Friede, Freude, Griechenland

Von Thomas Schmoll am 14. März 2015

Man streitet wie verrückt und sendet Drohungen aus. Trifft man sich in Brüssel, ist wieder alles wunderbar. Einen Tag später folgt die nächste Attacke. Die deutsche Bevölkerung hat mehr und mehr die Nase voll davon. Traurig für Europa

Endlich ein Tag der Versöhnung voller friedensstiftender Nachrichten. Die griechische Regierung zieht – wieder einmal – eigene Drohungen zurück. Alles – wieder einmal – nicht so gemeint. Nun will sie doch keine Islamisten und andere Flüchtlinge nach Deutschland schicken. Migrationsministerin Anastasia Christodoulopoulou erklärte beim EU-Innenministerrat, die Aussagen von Verteidigungsminister Panos Kammenos seien „nicht die Haltung der griechischen Regierung“. Wie beruhigend. Dann ist ja – wieder einmal – alles in Butter.

Vielleicht war die Aussage von Justizminister Nikos Paraskevopoulos, die Pfändung deutscher Immobilien in Griechenland zu erlauben, ja auch nur seine Privatmeinung. Und die Angriffe von Finanzminister Yanis Varoufakis auf Wolfgang Schäuble? Kommt halt vor. Dem deutschen Kassenwart ist dafür schließlich sein Ausspruch vom „unkontrollierten Grexit“ auch nur so rausgerutscht.

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hält die verbalen Scharmützel für Irrtümer. „Ich denke, dass wir am Ende all diese Missverständnisse ausräumen können“, verkündete er allen Ernstes vor einem Treffen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Berlins Regierungssprecher Steffen Seibert sekundierte: „Wir wollen Griechenland ein guter Freund und Partner sein.“ Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem mahnte: „Es gibt viel verbale Gewalt, und das führt zu nichts.“

Eitel Sonnenschein bis zum nächsten Streit

Soll heißen: Wir haben uns wieder alle ganz doll lieb, weil wir doch gemeinsam den Euro retten wollen, dieses wunderbare Projekt der europäischen Integration. Wie immer, wenn sich die Kontrahenten in ihrem Ringen um Milliardenzahlungen oder -geschenke treffen, herrscht verbales Abrüsten und eitel Sonnenschein. Das ist natürlich gut und richtig so. Denn die Kompromisssuche mit happy end ist schon immer Europas große Stärke. Das Problem daran aber ist zunehmend: Den Beteuerungen glaubt niemand mehr so richtig –  erst recht, wenn sie so gestelzt daherkommen wie die Worthülsen eines Sprechers von Juncker: „Wir sind optimistisch in dem Sinn, dass der Ball jetzt in Bewegung ist, dass wir miteinander reden und einen strukturierten Prozess haben.“

Die EU-müden Bürger können derlei Gerede nicht mehr hören, weil sie ahnen: Schon wird die nächste abstruse Forderung in den Raum gestellt und ist das nächste Interview in Arbeit, wo Varoufakis und seine Links-Rechts-Mitstreiter etwas fordern, was sie zwei Tage später relativieren oder zurücknehmen, um es eine Woche später zu bekräftigen. Dieser zunehmende Frust über die Friede-Freude-Griechenland-Kakophonie ist längst nicht mehr allein Sache der  Anhänger des rechtskonservativen Lagers. Wer nur an die AfD denkt, irrt. Diese Stimmung erreicht die Mitte der Gesellschaft.

Seriös findet die Athener Regierung kaum ein Deutscher

Laut dem neuen ZDF-Politbarometer sind 52 Prozent dafür, dass Griechenland den Euro gegen die Drachme eintauscht – ein horrender Anstieg von elf Prozentpunkten im Vergleich zum Ergebnis von vor knapp einem Monat. Noch 40 Prozent der Bürger möchten Hellas in der Eurozone halten. (Der Rest hat keine Meinung dazu.) Begleitet wird dies von tiefem Misstrauen. Ganze 14 Prozent der Befragten glauben, dass Athen das Land wirklich reformiert, 82 Prozent bezweifeln es. Nur jeder zehnte Deutsche bescheinigt Tsipras und Co. seriöses Verhalten gegenüber den Partnern.

Damit auch die übrigen 40 Prozent vom Glauben an Hellas abfallen, legte Verteidigungsminister Kammenos ausgerechnet in dem Presseorgan nach, das bisher nicht gerade zimperlich mit Griechenland und erst recht nicht mit dessen Regierung umgesprungen ist. In der „Bild“-Zeitung warf der Rechtsradikale dem deutschen Finanzminister in Sachen CDU-Spendenaffäre Korruption vor und unterstellte ihm psychologische Kriegsführung gegen Athen. „Schäuble vergiftet damit die Beziehungen zwischen beiden Ländern.“ Schließlich wollten „einige uns regelrecht aus der Eurozone drängen“.

Wirklich? Welche Regierung will das denn? Das Muster ist bekannt: Milliarden aus den Kassen der anderen Eurostaaten verlangen und deren Regierung, vor allem Deutschland, dafür bepöbeln, beleidigen und hinterher von Missverständnissen sprechen. Wenn das in dieser Rasanz weitergeht, ist der Euro politisch tot. Da helfen dann auch keine Friede-Freude-Eierkuchen-Statements mehr. Traurig für Griechenland – traurig für Europa.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, war unter anderem finanzpolitischer Korrespondent der Nachrichtenagenturen Reuters und AP. Er ist erklärter Anhänger des europäischen Gedankens und macht sich daher umso mehr Sorgen über die Entwicklung.

 

 

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