen. Und da die Presse überwiegend ins gleich abschätzige Horn blies, erwarte ich am Ende nicht, dass sich die Erkenntnis breit macht, dass es an der Zeit ist, sich selbst einmal in Frage zu stellen und wieder etwas näher an die Realitäten des Otto-Normal-Bürgers heran zu bewegen. Welchen Grund sollten diese Menschen haben, wenn sie schon vorher diese Überheblichkeiten meinten gönnen zu können?

Ich fürchte, nach der Pegida ist vor der Pegida. Sie wird nur einen anderen Namen tragen.

Und noch etwas ...
Ich halte es für einen falschen Ansatz davon auszugehen, dass die Menschen, die sich bei der Pegida engagiert haben nur in die Gruppen Wutbürger, Spießer, Hooligan oder Neonazi passen. Zum Einen ist das schon wieder abwertend und zeigt, dass man diese Menschen nicht ernst nimmt und zum Anderen suggeriert es, dass gar kein erkennbarer Grund für Kritik vorhanden ist. Das wiederum widerspricht dieser Aussage

*Wichtig wird sein, sich stärker der Sorgen in der Bevölkerung anzunehmen, Aufklärung zu betreiben und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. *

Zaunkoenigin am 29. Januar 2015

ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell wahr wird ..

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/dresden-kathrin-oertel-gruendet-pegida-konkurrenten-a-1015619.html

Kai Makus am 30. Januar 2015

Werte Frau Zaunkoenigin,

ein anderer Name wäre doch schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung. "Gegen die Islamisierung des Abendlandes" - ich bitte Sie.

Frau Oertel scheint das erkannt zu haben. Ob sie uns länger erhalten bleibt als Lutz Bachmann mit seinem grandiosen Hitler-Selfie?

Zaunkoenigin am 30. Januar 2015

Guten Morgen, Herr Makus,

... wenn dann auch neuer Wein in neuen Schläuchen ist und nicht nur das Make-Up geändert wird.

Bei Bachmann frage ich mich ja immer wieder einmal, ob er das gezielt getan hat um einen leichten Ausstieg zu bekommen. Das Ganze dürfte für ihn eine Nummer zu groß geworden sein.

Oertel? Ich weiss nicht .. Sie denkt zwar strategischer als Bachmann und ich unterstelle ihr andere Intensionen, aber richtig überzeugend ist sie für mich trotzdem nicht. Die Dame muss ich noch etwas auf mich wirken lassen.

Andreas Theyssen am 30. Januar 2015

Werte Zaunkönigin,

Ihre Frage in puncto Bachmann lässt sich beantworten: "Bachmann selbst erklärte dazu, er hätte das Foto zur Veröffentlichung des Hörbuchs von der Hitler-Satire "Er ist wieder da" vor ein paar Jahren "beim Friseur geknipst und Christoph Maria Herbst auf die Pinwand gepostet." http://www.derwesten.de/politik/hitler-foto-von-pegida-chef-lutz-bachmann-sorgt-fuer-wirbel-id10258949.html#plx816119877

Seine "Viehzeug"-Bemerkungen, wegen der die Staatsanwaltschaft nun gegen ihn ermittelt, stammen vom September 2014.

Er hat also nicht mutwillig den Ausstieg gesucht, weil ihm alles zuviel wurde. Alle Posts stammen aus der Zeit, bevor Pegida groß wurde.

Zaunkoenigin am 30. Januar 2015

Am wenigsten stört mich dieses Foto weil es (angeblich) im Zusammenhang mit besagter Satire geschossen wurde. Das kann man noch unter überbordender Albernheit ablegen.

Was für gar nicht geht sind diese Aussagen.

Aber wie auch immer, nicht, dass da ein Missverständnis entsteht. Selbst wenn Bachmann das alles inszeniert hätte um aus der Nummer wieder ungeschoren raus zu kommen, DAS würde es für mich auch nicht besser machen.

Zaunkoenigin am 30. Januar 2015

Nachtrag.. dennoch vielen Dank, Herr Theyssen, damit ist zumindest diese These abgehakt ;-)

maSu am 1. Februar 2015

Seit Jahren nimmt die Wahlbeteiligung ab. Jetzt gibt es PEGIDA und alle sind sooooo überrascht. Ui. Die Wahlbeteiligung ist schon ein Zeichen, dass etwas nicht richtig läuft. PEGIDA braucht es dazu nicht.

Traurig nur, dass viele Politiker und Journalisten diese Probleme ohne PEGIDA nicht wahrnehmen. Und selbst mit PEGIDA vertrödelt man seine Zeit lieber mit lügen und verleumden. Irre.

Dass teils 50% der Bevölkerung nicht mehr an Wahlen und die Demokratie glauben scheint total egal zu sein ...

Edda am 2. Februar 2015

Ist Frau Ortel eigentlich auch rechts, oder kann ich der mit gutem Gewissen nachlaufen?
Ich finde ihren ANsatz, eine Bürgerbewegung die sich für mehr Demokratie einsetzt ja sehr gut.

Edda am 2. Februar 2015

Übrigens scheint unsere Regierung gar nicht so nazifeindlich sein wie sie sich immer gibt, jetzt bekommt sogar ein Mann, der unter Hitler Offizier war und seinen judenmordenden Vater später verteidigte ein Staatsbegräbnis. Pfui!