Der Möchtegern-Muslim-Chef

Von Martin Benninghoff am 18. März 2015

Aiman Mazyek, der Chef des Zentralrates der Muslime, hat es geschafft, als das Gesicht der Muslime in Deutschland angesehen zu werden. Dabei ist sein Einfluss gering und seine Organisation fragwürdig

Fast könnte man meinen, dieser Mann, Aiman Mazyek, gehöre zu den Mächtigen Deutschlands.

Am 8. März twittert der „Bild“-Chefreporter Hans-Jörg Vehlewald ein Gruppenfoto aus den heiligen Hallen des saudischen Königs Salman: In der Mitte der frischgekürte, aber greise Absolutist, Herrscher über knapp 29 Millionen Untertanen; daneben der mächtige Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Büchele, Herr über einen weltweiten Umsatz von rund 16 Milliarden Euro; daneben Deutschlands Botschafter in Riad, Boris Ruge; ein immerhin ehemaliger Bundesminister mit guten Beziehungen in den arabischen Raum, Peter Ramsauer; und schließlich der Vizekanzler und Wirtschaftsminister der viertgrößten Wirtschaftsmacht der Welt, Sigmar Gabriel.

Und dann er: Aiman Mazyek. Der „Muslime-Chef“, schreibt der „Bild“-Reporter. Im Land des „Hüters der Heiligen Stätten von Mekka und Medina“ darf das Oberhaupt der deutschen Muslime natürlich nicht fehlen.

Das Problem ist nur: Mazyek ist so gesehen ein Hochstapler.

Innerhalb der muslimischen Communities hat er wenig zu sagen, und seine Organisation, der Zentralrat der Muslime (ZMD), ist – entgegen der Anmaßung im Namen – eine ziemlich kleine Klitsche. Im Koordinationsrat der Muslime, einem Zusammenschluss von vier islamischen Organisationen, der mit Abstand kleinste: Ditib, der Ableger der türkischen Religionsbehörde in Deutschland, vereint rund 950 Moscheegemeinden unter einem Dach, der ZMD vertritt nur einige wenige Dutzend Gemeinden. Dazwischen liegen noch der VIKZ sowie der Islamrat.

Trotz der geringen Mitgliederstärke ist der ZDM-Chef Mazyek das Gesicht der Muslime in Deutschland geworden. Redegewandt. Eloquent. Kann viele Sätze in flüssiger Reihenfolge zu einem erquicklichen Ende bringen. Sohn eines Syrers und einer Deutschen. Durch und durch „Öcher Jung“, also gebürtiger Aachener. Medienexperte. Er weiß, wie öffentliche Auftritte funktionieren. Duzt sich mit Sigmar Gabriel. Hat bei der Mahnwache am Brandenburger Tor nach dem Charlie-Hebdo-Attentat eine gute Rede gehalten, mal wieder auf Tuchfühlung mit den wichtigen und mächtigen Männern und Frauen des Landes.

Das ärgert natürlich die anderen Islamvertreter, die eigentlich viel mehr Einfluss haben, weil sie über viel mehr Moscheegemeinden wachen. Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga tut sich schwer mit Medienauftritten, kaum besser Erol Pürlü, derzeitiger KRM-Sprecher. Sie wirken hölzern und stockkonservativ, speziell Ditib als Ableger einer türkischen Staatsbehörde gilt der deutschen Politik nicht gerade als vertrauensselig. Da kommt ein Mann wie Mazyek wie gerufen, der so agiert und aussieht wie alle gut vernetzten und umtriebigen Funktionäre in Deutschland agieren und aussehen. Zumal die Politik ja immer nach dem einen Ansprechpartner der Muslime ruft. Mazyek sitzt am anderen Ende der Leitung und hebt den Hörer ab.

Er ist ja ein Mann, mit dem man reden kann. Der viel Verständnis hat für die Wünsche und Forderungen der Politik an Islamvereine. Er geht weit in dem, was er organisierten Muslimen abverlangt, wenn er beispielsweise nach einem Islamgesetz ruft, wie es die Österreicher neulich verabschiedet haben. Das gefällt der Politik. Andererseits feiert er das neuerliche Kopftuchurteil, das Frauen mit Kopftuch den Weg in den Schuldienst ebnet. Ein Mann, der in der Öffentlichkeit Freiräume für seine Mitglieder auslotet, ihnen andererseits einiges abverlangt. Einer, der zwischen Welten wandeln kann und sich sowohl mit Bundesministern als auch Vorstadt-Imamen blendend verstehen kann.

Merkwürdig ist nur, dass dieser Mann seit Jahren an der Spitze einer Organisation steht, die so gar nicht zum Bild der Staats- und Gesellschaftsnähe passt: Der ZMD vertritt ein problematisches Programm, das kaum Frieden zwischen den Religionen stiftet – ein Anliegen, das Mazyek sonst so gerne in Interviews herausstellt. So soll eine muslimische Frau keinen Nicht-Muslim heiraten! Eine stockkonservative Auslegung des Islam, die dazu dient, die eigene Gruppe zusammenzuhalten. Dahinter stehen ein reaktionäres Frauenbild und eine spalterische Vorstellung von Gesellschaft. Zudem ist mit der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) ein ultrakonservativer Islamverein Mitglied beim ZMD, der noch konservativer als der ZMD ist.

Mazyek als Person verdeckt diese fragwürdigen Puzzleteile – vielleicht sollte die Politik sich nicht allzu leicht blenden lassen.

Martin Benninghoff ist Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“ (ARD). Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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