Wrackt die deutsche Marine ab

Von Andreas Theyssen am 3. März 2015

Wolfgang Schäuble will der Bundeswehr mehr Geld geben. Das ist gut, reicht aber nicht. Denn die Truppe muss sich von dem Gedanken verabschieden, eine Allround-Armee zu sein

Zu früh ist dem Bundesfinanzminister die Idee wahrlich nicht gekommen. Der „Islamische Staat“ steht an den Grenzen des Nato-Partners Türkei, mitten in Europa, nur zwei Flugstunden von Berlin entfernt, bekämpfen sich Russland und die Ukraine. Und die deutsche Bundeswehr? Fällt vor allem auf durch Berichte über mangelnde Ausrüstung, demotivierte Soldaten, schief gelaufene Rüstungsprojekte.

Wolfgang Schäuble will der Bundeswehr ab 2017 mehr Geld zugestehen. Das ist gut, denn zum einen sind die nahezu täglichen Bundeswehr-Pannenmeldungen ein Armutszeugnis für Europas größte Wirtschaftsmacht. Zum anderen hat sich die Sicherheitslage in den letzten anderthalb Jahren verändert. Deutschland ist zwar immer noch von Freunden umzingelt, die Nato aber nicht mehr.

Bevor nun aber frisches Geld in die Truppe gesteckt wird, wäre es sinnvoll zu überlegen, was die Bundeswehr eigentlich leisten soll und was sie dafür braucht. Sie wird weiterhin Auslandseinsätze wie in Bosnien oder Afghanistan leisten müssen. Sie wird aber auch wieder für die Bündnis-Verteidigung gebraucht. Das heißt beispielsweise, das Heer braucht sowohl minensichere Dingo-Lkw als auch Leopard 2-Kampfpanzer. Und das wird teuer.

Da die finanziellen Mittel begrenzt sind, ist Schäubles neue Großzügigkeit ein guter Anlass, das Konzept der Bundeswehr auf den Prüfstand zu stellen. Muss die Truppe wirklich eine Allround-Armee sein mit Heer, Luftwaffe und Marine? Oder wäre es nicht sinnvoll, sich auf die Stärken wie Panzer- und Artillerietruppe zu besinnen – und den Rest von Nato-Partnern erledigen zu lassen?

Deutschland braucht nicht zwingend eine eigene Marine. Seine Küsten kann es auch von den gut ausgestatteten Nato-Partnern Niederlande, Dänemark und Polen schützen lassen. Im Gegenzug könnten diese dann ihre Panzerverbände schrumpfen oder gar ganz abschaffen. Diese Rolle würde Deutschland dann übernehmen.

Absurd? Keineswegs. Selbst Nato-Militärs stehen dem Vorschlag aufgeschlossen gegenüber, teilweise seit Jahrzehnten schon. Doch alle Reformbestrebungen scheiterten bislang an völlig unökonomischen nationalen Egoismen. Die Belgier glauben, ein paar Panzer besitzen zu müssen, um als vollwertig zu gelten, genauso wie die Deutschen meinen, sich partout eine Marine halten zu müssen.

Dabei gibt es ein gutes Vorbild, wie Arbeitsteilung innerhalb der Nato aussehen kann. Als die baltischen Staaten dem Bündnis beitraten, verzichteten sie darauf, kostspielige eigene Luftwaffen aufzubauen. Ihren Luftraum schützen andere Nato-Länder, darunter auch Deutschland, mit ihren Jets. Im Gegenzug kümmern sich etwa die Esten um einen Bereich, bei dem sie viel Knowhow haben: Cyberwar.

Anstatt also einfach Geld in die Bundeswehr zu buttern, könnte Berlin von den Balten lernen. Und intelligente Lösungen für ihre Problemtruppe finden.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, war u.a. verteidigungspolitischer Korrespondent der Zeitung „Die Woche“.

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