Deutsch-nationaler Muff im Offizierskorps

Von Volker Warkentin am 23. März 2015

Der Bürger in Uniform gilt als Leitmotiv der Bundeswehr. Doch jetzt wird dieses Modell gegen den Militarismus in Frage gestellt – ausgerechnet von jungen Offizieren der Helmut-Schmidt-Universität

In der Elite der Bundeswehr braut sich Ungutes zusammen. Junge Offiziere nehmen den Staatsbürger in Uniform ins Visier und machen im nassforschen Kasinoton deutlich, dass ihnen die ganze Richtung nicht passt. Ihr Idealbild hat mit Demokratie wenig zu tun und erinnert an Zeiten, in denen Soldaten mit angelegter Hand an der Hosennaht „jawoll“ brüllten.

Das Konzept des Bürgers in Uniform auf den Müllhaufen werfen wollen mehrere junge Offiziere, die nach ihrem Kampfeinsatz in Afghanistan an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg Politik, Geschichte und Erziehungswissenschaften studieren. „Der Staatsbürger in Uniform hat ausgedient. Wir brauchen den archaischen Kämpfer und den, der den High-Tech-Krieg führen kann“, stellen sich die Autoren des Sammelbandes „Armee im Aufbruch“ hinter Äußerungen des früheren Heeres-Inspekteurs Martin Budde aus dem Jahr 2011.

Die Herren Offiziere im Leutnantsrang machen die zivile Gesellschaft als Ort verächtlich, „in dem Selbstverwirklichung, Konsumlust, Pazifismus und ein gewisser Egoismus die Essenz gesellschaftlicher Werte bilden“. Die Truppe müsse einen Gegenpol darstellen. „Egoismus und Pazifismus können in einer Armee keinen Platz haben“, lautet die Schlussfolgerung von Leutnant Florian Rotter.

Die Autoren wollen zurück zu jenen Zeiten, in denen die Soldaten spätestens in der Kleiderkammer demokratische Rechte und politisches Denken abzulegen hatten. An die Stelle des unnötig politisierten Offiziers sollte ihrer Ansicht nach der professionelle Führer treten, der durch eine hohe Opferbereitschaft nach militärscher Ehre strebe. Leutnant Jan-Philipp Birkhoff verlangt eine „mentale Revolution“, die für die „Reinigung des Offiziersstandes“ sorge.

Als sei er ein Monokelträger aus Kaisers Zeiten versteigt Birkhoff sich zu der Forderung nach einem homogenen Führerkorps. Es solle den Kontrast zu einer als „postheroisch“ beschriebenen Gesellschaft bilden, zu der mehr denn je „Dekadenz, unkontrollierte Gewalt und Rücksichtslosigkeit“ gehörten. Hinzu kämen „Defätisten, radikale Hedonisten und arrogante Selbstdarsteller“. Mit einem Begriff wie dem des Verfassungspatriotismus wollen die jungen Herren nichts zu tun haben, weil er einerseits zu theoretisch „und für die brutale Praxis des Gefechts zu unbeständig“ sei. Für Leutnant Martin Böcker ist das Konzept des Staatsbürgers in Uniform allenfalls eine abstrakte Kopfgeburt.

Solche und ähnliche Zitate lassen erschrecken. Dabei ist der Bürger in Uniform gerade in den Zeiten von Kampfeinsätzen der Bundeswehr gefragter denn je. Schließlich müssen die Soldatinnen und Soldaten im Kampf etwa gegen den islamischen Extremismus notfalls ihr Leben geben – und das Tausende Kilometer von der Heimat entfernt. Außerdem sollen sie bei Auslandseinsätzen das demokratische Deutschland repräsentieren und nicht Erinnerungen an Hitlers Wehrmacht wecken

Normalen Studenten, denen in ihrer schlagenden Verbindung die Gäule durchgegangen wären, wären – hoffentlich – irgendwann Verfassungsschutz und Polizei auf die Bunde gerückt. Doch die Studenten der Helmut-Schmidt-Universität sind gut besoldete junge Offiziere, die zur Verfassungstreue verpflichtet sind. Sie werden bald für das Wohl und Wehe ihrer Untergebenen Verantwortung tragen und um 2035 auf dem Sprung in die Generalität sein.

Das Denkgebäude der jungen Leutnante mufft bedenklich nach deutsch-nationalem Herrenzimmer, in das seit Jahrzehnten keine Frischluft mehr eingelassen wurde. Darin schwebt der Geist des früheren Heeres-Inspekteurs Albert Schnez, der um 1970 herum Bundeswehr und Gesellschaft in Richtung Kommiss neu ausrichten wollte. Zurückgepfiffen wurde der schneidige General vom nicht minder schneidigen SPD-Verteidigungsminister Helmut Schmidt, dem Namensgeber der Hamburger Bundeswehr-Uni .

Als Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt (Ibuk) sollte sich Ministerin Ursula von der Leyen ein Beispiel an Schmidt nehmen, in Hamburg durchgreifen und mindestens das Lüften des Herrenzimmers befehlen. Noch besser wäre es, sie brächte zum Ausmisten einen eisernen Besen mit.

