Die Mär vom Buhmann Deutschland

Von Volker Warkentin am 13. April 2015

Die Bundesrepublik ist in Europa zum Hassobjekt geworden, nicht nur für Griechen und Russen. Zeit, mal wieder ein paar Dinge klar zu stellen

Die darbenden Griechen haben dem teutonischen Herkules den Fehdehandschuh hingeworfen: Sage und schreibe 278,7 Milliarden Euro – und damit fast so viel wie der Bundeshaushalt 2015 – fordert Athen als Reparation für deutsche Gräuel während des Zweiten Weltkrieges. Würde das mit rund 320 Milliarden Euro verschuldete Land damit durchkommen, wäre es mit einem Schlag einen Großteil seiner Verbindlichkeiten und Sorgen los. Die ungeliebte Germania, so die Wunschvorstellung in Athen, wäre mit einem Schlag entmachtet und auf Kleinmaß reduziert. Der Friedensvertrag von Versailles, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg horrende Reparationen auferlegte und den Keim für den Zweiten legte, lässt grüßen.

Den – unwahrscheinlichen – Erfolg vorausgesetzt, würde sich Welt auf die bislang verschmähten hochmodernen Autos und Werkzeugmaschinen Made in Greece stürzen. Der Peleponnes stünde vor einem ungeahnten Aufschwung und würde den Globus mit den neuesten Mobiltelefonen und einer besonders ausgeklügelten Elektronik fluten, die sonst nur Siemens hinbekommt. Ministerpräsident Alexis Tsipras wäre in dieser Utopie der Held des neuen, von deutscher Vorherrschaft befreiten Europas.

Auch für das mit den Griechen flirtende Russland ist Deutschland schuld an den auf Grund der Ukraine-Krise verhängten EU-Sanktionen. Zwänge Griechenland die Deutschen in die Knie, könnte auch das Riesenreich des lupenreinen Demokraten Wladimir Putin zu einem wirtschaftlichen Höhenflug ansetzen. Befreit von deutschen Sanktionen würde Russland 70 Jahre nach dem Sieg über Adolf Hitler dem Verkauf von Kalaschnikows, Migs und Co entsagen. Endlich könnte es seine besonders leistungsfähige Software und IT-Technik losschlagen, deren Verkauf das Vierte Deutsche Reich bisher verhindert hat.

Militärisch ein Zwerg

Schöne neue Welt, in der das von Angela der Schrecklichen regierte Deutschland für immer auf die Arme-Sünder-Bank verbannt wäre. Denn auch die anderen unter deutschem Joch ächzenden Länder Europas wären endlich frei, ohne Diktat aus Berlin tun und lassen zu können, was sie wollen. Deutschland wäre endlich entmachtet.

Doch Träume werden selten wahr. Auch auf mittlere Sicht wird die Welt Deutschland auf dem Zettel haben müssen. Besser als andere Volkswirtschaften haben die Deutschen die Herausforderungen der Globalisierung gemeistert. Und sie bewegen sich trotz Schwächen etwa im IT-Sektor mit Amerikanern, Chinesen und Japanern auf Augenhöhe. Dennoch leben die Deutschen nicht in der besten aller Welt. Und sie haben viele ungelöste Probleme, etwa beim demografischen Wandel.

Militärisch ist dieser Wirtschaftsriese mit seinen 80 Millionen Menschen eine Lachnummer. Seine Soldaten rüstet es mit Schnellfeuergewehren aus, die bei Dauerfeuer nicht mehr funktionieren. Für den Einsatz über dem Meer beschaffte Hubschrauber dürfen nicht über Wasser fliegen. Zudem hat die deutsche Politik lange darüber diskutiert, ob das Engagement in Afghanistan ein Kriegseinsatz ist und ob die am Hindukusch getöteten Soldaten gefallen sind. Entgegen manch lieb gewordenem Klischee spielen deutsche Radiostationen amerikanische Pop-Songs und keine Marschmusik. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind den Deutschen ziemlich gleichgültig. Von diesen Deutschen droht der Welt kein Unheil mehr.

Sehnsuchtsort für Israelis

Und überhaupt: Das seit 1990 wieder einige Deutschland belegt in weltweiten Popularitätsumfragen immer die vorderen Plätze, wenn nicht Rang 1. Sogar in Israel werden Deutsche herzlich begrüßt. Und weil sie den ewigen Konflikt mit den Palästinensern und die hohen Preise im Heiligen Land leid sind, träumen viele junge Israelis von einem guten Leben im Land der Mörder ihrer Vorfahren. Ausgerechnet Berlin ist ihr Sehnsuchtsort – die Stadt, in der die Nazis die Ausrottung der europäischen Juden geplant hatten, in der aber so viele Juden wie sonst nirgendwo in Deutschland von mutigen Deutschen gerettet wurden.

Das sollte vor allem jungen Deutschen zu denken geben, deren linkes Weltbild zu einem großen Teil aus Hass auf das eigene Land gespeist wird. Denn trotz seiner wirtschaftlichen Stärke hat das Deutschland von 2015 so gar nichts mit dem auftrumpfenden Gehabe von Kaiser Wilhelm II. und erst recht nichts mit dem mörderischen Wahn eines Adolf Hitler zu schaffen, der mehr als 50 Millionen Menschen systematisch in den Tod trieb. Und einigen rechten Schreihälsen zum Trotz scheint Deutschland jetzt sogar zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit. Das ist kein Vergleich zu den frühen 1990er Jahren, als ein rechter Mob in Hoyerswerda und Rostock unter dem Beifall der Anwohner Jagd auf Fremde machte.

Die übergroße Mehrheit der heute lebenden Deutschen hat ihre Lektion aus der Geschichte gelernt.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, fängt langsam an, das heutige Deutschland zu schätzen. Er weiß es auch zu würdigen, dass die Deutschen nicht jede Fußball-Welt- und Europameisterschaft gewinnen.

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Zaunkoenigin am 13. April 2015

Guten Morgen, Herr Warkentin,
bis hier hin .....
*Und einigen rechten Schreihälsen zum Trotz scheint Deutschland jetzt sogar zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit. Das ist kein Vergleich zu den frühen 1990er Jahren, * ....
konnte ich wunderbar folgen. Nur beim Gedankengang, dass sich bezüglich Flüchtlingsaufnahme etwas in der inneren Haltung der Bürger geändert haben soll, kann ich nicht mit. Woran machen Sie es fest, dass heute Flüchtlinge willkommener sind als damals? Ich für meinen Teil habe eher das gegenteilige (zugegeben subjektive) Empfinden. Sicher, die Politik signalisiert anderes .... aber wie sieht es in der Bevölkerung aus?

Klaus Becker am 17. April 2015

Ich finde nur die ersten zwei Sätze gelungen im Gegensatz zur Zaunkönigin. Too much ado.

Beispiele des Misslingens

die darbenden Griechen haben dem teutonischen Herkules - Ironie ? Zum Thema beitragend ? Etwas Griechenland
macht sich jetzt so gut.

Militärische Lachnummer. - Grund zum Mögen ? Humorige Selbstkritik, damit man uns knuddeln kann ?

Den – unwahrscheinlichen – Erfolg (Wiedergutmachung) - wiederum ironisch gemeint, aber mit schiefen Schlussfolgerungen.

spielen deutsche Radiostationen amerikanische Pop-Songs - Das ist mal ein starkes Argument
usw, usw

Mir langt es. Wenn Klarstellen, dann aber richtig. Und richtig Lachen reicht es auch nicht.

Danke