Gebt der taz keine Almosen

Von Falk Heunemann am 12. März 2015

Die linke „Tageszeitung“ geht wieder einmal auf Betteltour, diesmal im Netz. Dabei steht sie wie keine andere für die drei Grundprobleme des aktuellen Medienbetriebs

Die taz ist im Grunde die Traumzeitung der Journalisten: Sie schreibt, worüber sie will (Gerichtsurteile in der Elfenbeinküste, Wölfe zurück in Brandenburg), gönnt sich täglich ein paar Frechheiten auf der ersten Seite, leistet sich die Haltung „Wir wissen es besser“. Und nicht zuletzt: keiner der Kollegen verdient viel mehr als der andere.

Nun ist die alte linke Dame wieder einmal in der Krise. Online bettelt der Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch wieder einmal um den Abschluss von Solidaritäts-Abonnements, nicht wie sonst immer als Printabo, sondern Online. Und prompt springen namhafte Journalisten dem Blatt zur Seite, sogar SZ-Vizechefredakteur Stefan Plöchinger spendet, zumindest ein paar warme Worte per Gastkommentar. Dabei ist es Zeit endlich einzusehen: Die taz zeigt, was derzeit falsch läuft im deutschen Journalismus.

Die Haltung. Taz-Macher und -Leser berauschen sich seit Jahren daran, dass die linke Zeitung wie kaum eine andere zu ihren angeblichen Prinzipien steht. Jenseits dieser überzeugten Ideologen jedoch wirkte das häufig nicht nur arrogant. Viel schlimmer noch: Man konnte oft schon vorher ahnen, was die Zeitung schreibt, wie sie sich positioniert, wer in ihren Augen der Gute und wer der Böse ist. Erwartbarkeit jedoch führt zu Langeweile. Und wenn das Überraschende allein die Seite-Eins-Überschrift ist, dann gibt es für Gelegenheitskäufer kaum noch einen Grund, am Kiosk zuzugreifen. Die taz-Haltung ist zur ideologischen Beschränkung und abschreckenden Selbstverblendung verkommen.

Das Spendenmodell. Die Taz verzichtet – halb freiwillig, halb marktbedingt – weitgehend auf Anzeigen, sie setzt vor allem auf Abo-Einnahmen. Die kommen aber häufig nicht dadurch zustande, dass Leser mit Inhalten gewonnen oder mit Prämien geworben werden. Vielmehr werden sie ständig angebettelt – wer wieviel zahlt, ist aber den Lesern überlassen. Im Print hat dies bislang einigermaßen funktioniert. Inzwischen versucht der Verlag aber auch bei taz.de: Die Netzleser werden um eine freiwillige Spende aufgefordert. Was hat es gebracht? 12.687 Euro hat die Zeitung online eingenommen, im gesamten Jahr 2014 waren es rund 125.000 Euro.Das mag nach viel Geld klingen, tatsächlich macht diese Summe nicht einmal ein Prozent des Jahresumsatzes von rund 20 Millionen aus. 250 Mitarbeiter sind damit nicht zu bezahlen, wie schlecht sie auch bezahlt werden mögen. Zudem scheint das Spendenpotenzial im Internet erschöpft zu sein: Die Einnahmen sind in den vergangenen zwei Jahren nur unwesentlich gestiegen. Allein dem Leser die Preisgestaltung zu überlassen, reicht einfach nicht. Zumal, wenn er die Inhalte auch umsonst bekommt. Das dürften wohl auch die „Krautreporter“, ein Online-Portal, zu spüren bekommen, sobald die Spendenzusagen aus dem Aufbruchsjahr auslaufen.

Die Selbstausbeutung. Der taz-Verlag ist der größte Ausbeuter im deutschen Medienbetrieb. Die festangestellten Redakteure verdienen – nach taz-eigenen Angaben – ein Drittel weniger als der Tarifvertrag für Zeitungsjournalisten vorsieht (Tarif: 2870 Euro/Monat). Volontäre beziehen nicht einmal 1000 Euro – die Hälfte des Tarifs. Angestellte können damit weder die Mieten in Berlin zahlen, noch dürfen sie mit einer auskömmlichen Rente rechnen, sie sind schließlich Geringverdiener. Trotz Abitur, Studium und Berufsausbildung. Der Verlag sagt, er könne sich nicht mehr leisten, und die Journalisten machen dabei mit, sie arbeiten Teilzeit für andere, gutbezahlende Firmen oder haben besserverdienende Partner. Aber: Was hat es genutzt? Ist die Qualität dadurch besser geworden? Wurde die Zeitung dadurch so bezahlbar, dass sie de Auflage steigern konnte? Weder das Eine noch das Andere ist eingetreten. Es hat nur die Gefahr der Altersarmut für ihre Redakteure erhöht – und das ökonomische Dahinsiechen der Zeitung verlängert.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Zaunkoenigin am 12. März 2015

Herr Heunemann.... was ist für einen unabhängigen Journalismus an dem Geschäftsmodell "Anzeigekunden" besser?

Falk Heunemann am 12. März 2015

Hallo Zaunkönigin,
ich sage nicht, dass die taz auf das Modell "Anzeigenkunden" umsteigen soll. Nur ihr bisheriges Modell funktioniert einfach nicht: Es erreicht immer weniger Leser (Die verkaufte Auflage fiel in den letzten zehn Jahren um 10% auf unter 55.000) und die Macher können davon nicht leben, die schlecht bezahlten Mitarbeiter müssen sich anderweitig subventionieren, durch Nebenjobs (teilweise besser zahlendes Corporate Publishing!) oder durch gut verdienende Partner. Vielleicht müssen die Verkaufspreise erhöht werden, vielleicht muss sie das Stiftungsmodell ausbauen, vielleicht auch eine ganz andere Lösung finden. Aber die bisherige Geschäftsgrundlage funktioniert nicht, das sollte die taz sich eingestehen.

Saure am 12. März 2015

gute Analyse.

Zaunkoenigin am 12. März 2015

Danke Herr Heunemann. Mit dieser Erklärung wird für mich das Bild runder. Nun kann ich mich ihrer Argumentation anschließen. Vorher fehlte mir da noch etwas zur Stimmigkeit.