Damit allein ist es allerdings nicht getan. Denn die jungen Offiziere lassen ihrem berechtigten Frust über die Gleichgültigkeit der zivilen Gesellschaft gegenüber der Bundeswehr freien Lauf. Eine breite gesellschaftliche Debatte über die Truppe ist dringender denn je,

Volker Warkentin, ist Autor in Berlin und Gefreiter der Reserve. Glücklicherweise ist er mittlerweile zu alt für militärische Einsätze.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 17 Bewertungen (3,82 von 5)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zaunkoenigin am 23. März 2015

Herr Warkentin, ich habe das Buch nicht gelesen. Vermutlich bin ich hier nicht in der Minderheit. Deshalb kann ich wenig zum Buch bzw. zu den Aussagen in der Gesamtheit etwas sagen.

Beim Lesen einiger Statements dieser jungen Offiziere ist mir jedoch mehrfach durch den Kopf gegangen, dass man sich erst einmal fragen sollte, warum von jungen Menschen solche Aussagen getroffen werden. Und warum das ausgerechnet Soldaten schreiben, die im Auslandseinsatz waren. Als Erstes frage ich mich, ob diese Aussagen tatsächlich etwas mit "Herrendenken" zu tun hat, oder mehr den Erfahrungen im Kriegseinsatz entsprungen ist. Wie gesagt, ich habe das Buch nicht gelesen, aber dieser Frage sollte man sich als Leser vor dem Fällen eines Urteils auch stellen.

In einem kann ich sogar folgen, bzw. vertrete eine ähnliche Meinung. Die heutige Bundeswehr ist aufgrund diverser Auslandseinsätze eine andere als die vor 20 Jahren. Die Aufgaben sind andere geworden und die Wertschätzung geringer. Die Altersabsicherung auch. Ich vertrete ebenfalls die Meinung, dass in dieser Bundeswehr (so, wie sie heute ist und welche Ziele sie verfolgt) kein Otto-Normal-Bürger etwas zu suchen hat. Nicht, weil ich ihn weniger klug, gebildet, sportlich, mental ausgeglichen ... usw. usf. halte, sondern weil es für diesen "Job" besondere Fähigkeiten braucht. Diese Fähigkeiten sind nicht besser oder schlechter als andere. Sie sind anders und sie hat nicht jeder... sie sind aber überlebenswichtig (auch nach dem Einsatz)

Da kann letztendlich nur noch das hier http://de.statista.com/statistik/daten/studie/155766/umfrage/posttraumatische-belastungsstoerungen-bei-soldaten-der-bundeswehr/ dabei heraus kommen.

Volker Warkentin am 24. März 2015

Geschätzte Zaunkönigin,
ich stimme Ihnen zu: Die Anforderungen an die Soldaten haben sich seit dem Ende des kalten Krieges verändert. Das ist eine Frage der Ausbildung. Es gibt aber auch Werte, die mindestens ebenso wichtig sind wie die Qualifizierung der Soldaten. Zu diesen Werten zählt auch das Konzept des Bürgers in Uniform, über dessen Weiterentwicklung eine breite und vor allem öffentliche Diskussion notwendig ist.
Pfeifen Sie munter weiter!
Grüße Volker Warkentin

Zaunkoenigin am 24. März 2015

Werter Herr Warkentin, das mache ich doch gerne und pfeife Ihnen noch ein "ein Konzept ist nichts, was nicht in Frage gestellt werden kann und auch muss, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern" entgegen.

Und ob ich den Bürger in Uniform als Wert ansehen kann ... mh.. darüber muss ich aber noch gründlich nachdenken und habe im Moment so meine Zweifel.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

C.K. am 25. März 2015

Lieber Herr Warkentin,

ich habe das Buchauch nicht gelesen, aber wie kommen Sie von den Zitaten auf "deutsch-national" und die Nähe zur Wehrmacht?
Den Zitaten liegt auf jeden Fall eine Art Dekadenzannahme zu Grunde, die auf jeden Fall ziemlich bedenklich ist, denn wenn das Militär "seine" Gesellschaft als verrottet betrachtet, ist das ein Problem. Aber Dekadenzdiskurse sind ja auch nicht exklusiv deutsch-national, oder?
Und das die Forderung nach einer Art Kriegerethos irgendwie wehrmachtsnah ist, scheint mir auch eine starke Interpretation, wenn man mal das universell militärische rausrechnet. Also Befehl und Gehorsam, Gruppenkohäsion oder Opferbereitschaft etc. Der letzte Begriff macht dann auch schon deutlich wo hier das Problem liegt. Klingt ja irgendwie nach Nazi. Das Soldaten in sogenannten Kampfverbänden letzendlich aber bereit sind ihr Leben zu opfern ist ja eine Tatsache. Und tatsächlich, wie soll Pazifismus Paltz in einer Armee haben?

Ich glaube wir sehen hier ein Überkochen eines "Kampf der Kulturen", in dem Einsatzrealität und Verteidigungsbürokratie zusammen prallen. Ich glaube die Artikel richten sich vor allem an die eigene - vor allem auch militärische Führung die als unfähig, weltfremd und beamtenhaft wahrgenommen wird. Undetwas anderes als eine hoffentlich konstruktive Diskussion wird da auch nicht rauskommen. Da nach dem eisernen Besen zu rufen, ich weiß ja nicht...das ist eine Uni, die sollen sich kritisch akademisch mit Ihrem Feld auseinander setzen, vielleicht sollte man ihnen das erlauben. Vor allem wenn man glaubt die besseren Argumente zu haben. Oder glauben Sie die planen den Putsch?
Mit freundlichen Grüßen