Her Majesty’s Absurdistan

Von Claudia Wanner am 8. Mai 2015

Die Unterhauswahl hat mehr denn je gezeigt, wie absurd das britische Wahlsystem ist. Genau deshalb könnte es sich jetzt ändern.

Das Unwahrscheinliche ist passiert – David Cameron hat nicht nur die Wahl in Großbritannien gewonnen, er hat die absolute Mehrheit zurückgeholt. Dabei schien das Land seit Wochen felsenfest davon überzeugt, dass angesichts unklarer Mehrheitsverhältnisse Wochen der Koalitionsverhandlungen folgen würden. Ein Schreckgespenst für die Briten, die wie wenige andere europäische Länder auf ein Zwei-Parteien-System ausgerichtet sind.

Ist nun also alles wieder im Lot? Mitnichten! Die Wahl hat das Abstimmungssystem endgültig diskreditiert. “First past the post” – in jedem Wahlkreis zählen lediglich die Stimmen des Siegers – passt nicht mehr für ein Land mit immer mehr aufstrebenden politischen Gruppierungen.

Beispiel UKIP: Die Anti-Europa-Partei wird in Westminster mit einem Abgeordneten vertreten sein, das entspricht einer Repräsentation von weniger als 0,2 Prozent. Im Landesschnitt kommt UKIP mit 3,2 Millionen Stimmen dagegen auf eine Zustimmung von 12,7 Prozent. In einem repräsentativen Wahlsystem würde das 81 Sitzen im Unterhaus entsprechen. Die neue drittstärkste Kraft – wohlgemerkt in den Augen der Bevölkerung, nicht in den “Houses of Parliament” – hat im ganzen Land in 98 Wahlkreisen den zweitplatzierten Abgeordneten gestellt.

Liberaldemokratische Wähler sind ebenfalls deutlich unterrepräsentiert. Ihre Partei hat für die Mitverantwortung in der letzten Regierung kräftig eins auf den Deckel bekommen, 48 Sitze sind weg. Die übrig gebliebenen acht entsprechen einem guten Prozent im Parlament, trotz 7,8 Prozent aller Wählerstimmen.

Schottland mag heute als das erste Ein-Parteien-System eines demokratischen Landes erscheinen. Fast 100 Prozent der schottischen Abgeordnetensitze haben Nicola Sturgeon & Co eingesammelt. Tatsächlich hat aber lediglich die Hälfte der Schotten ihre Stimme der SNP gegeben.

Stärker als je zuvor waren kleine Parteien bei dieser Wahl. Und das trotz einer hohen Frustration bei den Wählern. In vielen Wahlkreisen ist die politische Farbe des Siegers traditionell klar. Warum, fragen sich Briten mit abweichender Meinung, soll ich überhaupt zur Wahl gehen, wenn meine Stimme nicht zählen wird?

Gerade das von Cameron für 2017 versprochene EU-Referendum könnte das deutlich machen. Wenn jede Stimme gleich zählt, dürften die auf der Insel so zahlreichen Anti-Europa-Gefühle noch viel deutlicher zum Tragen kommen, als es das prozentual starke Abschneiden von UKIP vermuten lässt.

Lange hatten die etablierten Volksparteien keine Veranlassung, am System zu rütteln, es zementierte schließlich ihre Vorherrschaft. Der SNP-Erdrutsch-Sieg könnte erste Zweifel an dieser Sicht aufkommen lassen.

Claudia Wanner, Autorin in London, hat seit ihrem Umzug nach London vor einem knappen Jahr schon jede Menge Überraschungen erlebt. Die jüngste bei dieser Wahl: Wie gründlich die Briten beim Auszählen der Stimmen sind. Um 1 Uhr in der Nacht, drei Stunden nach Schließung der Wahllokale, waren gerademal ein Handvoll Wahlkreise ausgezählt. Nach stundenlangem Stochern im Nebel in den Fernsehstudios gab’s belastbare Resultate erst in den Morgenstunden.

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