So macht sich RB Leipzig keine Freunde

Von Thomas Schmoll am 11. Februar 2015

Kein Verein in Deutschland wird derartig heftig mit Verachtung und Hass überzogen wie der Red-Bull-Verein. Der Rauswurf von Trainer Alexander Zorniger bestätigt alle Vorbehalte: Wer nicht liefert, der fliegt

Es ist Mode in Deutschland, bei Kritik jedes Maß zu verlieren. Hauptsache, es kracht. Hauptsache, es schmerzt. „Ein Österreicher ruft und ihr folgt blind. Wo das endet, weiß jedes Kind. Ihr wärt gute Nazis gewesen!“ So dümmlich und ätzend formulierten es Fans von Erzgebirge Aue an die Adresse des Milliardärs Dietrich Mateschitz, der wie Adolf Hitler aus Österreich stammt. Natürlich ist der Vergleich total absurd und beleidigend für den Red-Bull-Hersteller, den von ihm finanzierten Verein RB Leipzig, seine Spieler und Fans.

Kein deutscher Profiklub wird derartig heftig mit Hass und Fan-Boykotten bedacht wie RB Leipzig. Seine Kritiker betrachten den Verein als traditionsloses Kunstprodukt zur Vermarktung von Red Bull. Dass dem Klub ein hohes Maß an Wut und Verachtung entgegenschlägt – daran haben Mateschitz und sein Sportdirektor Ralf Rangnick maßgeblichen Anteil. Erinnert sei an das umstrittene Transfergebahren, die fragwürdige Vereinssatzung und Mateschitzens Finanzdoping.

Trotzdem ist die Kritik an RB nicht nur völlig überzogen, sondern auch scheinheilig. Geld regiert schon lange den Fußball – egal, ob Traditionsverein oder Retortenklub. Als sei zum Beispiel Gazprom ein total sympathischer Sponsor, denkt man nur an die üblen Verstrickungen des russischen Konzerns mit dem Kreml.

Die Entlassung von Alexander Zorniger als Trainer wird den Leipzigern allerdings weitere Sympathien kosten. Denn sie ist sportlich nicht nachvollziehbar und bestätigt nur die Kritik an RB Leipzig: Fußball verkommt zum reinen Business. Allein der Erfolg zählt: Wer trotz millionenschwerer Neuverpflichtungen in der Winterpause in Aue verliert, muss gehen. Danke und tschüss, Herr Zorniger!

Dass es auch anders geht, zeigt gerade Borussia Dortmund. Der BVB hält ungeachtet des Absturzes der Mannschaft eisern zu Jürgen Klopp. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gab dem charismatischen Coach selbst nach der katastrophalen Heimniederlage zum Auftakt der Bundesliga-Rückrunde gegen Augsburg eine Jobgarantie. Und RB Leipzig? Schmeißt Alex Zorniger raus, weil er im ersten Jahr in der 2. Liga nach dem Rückrundenstart „nur“ auf Platz sieben steht.

Dabei war es Zorniger, der mit dem Team den Durchmarsch geschafft hatte: von der 3. ging es sofort weiter in die 2. Liga. Das muss man erst einmal schaffen als Trainer – Millionen hin oder her. Dass Geld allein kein Garant für erstklassige Leistungen ist, zeigen Teams wie AS Monaco, Paris St. Germain oder Manchester City, die noch nicht einmal ein Abo auf nationale Titel haben, geschweige denn für die Champions League. Selbst RB-Leipzig-Verächter gestehen Zorniger erstklassige Arbeit zu. Seinem Team fehlen gerade einmal fünf Punkte zum Relegations- und sechs zum direkten Aufstiegsplatz. Doch RB-Sportdirektor Rangnick bedankt sich dafür nicht bei Zorniger, er gibt ihm den Laufpass.

Spätestens nachdem Rangnick angekündigt hatte, er wolle das Salzburger Red-Bull-Team links liegen lassen und sich allein der Aufgabe in Leipzig widmen mit dem Ziel, nicht mehr gegen Sandhausen und Aalen spielen zu müssen, sondern gegen Bayern München und Wolfsburg, war klar, was er von Zorniger erwartete: Den abermaligen Durchmarsch in die Bundesliga. Der aber trat lieber auf die Bremse, was ihn menschlicher erscheinen ließ als Rangnick. Mitte Dezember sagte der geschasste Trainer der FAZ: „Ein zweites Jahr in der zweiten Liga würde allen nicht schaden. Die Stabilisierung einer Basis, die man erreicht hat, ist mindestens genauso wichtig wie der Weg dorthin.“ Und: „Wir wissen hier doch gar nicht, wie es ist, keinen Erfolg zu haben. Darin sehe ich eine ganz große Gefahr.“

Zorniger sagte aber auch: „Ich will jeden Morgen zufrieden in den Spiegel schauen können.“ Das kann er nun. Denn im Abgang zeigte der Fußballlehrer Größe: „Aufgrund der mir gegenüber offen kommunizierten Absicht, im Sommer eine Veränderung vorzunehmen, ist es meiner Meinung nach besser, jetzt sofort einen Cut zu machen.“ Mit anderen Worten: Ich mache doch nicht den Lückenfüller, bis mein Nachfolger bekannt ist. Das wirkt sympathisch. Nun ist Thomas Tuchel angeblich Topkandidat in Leipzig. Wenn man sich Tuchels Abgang aus Mainz, wo er die Vereinsführung schockte, vor Augen führt, muss man sagen: Wer so agiert, passt besser zum knallharten und überehrgeizigen Rangnick.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, verfolgt als gebürtiger Leipziger seit Jahren die Entwicklung des Fußballs in seiner Heimatstadt.

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