Athen ist wirklich dumm

Von Thomas Schmoll am 8. April 2015

Auf die griechische Regierung ist absolut kein Verlass. Ihre Bekundungen, die Themen Reparationszahlungen und Schuldenkrise nicht zu verquicken, sind Schall und Rauch. Das wird die griechenfeindliche Stimmung in Deutschland fördern

Am Ende der Sendung bei Günther Jauch, in der erhobene deutsche Zeigefinger mit einem griechischen Stinkefinger um die Gunst der Zuschauer konkurrierten, schickte Yanis Varoufakis einen schönen Appell an seine Landsleute und an das deutsche Volk: „Keine Erpressung. Keine Vorurteile. Keine Stereotypen. Kein böses Blut zwischen zwei stolzen Nationen. Finden wir Wege, Brücken zu schlagen.“ Als er das sagte, drehte es sich um die Reparationsforderungen aus Griechenland an Deutschland. „Ich hätte es sehr sehr gerne, wenn das Thema jetzt vom Tisch käme.“ Und weiter: „Da geht es nicht um Geld. Das ist eine moralische Frage.“

Ob eine Verquickung möglicher Zahlungen Deutschlands für Nazi-Verbrechen mit der griechischen Schuldenfrage sinnvoll sei, wollte Jauch wissen. „Wir sollten das trennen“, sagte Varoufakis. Sicherheitshalber stellte der Linkspopulist aber gleich fest, er äußere sich in der Sache „ganz persönlich“ als „Privatperson“. Er spreche „nicht als Finanzminister“ und schon gar nicht für die Athener Regierung. Das war genauso bizarr wie das Gerede über das „insignifikante, kleine Liquiditätsproblem“ seines Landes. Oder wie seine  inbrünstigen Beteuerungen, das Stinkefinger-Video sei eine Fälschung.

Drei Wochen später wissen wir: Das Loch in der griechischen Staatskasse ist signifikanter denn je, das Video war echt und die Trennung der Themen Schuldenkrise und Reparationen wird es nicht geben. Der Stellvertreter von Varoufakis, Dimitris Mardas, nannte erstmals einen konkreten Betrag, den Hellas als Reparationsschuld erwartet: 278,7 Milliarden Euro. Das würde beinahe reichen, die griechischen Staatsschulden von 320 Milliarden Euro abzudecken. „Die Rechnungsprüfer haben gute Arbeit geleistet, als sie all die Daten zum Thema ‚Deutsche Reparationen‘ gesammelt haben“, erklärte Mardas. Hoffentlich nehmen sich seine Steuerfahnder ein Beispiel an den fleißigen Rechnungsprüfern.

Statt ein zündendes Reformprogramm vorzulegen, wird eine Milliardensumme präsentiert. Der Zeitpunkt ist leider kein Zufall. Immer wenn es innenpolitisch nicht vorangeht, wird gegen Deutschland gestänkert. Vizekanzler Sigmar Gabriel vergaß jede diplomatische Zurückhaltung und sagte frei heraus, was er denkt: „Ich finde das, ehrlich gesagt, dumm.“ Dass Gabriel so sauer ist, hat seine Berechtigung. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hatte bei seinem Besuch in Berlin sehr wohl den Eindruck erweckt, er wolle die Themen Reparationen und Schuldenverhandlungen entzerren. Pfändungen deutschen Eigentums in Griechenland? „Das können Sie vergessen!“

Doch nun wissen wir definitiv: Auskünfte, Zusagen und Versprechungen der Herren Tsipras und Varoufakis sind Schall und Rauch. Ihr permanentes Taktieren nervt. Bei Jauch oder bei Merkel wird ein Konflikt bewusst in aller Öffentlichkeit runtergekocht, um danach in Griechenland den Herd erst recht zu befeuern. Obwohl die Athener Regierung stets beteuert, mit Deutschland freundschaftlich auskommen zu wollen, sorgt sie selber immer wieder für neuen Zoff. Und leider merkt Tsipras es nicht, wie sehr er seiner Sache damit schadet.

Laut dem jüngsten ZDF-Politbarometer glauben nur noch 14 Prozent der Deutschen, dass der Ministerpräsident sein Heimatland wirklich reformieren wird, 82 Prozent bezweifeln es. Nur jeder Zehnte bescheinigt Tsipras seriöses Verhalten gegenüber den Europartnern. Es ist also absolut richtig, dass Vizekanzler Gabriel nicht um den heißen Brei herumredet, sondern sagt, wie es ist: Die Griechen verhalten sich dumm bis dämlich.

Denn alle Versuche, die deutsche Bevölkerung, die die Griechenland-Rettung zunehmend skeptisch und wütend verfolgt, zu überzeugen, werden so konterkariert. Das kann Tsipras nicht wollen, weil es den Grexit nur wahrscheinlicher macht. Oder aber – dieser Verdacht drängt sich immer stärker auf – exakt das ist sein Plan. Dann hat er einen Sündenbock für sein eigenes innenpolitisches Versagen und die Nichterfüllung seiner leeren Wahlversprechen: Schuld waren – mal wieder – die Deutschen.

Thomas Schmoll, Autor in Berlin, begleitet die griechische Schuldenkrise seit Jahren,

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