Journalistischer Totalabsturz

Von Volker Warkentin am 31. März 2015

Die 4U 9525-Katastrophe hat bei manchen Medien das Schlechteste hervorgerufen. Und einige übersehen bei der Berichterstattung etwas ganz Entscheidendes

Der Absturz des Germanwings- Airbusses ist nicht nur eine Katastrophe für die Luftfahrt. Der Tod von 150 Menschen in den französischen Alpen wurde auch für die deutschen Medien zum Desaster. Journalisten haben ihrem schlechten Ruf weiteren Schaden zugefügt. Die Folgen für die in ihrer Existenz bedrohte Branche sind noch gar nicht abzuschätzen

Auf die Spitze getrieben hat es taz-Chefredakteurin Ines Pohl. „Fast scheint es, als könnte Deutschland endlich die dringende Sehnsucht erfüllen, auch mal eine Katastrophe für sich zu beanspruchen“, twitterte Pohl kurz nach dem Absturz, als die Medien noch über eine technische Panne als Ursache spekulierten. Pohls kaltschnäuzige und menschenverachtende Einschätzung ist an Zynismus nicht zu überbieten, zumal Holocaust, Nazi-Diktatur und deutsche Teilung weit entfernt davon sind, verarbeitet zu sein. „Bild“-Chef Kai Diekmann – gewiss kein Chorknabe – brachte das Entsetzen einer großen Mehrheit auf den Punkt.: „Liebe ‪@inespohl‬‬‬‬‬‬, nein, die Deutschen hätten auf diese Katastrophe liebend gerne verzichtet!“

Luise Pusch verstieg sich in der „Emma“ zu der Forderung nach einer Frauenquote im Cockpit. Da Männer häufiger als Frauen zu Selbstmord und Amokläufen neigten, sei es an der Zeit, mehr Pilotinnen einzusetzen. „Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich“, instrumentalisierte sie die Toten von Flug 4U 9525 zur Zementierung alter feministischer Klischees und löste mit ihrer Geschmack- und Pietätlosigkeit – auch unter „Emma“-Leserinnen – einen Sturm der Empörung aus.

Puschs Gedanken stehen für eine bemerkenswerte Anspruchshaltung. Die Menschen erwarten vom Staat und Airlines absolute Sicherheit. Reflexartig fordern sie mehr psychiatrische Untersuchungen des Cockpit-Personals, das Vier-Augen-Prinzip in der Kanzel und eben mehr Frauen am Steuerknüppel. Dabei gerät in Vergessenheit, dass kein Staat und keine Fluglinie der Welt absolute Sicherheit garantieren können. Der Tod gehört zum Leben und kann uns immer und überall ereilen.

Wohin der Sicherheitswahn führen kann, zeigt der Unglücksflug von 4U 9525. Hier erwies sich die als Konsequenz aus den Anschlägen von 9/11 eingeführte Regelung als fatal, das Cockpit besonders zu sichern. Der Co-Pilot, der zur Zeit des Absturzes wohl allein am Steuer saß und sich nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler auf Selbstmord-Kurs befand, sperrte den Flugkapitän nach dessen Gang zur Toilette schlichtweg aus.

Puschs Forderung nach mehr Pilotinnen ist überflüssig. Der Sechs-Prozent-Frauenanteil am Pilotencorps der Germanwings-Mutter Lufthansa wird zwangsläufig steigen. Schließlich gehört die Kranich-Airline zu den 30 deutschen Dax-Unternehmen, die per Gesetz die Zahl ihrer weiblichen Aufsichtsräte aufstocken werden. Weitere Bereiche des Unternehmens sowie die Konkurrenz werden nicht anders können und nachziehen.

150 Menschen haben ihr Leben verloren. Die Wucht des Geschehenen ist nicht in Worte zu fassen. „Es gibt Momente, da schweigt man besser“, empfiehlt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hat 1998 tagelang und vor Ort über das ICE-Unglück bei Eschede berichtet, bei dem 101 Menschen ihr Leben verloren. Er wünscht sich respektvolle und sorgfältig recherchierte Berichterstattung – nicht nur bei Katastrophen. Seine Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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maSu am 31. März 2015

Im Prinzip betreiben die Medien da Leichenfledderei. Man könnte fast nekrophile Neigungen attestieren, so sehr geilen sich einige Journalisten an den 150 Toten auf. Ich bin eigentlich nur erstaunt, dass noch keine Leichenteile auf Seite 1 zu sehen waren. Der Zyniker würde nun anmerken, dass die Leichenteile zu "klein" wären, ein ganzer Arm müsste es ja wohl doch schon sein um so richtig zu schockieren.

