Sie sind ein Hoffnungsträger, Andreas Kümmert

Von Andreas Theyssen am 6. März 2015

Der Sieger des deutschen Vorentscheides für den European Song Contest verzichtet auf seinen Titel. Skurril? Nein, er macht damit allen ewig Zweiten Hoffnung

Zugegeben, so ganz haben wir Sie nicht verstanden. Da kämpfen Sie sich durch mehrere Runden, werden vom Publikum zum Sieger gekürt – und dann sagen Sie: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen.“ Und: Sie glauben nicht, dass Sie so gut sind wie die zweitplatzierte Sängerin Ann Sophie.

Was ist das? Großzügigkeit? Publikumsvera…? Angst vor der eigenen Courage?

Fragen über Fragen. Doch eines ist sicher, Andreas Kümmert: Ihr Verzicht auf den Siegertitel und die Vertretung Deutschlands beim Eurovision Song Contest in Wien macht Sie zum Hoffnungsträger aller ewig Zweiten.

Nehmen wir Bayer Leverkusen. Die spielen seit Jahren erstklassigen Fußball, national wie international. Doch für einen Titel hat es nie gereicht. Die Leverkusener können nun hoffen, dass am Ende der Saison Folgendes passiert: Pep Guardiola weist die Meisterschale zurück mit den Worten: „Ich glaube nicht, dass wir so gut sind wie Bayer Leverkusen.“

Nehmen wir Sigmar Gabriel. Der macht seit Jahren einen ordentlichen Job, aber weder er noch seine Sozialdemokraten kommen bei Wahlen und in Umfragen so richtig von der Stelle. Er kann nun hoffen, dass nach der nächsten Bundestagswahl Angela Merkel sagt: „Ich danke für das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler. Aber ich glaube nicht, dass wir so gut sind wie der Sigi und seine SPD.“

Nehmen wir Prinz Charles, Wladimir Putin, Thomas Anders und all die anderen, die ewig Zweite sind. Sie dürfen nun Hoffnung schöpfen. Und das haben Sie bestimmt im Sinn gehabt, Andreas Kümmert. Denn ansonsten würde Ihr Coup keinen Sinn machen. So absolut gar keinen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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