Das Ende der Sinatra-Doktrin

Von Volker Warkentin am 13. Februar 2015

Michail Gorbatschow hat den Staaten des Ostblocks 1989 freie Hand gegeben. Später drehte Moskau dies wieder zurück. Und spätestens seit dem Minsker Abkommen gilt die Putin-Doktrin

Der Berg hat gekreißt und nach mehr als 17 Stunden ein Mäuslein geboren. Das Kind nennt sich Zweites Minsker Abkommen und soll das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen um den nach Russland drängenden Osten der Ukraine besiegeln. Von Sonntag an sollen die Waffen schweigen. Aber bis dahin geht das Morden weiter. Jede Seite wird versuchen, soviel Terrain wie möglich zu erobern beziehungsweise zu verteidigen. Danach wird ein brüchiger Waffenstillstand herrschen, der jeden Moment in einen Krieg umschlagen kann.

Russland, das die Separatisten in der Ukraine mit Waffen und wohl auch mit Soldaten unterstützt hat, wird im Nachbarland künftig das letzte Wort haben. Außer Spesen nichts gewesen, lautet die bittere Bilanz der Friedensbemühungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten François Hollande, die in Minsk mit Wladimir Putin und dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko verhandelt haben.

Minsker Abkommen? Klingt das nicht so ähnlich wie Münchner Abkommen? Im September 1938 triumphierte Adolf Hitler über Großbritannien und Frankeich. Er setzte durch, dass die Tschechoslowakei das Sudentenland an Deutschland abtreten musste. Die Demokratien in London und Paris nickten den Gewaltstreich des Diktators ab und waren sich sicher, Europa „Frieden für unsere Zeit“ (Neville Chamberlain) beschert zu haben. Ein Jahr später, im September 1939, begann der Zweite Weltkrieg. Am Ende lag das Deutsche Reich in Trümmern, das Land war geteilt und wurde erst 45 Jahre später wiedervereinigt. Große Teile Ost- und Mitteleuropas gerieten unter sowjetische Herrschaft.

Für die 1938 gedemütigten Tschechen und Slowaken, die nach dem verheerenden Weltkrieg unter das sowjet-russische Joch geraten waren, kam es drei Jahrzehnte nach München noch einmal besonders bitter. Der Prager Frühling, jener mutige Versuch der kommunistischen Führung, dem verkrusteten und dogmatischen Sozialismus ein menschliches Antlitz zu geben, wurde von sowjetischen Panzern niedergewalzt. Die Verbündeten der UdSSR, so lautete das militärisch verstärkte Machtwort aus Moskau, hätten nur eine begrenzte Souveränität. Die nach Staats- und Parteichef Leonid Breschnew benannte Doktrin war geboren.

Und dann jener glückliche Augenblick im Oktober 1989, als ein sowjetischer Funktionär die Ära der Sinatra-Doktrin verkündete. „Sie kennen Frank Sinatras Song ‚I Did It My Way’? Polen und Ungarn gehen nun ihren eigenen Weg. Die Breschnjew-Doktrin ist tot“, sagte ein Sprecher des damaligen sowjetischen Reformers Michail Gorbatschow der staunenden Weltöffentlichkeit. Damit war der Weg für den Sturz der kommunistischen Regime in Osteuropa frei. Die logische Folge war der Zerfall der Sowjetunion – aus Putins Sicht das größte Unglück des 20. Jahrhunderts.

Doch in der Geschichte sind glückliche Wendungen immer von kürzerer Dauer als unglückliche. Schon unter Putins Vorgänger Boris Jelzin wurde Sinatra immer weniger gespielt. Russland mischt sich immer öfter in die inneren Angelegenheiten der ehemaligen Sowjetrepubliken ein, siehe Transnistrien, Abchasien, Süd-Ossetien oder im vorigen Jahr die Krim. Der jetzige russische Machthaber nahm den Sinatra-Hit jetzt ganz aus dem Programm.

Es gilt die Putin-Doktrin. Breschnew lässt grüßen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, zählt Sinatras „I Did It My Way“ aus privaten und politischen Gründen zu seinen Lieblingssongs. Das Verhältnis zwischen Ost und West war schon in der jahrzehntelangen Tätigkeit für die Nachrichtenagentur Reuters eines seiner zentralen Themen.

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Zaunkoenigin am 15. Februar 2015

Lieber Herr Warkentin, dieses Mal haben Sie meine Gedanken zum Minsker Abkommen und der die Parallelen zum Münchner Abkommen 1:1 zusammengefasst.

Hoffen wir, dass wir uns irren.