Wettlauf der Systeme

Von Matthias Maus am 10. Februar 2015

Warum es in der Ukraine nicht um ein paar Geländegewinne geht. Wovor sich Wladimir Putin wirklich fürchtet. Und warum das Minsker Treffen so wenig Chancen hat

Die Ukraine spaltet Europa! Der Konflikt reißt einen transatlantischen Graben! Zwist unter den Europäern! In Schlagzeilen-Prosa erklingt ein altbekanntes Lied daher: Das Lied vom zerstrittenen, unfähigen weil handlungsunfähigen Westen, der einem entschlossenen Gegner machtlos gegenüberstehe.

Hinter der Klage steht eine Urangst der Europäischen Union: Ein auf Debatte, Kompromiss und Konsens gebautes Gesellschaftsmodell, das die individuellen Entfaltung verspricht, das den Wert des Einzelnen hochhält, könnte den Herausforderungen einer Welt voller Machtmenschen und Despoten nicht gewachsen sein. Kurz: Der Westen sei dem Untergang geweiht.

Es sind in der Tat höchst Besorgnis erregende Tage, auch ganz ohne Ukraine-Krieg. In der weiten Welt der westlichen Demokratien gedeihen Figuren wie Ungarns unsäglicher Premier Viktor Orban, das System gibt jakobinischen Hitzköpfen wie Alexis Tsipras in Griechenland eine Chance, und es bringt rechte Nationalisten wie Marine Le Pen in Schlagdistanz auf das französische Präsidentenamt. Die nächste existentielle Euro-Krise ist nur ein paar Computer-Klicks entfernt. Und die Abschottungspolitik der „Festung Europa“ macht es schwer, von einem Wertesystem zu reden, das da auf dem Spiel stehe. Wir haben uns angewöhnt, die Schattenseiten des Systems gründlich auszuleuchten – und darüber die Sonnenseiten zu vergessen.

Es gibt aber einen, der diese Attraktivität niemals unterschätzt hat. Wladimir Putin weiß, was ihm gefährlich werden kann, und im Gegensatz zu so vielen „Putin-Verstehern“ hierzulande kann er die Sogwirkung des westlichen Systems auf seine Bevölkerung einschätzen. Ein Gesellschaftsmodell, das Maß und Mitte belohnt, in dem sich Extremisten mit den Kräften der Vernunft messen müssen, in dem Bürger teilhaben können, in dem auch Angehörige von Minderheiten Menschen bleiben: Ein solches Modell, mit einer unabhängigen Justiz und einer freien Presse, ein Modell das darüber hinaus beispiellosen Wohlstand geschaffen hat – dieses Modell ist immer noch hoch attraktiv, nicht nur für junge Leute in aller Welt, nicht nur in der Ukraine.

Es geht in Wahrheit um einen Wettlauf der Systeme. Ein Modell, das echten Wechsel zumindest theoretisch möglich macht, das dynamisch ist, das nicht von einem Einzelnen zu kontrollieren ist, das ist Autokraten vom Schlage Putins ein Graus. Deshalb wird er auch weiter alles tun, um das System zu destabilisieren, um die Spaltung des Westens voranzutreiben.

Deshalb hofiert er Europas Europa-Feinde, deshalb hat das Treffen in Minsk auch so schlechte Chancen. Es geht Putin nicht um Geländegewinne. Zerschossene Kleinstädte unter Kontrolle seiner Söldnerbanden, das ist kein Kriegsziel für Russland. Vielleicht geht es ihm nicht mal so sehr um Einflussspähren. Streitende, zweifelnde Europäer und Amerikaner, eine dauerhaft destabilisierte Ukraine, das ist ganz nach seinem Geschmack. So glaubt er beweisen zu können, dass unser System weniger Zukunft hat als sein Putinismus.

In diesem Wettbewerb aber hat Putin eigentlich schlechte Karten. Er ist es, der Angst haben muss, solange sein System nichts weiter zu bieten hat als die alten Rezepte, mit der schon die Sowjetunion arbeitete – und mit denen sie letztlich zerfallen ist. Drohung und Einschüchterung, Waffen und Misswirtschaft. Hinzu kommen die Aggression des Zukurzgekommenen und ein imperialer Fiebertraum.

Dem haben wir nichts entgegenzusetzen – außer unsere offene Gesellschaft. Wir sollten stolz auf sie sein. Und und wir sollten bereit sein, sie zu verteidigen.

Matthias Maus, Autor aus München, beobachtet Wladimir Putin bereits seit seiner Zeit als Politikchef der Münchner „Abendzeitung“.

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maSu am 10. Februar 2015

Theoretisch richtig. Praktisch suche ich die offene Gesellschaft hierzulande noch.