Was wir von Jon Stewart lernen können

Von Falk Heunemann am 12. Februar 2015

Der wichtigste amerikanische Satiriker und Politikkritiker hat seinen Abschied angekündigt. Höchste Zeit, dass deutsche Kabarettisten ihn studieren – und ihn endlich richtig imitieren

Vor sieben Jahren sah ich Jon Stewart endlich mal persönlich, in New York. Zwei Stunden wartete ich mit hunderten seiner Fans vor seiner Studiotür in Manhattan, im Februar und bei Minusgraden. Für 20 Minuten Sendung. Sieben Minuten davon waren ein Interview mit einem Geschichtsautoren. Es war das das Warten wert. Ein zweiter Studiobesuch wird schwierig: Am Dienstagabend hat Jon Stewart seinen Abschied für dieses Jahr angekündigt. Eine Tragödie. Auch für Deutsche.

Tatsächlich ist die „Daily Show“ die wichtigste Show im amerikanischen Fernsehen und Vorbild für Nachahmer wie die „Heute Show“, „Die Anstalt“ und viele andere. Stewart war wichtiger als David Letterman oder Jay Leno, wichtiger auch als viele Nachrichtensendungen für die politische Meinungsbildung – das wurde durch Studien nachgewiesen. Seine „Korrespondenten“ haben inzwischen eigene Shows, werden Nachfolger von David Letterman (Stephen Colbert), haben dutzende Fernsehpreise gewonnen oder sind sogar dieses Jahr für den Oscar nominiert worden (Steve Carell). Als zum Beispiel 2010 die Tea Party mit immer schrilleren Parolen die Nachrichten dominierte, organisierte Jon Stewart eine „Rally to Restore Sanity“ vor dem Kongressgebäude in Washington. Mehr als 200.000 Menschen nahmen daran teil.

Könnte Oliver Welke das auch? Harald Schmidt? Jan Böhmermann?

Das Erfolgsrezept von Stewart:

* Das Unerwartete: John Stewarts Team hat es wie keine andere Show beherrscht, Erwartungen zu untergraben. Auch wenn die Sendung nicht ganz zu Unrecht als linksliberal gilt, nahm er er doch immer wieder Republikaner vor falschen Vorwürfen in Schutz, stellte linke Impf-Verweigerer auf eine Stufe mit der rechten Tea Party oder ließ Luft aus Skandalen, über die sich andere echauffierten. Er war zu stolz, die Erwartungen seines Publikums zu bedienen, nur um mehr Applaus zu bekommen – eine Haltung, die ihm dafür aber umso mehr Respekt und Zuschauer einbrachte.

* Die Tiefe: Die Sendung hatte oft keine Lust darauf, die selben Gags wie andere auch zu machen. Sie wollte Mehrwert schaffen. Bei Problemen gab sie sich nicht zufrieden mit oberflächlichen Erklärungen wie „weil es ihnen um die Macht geht“ oder „weil die da oben halt so sind“. Er zitierte Studien, lud Wissenschaftler, Autoren und Betroffene zu sich ein, gab Betroffenen die Chance, sich selbst zu entblößen. Nach den meisten seiner Sendungen fühlte man sich zudem gebildeter.

* Die Interviews: An Prominenten mangelte es Jon Stewart nicht. Jeder Filmstar schaute bei ihm vorbei und jeder wichtige Politiker, inklusive Barack Obama. Aber er interviewte auch einen entführten Journalisten aus dem Iran, den Autor eines Buches über die Weltwirtschaftskrise, Nobelpreisträger, afhganische Flüchtlinge und amerikanische 9/11-Feuerwehrmänner. Auf alle war er gut vorbereitet, debattierte ihre Standpunkte, traf den richtigen Ton – und war trotzdem unterhaltsam.

* Die Duelle: Die Sendung verstand es wie keine andere, fundiert kontrovers zu sein. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Folge vom 12. März 2009, inmitten der Finanzkrise. In einem mehrteiligen Interview diskutierte Jon Stewart mit dem TV-Finanzguru Jim Cramer, offenbarte dessen Befangenheit, dessen beschränktes Weltbild, die Blindheit und Befangenheit des Finanzjournalismus. Ohne aber respektlos zu werden. Freundlich im Ton, hart in den Fakten. Im deutschen Fernsehen läuft es oft leider umgekehrt.

* Jenseits der Parteienlogik: Jon Stewart war angenervt von Sendungen, die der Parteienlogik folgen. Zu jeder Problematik muss es einen Parteienvertreter geben – und einer von ihnen wird gewinnen. Bei Politik ging es ihm meist um Themen, nicht um Machtfragen, die wie Sportduelle inszeniert wurden. Man möge sich mal seinen Auftritt bei CNN Crossfire anschauen – seine Kritik dort lässt sich auch auf deutsche Shows (Talkshows wie Kabarett) anwenden.

* Die Recherche: Das Team bediente sich nicht einfach nur aus den aktuellen Zeitungen der Woche. Sie recherchierten, teils mehr als so mancher Journalist. So konnten den Verfall des Gesundheitsystems so dokumentieren und erklären, dass selbst ignorante Deutsche es verstehen konnten. Und sie wühlten tief im Videoarchiv, um Widersprüche durch Gegenüberstellung zu offenbaren.

* Die Korrespondenten: Bei der „Heute show“ gibt es sie mittlerweile auch – Mitarbeiter, die zwar im Studio stehen und so tun, als wären sie irgendwo vor Ort. An das Orgininal kommen sie aber nicht ran. Zum einen, weil die US-Vorbilder mehr Mut zur Peinlichkeit und zum Absurden haben. Zum anderen, weil die „Daily-Show“-Korrespondenten tatsächlich rausgehen, zum KuKluxKlan, zu Senioren in Florida, zu skurilen Bürgerinitiativen in Iowa. Solche Beiträge hatten sogar Rücktritte von Politikern zur Folge.

Die „Heute Show“ und die reformierte Sendung „Die Anstalt“ hatten das mal in Ansätzen. Das war ihnen aber offenbar auf Dauer zu aufwändig. Ist es, ja. Aber das ist wahrscheinlich die wichtigste Lektion von Jon Stewart: Wer es sich einfach macht, ist einfach langweilig.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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cottontail am 12. Februar 2015

Lieber Herr Heunemann, Ihre klugen, perlenden Texte sind für mich immer wieder ein Genuss, danke! Und beste Grüße von cottontail

Mirco am 24. April 2015

Sie bringen es exakt auf den Punkt, Herr Heunemann. Eine Anmerkung möchte ich aber hinzufügen: Es ist nicht nur der Aufwand, den die Macher der Heute-Show scheuen. Es fehlt ihnen auch einfach Mut. Der Mut, sich ausserhalb des hiesigen Medienmainstreams zu begeben. Da wird sich hundertmal über Herrn Brüderle lustig gemacht, wenn aber ein Grüner Politiker eine Konkurrentin mit "nur Titten und Beine" tituliert, da wird lieber kein Wort drüber verloren, es könnte ja sonst in der heimatlichen politisch korrekten Ecke ein klitzekleines Bißchen ungemütlich werden. Es gibt leider nur noch ganz wenige Kabarettisten in Deutschland, die den Mut zum Unbequemen haben, Oliver Welke gehört sicher nicht dazu. Ach, gäbe es die drei Tornados noch...Großer Seufzer...