Die neuen Spießer von links

Von Volker Warkentin am 17. März 2015

Das ursprünglich rechts verortete Spießertum hat sich nach links verlagert. Es lebt vegan, ist überfürsorglich für seine Kinder und grundsätzlich gegen Neubauten, Flugreisen, Impfen – und genauso borniert wie die Jägerzaun-Fraktion

Sie sind jung, erfolgreich, haben ein gutes Einkommen und wollen die Welt retten. Politisch tendieren sie nach links und zu den Grünen. Doch bei aller zur Schau getragenen Weltläufigkeit sitzen sie im Krähwinkel und betrachten griesgrämig ihre Umwelt.

Ein neues Spießertum gibt mittlerweile in den chic und teuer sanierten City-Altbauvierteln unserer Großstädte den Ton an. Besonders auffällig ist das in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg, dort allerdings einige Einkommensklassen niedriger.

Das ursprünglich im rechten Spektrum verortete Spießertum hat sich nach links verschoben. Die Kehrwoche hat – zumindest in vielen Köpfen – Einzug gehalten. Die Städte sind beliebig, können auch Hamburg, München, Köln, Leipzig oder Frankfurt heißen.

Waren in den 1950-er Jahren Reihenhaus, Jägerzaun und Mercedes die Insignien kleinbürgerlicher Selbstherrlichkeit, so sind es heute Apple-Computer, Retro-Sneaker, vegane Ernährung und eine Überfürsorge für die Kinder. Beide Strömungen verbindet die Angst vor dem Wandel – und eine gewisse Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Damals wie heute richtet man sich gerne in der Behaglichkeit des eigenen Weltbildes ein: Alles soll so bleiben wie es ist.

So ist dem neuen Spießertum vor allem das Bauen ein Dorn im Auge. Die Verteidigung der Idylle – unterfüttert von der Haltung „Es gibt schon genug hässliche Architektur“ – obsiegte im vorigen Jahr über Pläne des Berliner Senats, auf einem kleinen Teil des riesigen Flughafens Tempelhof Wohnungen zu bauen. Das mitten in der Millionen-Metropole gelegene Areal bleibt als Stadtbrache ein Paradies für Urban Gardening, Skaten, Biken und Joggen für diejenigen, die bereits in ihren sanierten Altbauwohnungen gut leben. Daran hätte auch der Bau einer kleinen Zahl von Wohnungen nichts geändert. Von neuem Wohnraum wäre aber ein weithin sichtbares Signal gegen steigende Mieten ausgegangen. Und Großprojekte wie etwa Olympische Spiele gehen gar nicht – zu kommerziell!

Zurzeit verbeißt sich das Milieu in der Debatte über das Impfen gegen Kinderkrankheiten wie die gerade in der Hauptstadt grassierenden Masern. Ein zusätzliches Konjunkturprogramm für die Pharma-Industrie, schimpfen sie. Man dürfe doch gesunde Kinder nicht mit Krankheitserregern traktieren. Und dann die Impfschäden! Das Impfen Leben rettet, gerät dabei aus dem Blickfeld.

Dabei geben sich die guten Leute eigentlich extrem kinderfreundlich und demokratisch. So lassen sie ihre Kids, sobald sie die ersten Worte stammeln können, schon darüber entscheiden, ob sie ihren Dinkelkeks lieber mit Zwiebel-Knoblauch-Krokant oder mit einem Überzug aus veganer Vollmilchschokolade wollen. Kinderlose Erwachsene sollten sich tunlichst der Bitte enthalten, den Sprösslingen doch Grenzen aufzuzeigen. Da werden Helikopter-Eltern zu Hyänen.

Überhaupt die Gesundheit und die Ernährung: Der überzeugte Öko-Spießer zeichnet sich als Hypochonder aus, trinkt laktosefreie Milch und isst glutenfreies Mehl, so als würden Allergiker in Deutschland die Mehrheit und nicht die Minderheit stellen.

Absolutes No-go: Flugreisen. Sie hinterlassen schließlich einen„ökologischen Fußabdruck“. Ihr Fernweh stillen unsere Freunde mit dem Rad, wodurch sich der Horizont naturgemäß nur eingeschränkt erweitern lässt.

