Politik – wie sie wirklich ist

Von Falk Heunemann am 16. April 2015

Der größte Aufreger bei der Rücktritts-Pressekonferenz des Dortmund-Trainers Jürgen Klopp war der Ticker eines Briten, der kein Wort Deutsch verstand. So ehrlich wie er sollten künftig alle twittern – über Politik

Ben Bloom wurde jetzt einem größeren deutschen Publikum bekannt, weil er von der Pressekonferenz von Jürgen Klopp twitterte, obwohl er die Sprache der Anwesenden nicht gelernt hat. Das Beispiel des Reporters der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ sollte Schule machen. Warum, das zeigt sich, wenn man das Modell Ben Bloom auf die Politik anwendet. Zum Beispiel auf die Pressekonferenz zum Treffen der G7-Außenminister in Lübeck:

11:50 Hallo miteinander. Habt Ihr das schon gehört? In Lübeck treffen sich führende Politiker aus aller Welt. Heißt es. Möglicherweise. Höchstwahrscheinlich. Die Bundesregierung soll gleich eine Pressekonferenz halten, um mal zu erklären, was zur Hölle da eigentlich vor sich geht. Ich gebe alles durch, was ich mitbekomme.

12:34 Ein paar Herren haben sich gerade hingesetzt…

12:37 Hmm, es gibt da ein kleines Problem… die sprechen alle politisch und das versteh’ ich nicht, trotz Abitur. Was ich mitbekomme ist, dass der weißhaarige Typ mit der schwarzen Brille, der jetzt spricht (vermutlich der Chef hier), so klingt, als wäre gerade jemand gestorben. Er schluckt. Ah, jetzt habe ich irgendwas verstanden: “Willkommen”. Ich vermute, das bezieht sich auf die Anwesenden. Oder die anderen Politiker. Oder so.

12:39 Warum versteh’ ich das alles nicht????

12:41 Ich würde ja gern berichten, was der weiße Brillenträger gerade sagt, kann ich aber nicht. Er sagt jedenfalls sehr viel.

12:44 Gerade erhalte ich ein paar Sachen von den Kollegen übersetzt. Offenbar ist der Weißhaarige der hiesige Außenminister. Er sagt: „Das war der richtige Ort mit den Gegenständen, die wir notwendigerweise auf der Tagesordnung hatten und nach meiner Ansicht auch haben mussten.” Hmm. Ich weiß nicht, ob das mir korrekt übersetzt wurde. Ich habe das Gefühl, dass ich noch nie so nutzlos gewesen bin wie in diesem Moment.

12:46 Ich werde nachher mal ein Entschuldigungsschreiben an meinen Politiklehrer schicken.

12:49 Dieser Steinmeyer, wie er wohl heißt, ist jetzt fertig, und ein etwas Jüngerer neben ihm, mit einer tollen Haartolle, hat übernommen. Wobei eigentlich alle hier toll frisiert sind.

12:53 Also…mithilfe eines Kollegen, der sich hier auskennt, fasse ich mal das Geschehen zusammen:

Hier haben sich sieben Außenminister aus sieben großen Ländern getroffen
Hier ist Lübeck.
In Lübeck gibt es eine schöne Altstadt.
Sie haben über viele Krisen gesprochen.
Jeweils alle Beteiligten wurden aufgerufen, an den jeweiligen Verhandlungstisch zurückzukehren.
Wenn das keine Erkenntnisse sind, dann weiß ich auch nicht weiter.

12:55 Oh, mir wurde ein weiterer Satz übersetzt: “Das ist deshalb gut, weil uns das natürlich die Chance erhält, dass aus den Eckpunkten, die wir in Lausanne vereinbart haben, jetzt ein Final Agreement, eine endgültige Vereinbarung vorbereitet werden kann. Die Osterpause war kurz.”

12:55 Jetzt dürfen die Journalisten Fragen stellen. Ich fürchte, sie sind auch alle auf Politisch.

12:58 Das tut mir nun wirklich leid. Mit wird klar, wie unprofessionell das alles wirkt, bitte sagt es nicht meinem Chef, dass ich Politik nicht verstehe, er glaubt, ich übersetze das alles hier.

13:02 Der weißhaarige Mann beantwortet gerade ein paar Fragen. Ich habe Worte verstanden wie “Isis”, “Allianz” und “Partner”. Offenbar will er eine Reiseversicherung für seinen Familienurlaub in Ägypten abschließen.

13:03 Der Mann hat gerade offenbar einen Witz gemacht. Alle lachen, nur ich nicht.

13:05 Es ist schon vorbei? Waaas? Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Er hat “Herzlichen Dank” gesagt, und alle sind gegangen. Was mach ich denn nun? Keiner meiner Leser weiß mehr als zuvor. Hmm…

Naja, egal, bis zum nächsten Mal. Cheerio.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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maSu am 16. April 2015

YMMD !

Mehr muss man da wohl nicht sagen. Sehr erheiternd zu lesen und doch so wahr.

Zaunkoenigin am 16. April 2015

na, wenn 12:53 Uhr nicht alles gesagt war, was es zu sagen gibt, dann weiß ich auch nicht.... *räusper*

OMG.... ich sitze hier und lache Tränen :-)

David Turgay am 17. April 2015

Super Idee. Ehrlich über Politik twittern oder schreiben wäre eine tolle Idee und was sagt es über unsere Gesellschaft, dass die Vorstellung eine Witz ist und wir stattdessen lieber weiter so tun als wäre das alles ganz wichtig und nachvollziehbar?

Julia am 17. April 2015

treffend