Luise Push verbleibt in ihrem Ideologie-Wahn und erfreut sich an ihren dummen Forderungen. Herr Niebel (FDP) sagte dazu auf Facebook sinngemäß: 'Frauen gehen doch immer zu zweit aufs Klo' um das primitive Niveau der Frau Push zu entlarven, denn mehr als dümmste Klischees bringt die Dame nicht zu Papier. Was anderes hat sie wohl nie gemacht. Jeder kann Pilot werden, mann muss nur die Tests bestehen. Entweder wollen weniger Frauen als Männer Pilot werden und/oder sie scheitern an den Tests. Fertig aus. Ich würde keine Quotenfrau, die die Tests nie bestanden hat, im Cockpit sehen wollen. Aber was kann man vom heutigen Feminismus noch erwarten?! Die Fähigkeit rational bzw. logisch zu denken? ... niemals!

Auch finde ich es absurd aus einem Einzelfall (auch 9/11 war ein Einzelfall!) nun allgemeingültige Regeln ableiten zu wollen. Ich warte nur auf den ersten Anschlag durch "im Darm geschmuggelte" Bombenteile. Dann steht für alle Passagiere vor dem Abflug ein Besuch beim Proktologen an, der die Öffnung dann bis zum Abflug versiegelt - bei Siegelbruch wird man nicht mitgenommen, egal wie dringend man aufs Klo musste!

Egal ob wegen Terroranschlägen oder einzelnen mutmaßlich suizidalen Menschen: Die Freie Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein gewisses Risiko einfach toleriert und sich nicht immer unfreier macht und das lediglich um ein Gefühl(!) von Sicherheit zu erlangen.

Aber wo gibt es diese freie Gesellschaft noch? Wenn mir das jemand sagen kann, dann packe ich sofort meine Koffer und will dahin. Ich will mich nicht von primitivsten Ängsten regieren lassen. Ich will nicht mit Menschen zusammenleben (müssen), die jede Leiche Wochenlang durch die Medien schleifen und mit dem Finger darauf zeigen und laut brüllen: "Das könnte keine Tochter sein!!!". Das ist mir zuwider.

Zaunkoenigin am 1. April 2015

Herr Warkentin, Sie wundern sich ernsthaft über die übergriffige und unempathische Berichterstattung? Ist das neu? Ob das eine Frau Pusch ist oder eine "Talkmaster(in)" im TV, es ist doch immer das Gleiche. Es geht um Sensation, Umsatz, Einschaltquoten. Und so lange wir als Kunden/Leser/Zuschauer das mit machen und noch konsumieren, so lange wird das immer weiter gehen. Steigerungen sind möglich.

Wir als Konsumenten dürfen uns gar nicht aufregen, denn wir fördern das durch unseren Konsum.

Was die Anspruchshaltung angeht ... ja mei, die habe ich ebenfalls ... trotz dem Bewusstsein, dass es keine 100%ige Sicherheit gibt. Ich bin allerdings auch nicht der Meinung, dass Billigflieger und Outsourcing und sinkende Löhnung zusammen mit steigender Belastung die Flugsicherheit erhöhen. Das ist übrigens einer der Gründe warum ich Fliegen auf ein Minimum reduziere.

Im Gegensatz zu Ihnen habe ich jedoch gar nicht den Eindruck, dass es einen Sicherheitswahn bei den Entscheidungsträgern gibt. Hier drängt sich mir immer wieder der Eindruck auf, dass man nach Lösungen sucht die möglichst billig möglichst viel Effekt nach außen zeigen. Durchdacht bzw. zu Ende gedacht wird das selten konsequent. Schnelle, billige, reisserische Lösungen... DAS ist es was der Welt wohl genügt.

Ich bin auch der Meinung, dass es notwendig ist, im Bereich der Sicherheit die 100%-Quote anzupeilen und hier keine Kosten-/Nutzenrechnung in der Form anzustellen wie das immer mehr Usus wird. Es ist doch absurd für einen Billigflug sehenden Auges sein Leben in die Waagschale zu werfen. Ja ja, ich weiß, das klingt pathetisch .... aber genau das ist es was die Schnäppchenflieger tun.

phatterdee am 6. April 2015

Ich kann mich da meinen Vorrednern nur anschließen.
War das nicht schon bei dem Wetter vogel prozess ein Totalabsturz.
Das ist doch schon seit 9/11 so, was ist mit Wtc7 ??
Hier ein guter Kommentar

https://www.youtube.com/watch?v=K3FvAs_4Ato