Ganz schön mutig, Kai Diekmann

Von Andreas Theyssen am 27. Februar 2015

Alle Welt regt sich darüber auf, dass die „Bild“-Zeitung ihre Leser zum Protest gegen neue Griechenland-Hilfen auffordert. Wir nicht. Wir bewundern den Mut des Chefredakteurs, die Leser ordentlich zu fordern

Zugegeben, zunächst haben wir ja gedacht, dass Sie die Leser Ihrer „Bild“-Zeitung schon ganz schön fordern, Kai Diekmann. Vielleicht sogar überfordern.

Was ein Selfie ist, dürften die meisten Ihrer Leser noch wissen, schließlich sind es Menschen mit der Intellektualität eines „Bild“-Lesers, die Facebook mit Selbstporträts zumüllen und im Urlaub mit Selfie-Stange auffallen. Aber ob sie auch wissen, was ein pdf ist? Jedenfalls erscheint uns ihre Aufforderung, die „Bild“-Schlagzeile „NEIN! Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“ als pdf auszudrucken, mit ihr ein Selfie zu machen und das Ganze dann an „Bild“ zu mailen, ganz schön komplex. Zumindest für Ihre Leserschaft.

Schlicht ist sie jedenfalls. Denn jeder Leser, die sich den Text zu den „gierigen Griechen“ vor die Brust hält, beeindruckt durch enorme geistige Schlichtheit. Weil er nämlich übersieht, dass „die Griechen“ nicht gierig sind, sondern dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Nicht einmal ihr Premier Alexis Tsipras und sein irrlichternder Finanzminister sind gierig; sie haben lediglich andere Vorstellungen von  Vertragstreue als der Rest der EU.

Nun kann man zu recht sagen, dass die Griechen Jahrzehnte lang über ihre Verhältnisse gelebt haben. Nur: Wenn Angela Merkel oder Sigmar Gabriel bei der nächsten Bundestagswahl wider jede ökonomische Vernunft versprechen würden, Tausende neu in den Staatsdienst einzustellen und Wenigverdienern die Stromrechnung zu bezahlen – wer würde sie wählen? Doch wohl vor allem Ihre Leser, Kai Diekmann. Und nichts anderes haben „die Griechen“ getan. Würden Sie im umgekehrten Fall auch über die „gierigen Germanen“ schlagzeilen?

Aber halten wir uns nicht mit solchen Feinheiten auf. Denn dann müssten wir uns ja auch damit auseinandersetzen, dass es für die Deutschen, die Hauptprofiteure des Euros, deutlich teurer käme, wenn die Eurozone zusammenbräche als wenn man Athen noch die eine oder andere Milliarde leiht.

Bleiben wir beim Thema Leser-Überforderung. Ihre pdf-Ausdruckaufforderung ist wohl doch leseradäquat. Denn wahre digital natives würden „Bild“-Schlagzeile und Selfie wohl mittels Photoshop zusammenfügen und die von „Bild“ propagierte Form der Papier- und Druckerpatronen-Verschwendung umgehen.

Und an das Thema Selfie haben Sie, Kai Diekmann, Ihre Leser ja erfolgreich und höchstpersönlich herangeführt. Wobei wir nicht einmal das Monate lange Gesumse um Ihr zugewuchertes Gesicht  meinen. Sondern diese hübschen Bilder, die Sie etwa bei Facebook posten: Ich mit Apple-Chef Tim Cook, ich mit Iris Berben, ich mit Till Schweiger, ich, ich, ich.

Sie haben also alles richtig gemacht, Kai Diekmann. Danke für diesen aufklärerischen Akt.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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