Sehr deutsch, Angela Merkel

Von Andreas Theyssen am 10. April 2015

Die CDU-Vorsitzende hat SPD und CSU detailliert in Rechnung gestellt, was die drei Parteien bei den Koalitionsverhandlungen gegessen haben. Musste das sein?

Fangen wir mit dem Positiven an. Wir wissen jetzt, was es kostet, Bundeskanzler zu werden. Nämlich ziemlich genau 293.000 Euro. Das ist nicht einmal sonderlich viel, wenn man bedenkt, dass dies ungefähr dem Jahresgehalt eines deutschen Regierungschefs entspricht. Da Kanzler mindestens vier Jahre im Amt bleiben, ist der Werbungskostenaufwand vertretbar.

Woher wir das wissen? Aus den gerade veröffentlichten Rechenschaftsberichten der Parteien. Die haben nämlich einander die Bewirtungskosten für die Koalitionsgespräche Ende 2013 in Rechnung gestellt.

Die CDU wollte 138.000 Euro dafür, dass sie in ihrer Zentrale Sozialdemokraten und Christsozialen Speis‘ und Trank servierte, die SPD verlangte 131.000, und die Weißwurst-Partei CSU holte sich 24.000 Euro wieder.

Da haben es Merkel, Gabriel und Seehofer ja richtig krachen lassen, könnte man meinen. Denn knapp 300.000 Euro für ein paar Koalitionsrunden – das klingt fürstlich. Doch die drei Parteichefs haben sich bei ihren nächtlichen Kungelrunden selbstverständlich nicht mit Lobster und Trüffeln vollgestopft; sie mussten auch ein Heer von Fachsprechern, Experten und Referenten bewirten. Die konnte man schließlich nicht mit einem Apfel abspeisen. Und so läppert sich das.

Dennoch finden wir es ein wenig merkwürdig, sich gegenseitig das Essen in Rechnung zu stellen. Man bildet eine gemeinsame Regierung, ist also irgendwie befreundet. Rechnet man unter Freunden auf diese Weise ab? Außerdem: Die sozialdemokratische Toskana-Fraktion dürfte die von Angela Merkel so geliebten Eintöpfe wenig goutiert haben. Und jetzt müssen die Sozen den Schwarzen auch noch Geld dafür geben, dass ihnen aufgetischt wurde, was sie nicht mögen. Macht man das?

Und schließlich: So eine gemeinsame Regierungsbildung ist ja auch so eine Art geldwerter Vorteil. Denn mit ihr einher gehen gut dotierte Jobs als Minister, Staatssekretär, Ministerialbeamter etc., die man an verdiente Parteifreunde geben kann.
Darüber sollte man so glücklich sein, dass sich das gegenseitig in Rechnung stellen der Schnittchen eigentlich verbietet.

Aber wahrscheinlich steckt dahinter etwas sehr Penibles, also sehr Deutsches. Die Amerikaner kennen das sehr gut und haben es sogar in ihr Vokabular aufgenommen. Wenn bei einem Restaurantbesuch jeder nur seinen eigenen Anteil bezahlt, dann nennen die Amis dies: „Let’s make it Dutch.“ Insofern ist Angela Merkel eine wahre Kanzlerin der Deutschen.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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