Warum die kollektive Trauer richtig und wichtig ist

Von Thomas Schmoll am 26. März 2015

Nach dem Flugzeugabsturz in den Alpen, den offenbar der Co-Pilot verursacht hat, tragen die Deutschen schwarz. Das ist gut so. Denn nur wer Mitgefühl hat, bewahrt eine zentrale Säule jeder demokratischen und solidarischen Gemeinschaft: Menschlichkeit

Der sichtlich betroffene Bundespräsident Joachim Gauck kämpft mit den Tränen und bricht seine Lateinamerika-Reise ab. Kanzlerin Angela Merkel fliegt zur Unglücksstelle, öffentliche Gebäude werden halbmast geflaggt. Die Fußball-Nationalmannschaft spielt mit Trauerflor, Prominente äußern im Einklang mit Hunderttausenden Bundesbürgern ihr Mitgefühl mit den Hinterbliebenen: Nach dem Flugzeugabsturz in den französischen Alpen ist Deutschland in kollektiver Trauer wie schon seit Jahren nicht mehr.

Vor allem Haltern am See erfährt viel Anteilnahme. Aus einem Gymnasium der Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen kamen 18 der Opfer: 16 Schüler und zwei Lehrerinnen. Das Kondolenzbuch im Internet enthält Eintragungen aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland.

Es ist gut, dass allerorten getrauert und Mitgefühl gezeigt wird. Denn Anteilnahme am Leid Fremder hilft nicht allein den Hinterbliebenen, die wohl schwerste Phase ihres Lebens zu überstehen. Mitgefühl und Mitleid sind Ausdruck von Menschlichkeit, die wiederum in Zeiten wie diesen – gerade im kollektiven Bewusstsein – zunehmend verlorengeht. Sie bildet den Kern einer gesunden, demokratischen und solidarischen Gesellschaft. Wenn ein Volk die Fähigkeit zu Mitleid und Mitgefühl verliert, wird es Flüchtlinge in Not nur noch miss- und verachten, statt Herz und Tore zu öffnen. Klingt pathetisch, ist aber so.

Es ist möglich, dass sich unter den Trauernden Heuchler befinden. Sollen sie. Sie werden von denen, die es ehrlich meinen, absorbiert. Schlimmer sind diejenigen, die glauben, die Heuchler enttarnen zu müssen. Ein Beispiel aus dem Leserforum von FAZ.net. Da schreibt einer, ein Lebender wohlgemerkt, der keinen seiner Liebsten verloren hat: „Wenn ich unter den Opfern wäre, würde ich mir die Selbstdarstellung von Merkel & Co. vor Ort an der Unfallstelle verbitten. Absolut nutz- und geschmacklos, fast wie Gaffer.“ Ein anderer Kommentator, der ersterem zustimmte, fühlte sich an „die gestellte Szene beim Fototermin in einer Nebenstraße anlässlich der Je-suis-Charlie-Demonstration“ erinnert und blökt: „Abstoßend, kein Stil, kein Geschmack.“

Wer so etwas Abstoßendes schreibt, ist stillos, geschmacklos. Denn um Selbstdarstellung von Politikern geht es überhaupt nicht. Und vor allem: Wäre Merkel nicht gefahren, hätten dieser Typ Leserkommentator sich genau darüber empört. Statt einfach mal die Klappe zu halten und stilles (!) Mitgefühl zu zeigen, wird polemisiert. Keiner kann in die Kanzlerin schauen, wie tief ihre Trauer wirklich ist. Aber warum geht es an Tagen wie diesen nicht einmal ohne Polemik und dummes Polit-Gesülze?

Der Internetvordenker Sascha Lobo hat dazu geschrieben: „Das digitale Trauerkollektiv möchte nach einem Moment der Bestürzung wütend sein. Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.“

Wie wahr und klug! Tragisch innerhalb der Tragik ist, dass es eines tragischen Flugzeugunglücks bedurfte, das die Deutschen – wenn auch in Trauer – (mal wieder) vereint. Umso schöner, dass sich ihr Mitgefühl über Landesgrenzen erstreckt.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, war Reporter bei den Nachrichtenagenturen Reuters und AP, sowie in leitender Funktion bei den Websites stern.de und ftd.de.

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