Besonders gern aber geißeln die neuen Gutmenschen Tierquälerei. Der jüngste Bannstrahl traf den Privatsender RTL, der für die Sendung „DSDS“ Dieter Bohlen und Heino in Thailand auf Elefanten reiten ließ. Das gehe so wenig wie Füttern, Streicheln oder Baden, schimpfte die Biologin Daniela Freyer von Pro Wildlife: „Diese Elefanten haben ein Martyrium hinter sich.“ Die hypersensiblen Dickhäuter mussten wohl die Sendung angucken und Bohlen sowie Heino beim Singen zuhören.

Zur Ehrenrettung der neuen Rechtschaffenen lässt sich ins Feld führen, dass sie nicht die Dumpfbackigkeit der klassischen Spießer besitzen. Hinter ihrer Voreingenommenheit verbergen sich vermutlich große Unsicherheiten und Ängste. Die Welt ist voller Bedrohungen, ob Ukraine, Griechenland, islamistischer Terror oder Klimawandel. Da gibt ein fest gezimmertes Weltbild, das Gut und Böse, Falsch und Richtig, Schwarz und Weiß markiert, die ersehnte Sicherheit.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, bemüht sich, eigene spießige Neigungen im Keim zu ersticken – nicht immer mit Erfolg. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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Monika am 17. März 2015

Wohl noch keinen klassischen Spießer getroffen? Komm mal vorbei. Is genau das gleiche. Bloß ham wir klassischen Spießer nie die Deutungshoheit besessen. Und wir sind immer arm gewesen. Oder grade nicht mehr arm.

Zaunkoenigin am 18. März 2015

wenn man RTL nicht mag, dann ist man ein Spießer?
Wenn man Impfen kritisch gegenüber steht und das auch noch begründen kann, dann auch?
wenn man die Vielfliegerei hinterfragt toppt man den Standardspießer?

Ja? Wirklich?

Wollen Sie nicht lieber einmal all das selbst hinterfragen?

Was macht ein Flug mit ihnen? Wessen setzen Sie sich aus und was macht es mit der Umwelt?

Was ist noch alles in den Impfstoffen enthalten? Wieviel Impfen ist sinnvoll? Wo nimmt das Risiko überproportional zu und die Einnahmen der Pharmaindustrie auch?

Ja mei... Herr Warkentin .. sie machen mich mit diesem Artikel regelrecht sprachlos.

Volker Warkentin am 19. März 2015

@zaunkönigin

Liebe Zaukönigin,

ich weiß nicht, wo der Zaun steht, von dem aus Sie die Welt beobachten. Möglicherweise leben da nicht so viele der Menschen, die ich in meinem Beitrag beschrieben habe.

Natürlich können wir über Flugreisen ebenso diskutieren wie den Sinn oder Unsinn von Impfungen oder den Belag von Dinkelkeksen, Mit ging es darum deutlich zu machen, dass hinter den hehren Ansprüchen bestimmter Kreise ein gerüttelt Maß Engstirnigkeit steckt.

Vielleicht lesen Sie meinen Kommentar noch einmal unter diesem Blickwinkel. Möglicherweise bemerken Sie dann auch die vielen Schilder mit der Aufschrift "Ironie".

Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühlingstag.

Volker Warkentin

Zaunkoenigin am 19. März 2015

Lieber Herr Warkentin,
vielleicht hatte ich Mühe - auch wenn ich es sequentiell geschafft habe - den Humor hinter den Zeilen zu entdecken, weil ich solche Pflänzchen tatsächlich nicht im Umfeld habe. Ich lebe in keiner Unistadt (hier könnte es sein, dass ich diese Spezie antreffen könnte) und ich lebe auf dem Land - und dann noch bodenständig süddeutsch. Jawoll!

Da gibt es zwar die eifrigen Übermütter aber beim Neubau wäre der Spass schon vorbei. Immerhin wollen wir hier alle "Häusle baue" ;-). Und eine Flugreise gehört hier nach wie vor zum Statussymbol und deshalb dazu, während Dinkelkekse durchaus ein ernst zu nehmendes Dikussionthema sein könnten. Auch die Frage ob mit oder ohne Schoko. (die armen Kinder)

Sie sehen, schon innerhalb Deutschlands scheint es Kulturunterschiede zu geben.. deshalb .. nix für ungut Herr Warkentin.