Der gemobbte Professor

Von Volker Warkentin am 12. Mai 2015

An der Berliner Humboldt-Universität schießen Unbekannte mit einer eigenen Website gegen den renommierten, aber umstrittenen Dozenten Herfried Münkler. Bei ihrer Brachialkritik übersehen sie indes etwas Wichtiges, das der Philosoph Immanuel Kant propagiert hat.

Mit freiem akademischen Disput hat es nichts zu tun, was sich seit Wochen um den Politik-Professor Herfried Münkler an der Humboldt-Universität in Berlin abspielt. Es ist ein regelrechtes Bashing, das Unbekannte gegen den renommierten Wissenschaftler losgetreten haben. Die Kritiker bringen schweres Geschütz in Stellung: Rassismus, Eurozentrismus, Kriegstreiberei und Frauenfeindlichkeit werfen die “Autor_innen“ des Blogs „Münkler-Watch“ dem 63-Jährigen jeden Dienstag im Anschluss an seine Vorlesung zur Theorie der Politik vor.

Zugegeben: Münklers Positionen reizen zum Widerspruch. So zum Beispiel Interview-Äußerungen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zum Giftgaskrieg oder zum Einsatz von Drohnen. Beiden Waffensystemen hielt der Politikwissenschaftler zugute, dass sie weniger ungewollte Opfer forderten als etwa Artilleriegeschütze und Jagdbomber. „Herfried Münkler preist Kampfdrohen und Giftgas als ‚humane’ Waffen“, empörte sich ein Johannes Stern auf der„World Socialist Web Site“, einer Publikation der trotzkistischen Vierten Internationale.

Während Stern noch Mannesmut vor Lehrstühlen zeigte und unter seinem (Klar?)-Namen Stellung bezog, ziehen die Kritiker von „Münkler-Watch“ die Anonymität vor. „Wir sind Unbekannte und möchten das bleiben, denn unsere Identität ist irrelevant und jede Meinung nur ein Fraktal“, kommen sie zunächst harmlos daher, um dann ihre angebliche Unterdrückung ins Feld zu führen: „Wir stehen zusammen mit Euch allen am untersten Ende der akademischen Hierarchie. Von hier möchten wir alle einen Abschluss, einen Job und uns den Zugang zu Einkommen wahren. Wir möchten eine Zukunft mit unseren Kindern und Wohnraum und so weiter, um das hier entworfene Gedankenkonstrukt zu reproduzieren, damit unsere Nachkommen dies weiter kultivieren können. Ihr kennt das ja …“

Bei solch wirren Äußerungen aus der künftigen Elite des Landes wird einem angst und bange. Sollen diese verquasten Gedanken tatsächlich zum Ausdruck bringen, dass an der Humboldt Universität – einst Kaderschmiede der SED – 25 Jahre nach dem Mauerfall Linientreue eingefordert wird und man mit kritischen Fragen nicht weniger als seine Existenz aufs Spiel setzt?

Mut und Zivilcourage jedenfalls sehen anders aus. Und politische Mündigkeit erst recht. Schon mal was von Immanuel Kant gehört, liebe Studis? Das war ein Philosoph. Der war zwar weiß und ein Mann und damit für Euch Inbegriff der Dominanz. Gleichzeit war er aber auch Begründer der Aufklärung. Kant forderte schon vor über 200 Jahren „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und zwar auch gegenüber „jenen Vormündern, die die Oberaufsicht (…) gütigst auf sich genommen haben“.

Übersetzt heißt das, wer die Gesellschaft verändern will, muss unerschrocken und mit offenem Visier gegen herrschende Strukturen kämpfen. Vorgemacht haben das die 68er von der Freien Universität, Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 in Peking und die Bürgerbewegten in Leipzig. Nicht zu vergessen die Weiße Rose in München und jene Studenten der Humboldt-Universität, die 1948 gegen kommunistische Bevormundung aufbegehrten und die FU gründeten. Und natürlich auch die unerschrockenen Frauen von Pussy Riot.

Wer dagegen anonym um sich schlägt, disqualifiziert sich selbst als pubertärer Duckmäuser. Auch hierzu ein Lektüretipp: „Der Untertan“ von Heinrich Mann.

Die große Mehrheit der Leser von „Münkler-Watch“ hat sich entsetzt über das Cyber-Mobbing gezeigt. Das lässt hoffen, dass es sich bei den Münkler-Bloggern um ein paar Wirrköpfe handelt und der konstruktive politische Diskurs noch nicht am Ende ist.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, ist ein weißer heterosexueller Mann. Für Diversität einzustehen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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maSu am 12. Mai 2015

Die Frage ist zunächst einmal, warum Münkler umstritten sein soll. Manche Aussagen klingen komisch, können aber im Kontext durchaus Sinn ergeben. Wenn ein Mensch Giftgas für besser hält, weil es weniger zivile Opfer fordert, dann kann es auch einfach ein Zyniker sein, der viele angeblich "gute Arten" der Kriegsführung auf diese Art entlarvt.

Auf Münkler Watch selbst sind die Vorwürfe absurd. Da werden einzelne Aussagen genommen und so aus dem Zusammenhang gerissen, dass man sich an den Kopf fasst. Da sind einige linksextreme Spinner am Werk, das erkennt man schon an dem wunderbar gegenderten Text dort und der auffälligen Kritik an eben jenem Thema.

Ansonsten vertreten die Autoren des Blogs eine andere Meinung als ihr Professor und ich denke, in Seminaren kann man da gut diskutieren - wenn man wollte. Es geht aber nicht um den Austausch von Meinungen, es geht darum, eine Meinung als "falsch" zu diskreditieren. Das ist keine Diskussion, das ist Denunziation.

Ich wette die Denunzianten hätten völlig normal mit Münkler diskutieren können, wenn sie dies gewollt hätten. Ggf. hätten sie sich mit ihrem merkwürdigen Weltbild lächerlich gemacht, aber so ist das mit unreifen Kindern: Sie haben teils merkwürdige Ideale und verfolgen diese ... energisch. Teil des "Erwachsenwerdens" ist eben auch, seine Haltung hin und wieder mit der Realität abzugleichen und von anderen Menschen nicht eine stark idealisierte und unrealistische Haltung einzufordern, sondern anzuerkennen, dass es dieses Ideal nur im eigenen Kopf gibt.

Zudem ist es grotesk, wenn man so einen Diffamierungsblog betreibt und das dann damit legitimieren will, dass die Person, die man an den Pranger stellt, das falsche Weltbild hat. Da müsste man zunächst in einer offenen Diskussion feststellen, welche politische Haltung "richtig" ist und welche "falsch" und dann müsste man feststellen, dass es in einer Demokratie verschiedene Meinungen gibt. Letzteres ist richtig und wichtig. Will man diesen Pluralismus abschaffen und die eigene Meinung als die einzig Richtige vorgeben, dann zeigt man ein sehr undemokratisches, ja durchaus faschistoides Weltbild.

Ich bin mehr und mehr schockiert, wie viel (links)Extremismus an dt. Unis "gedeiht".

Hans am 13. Mai 2015

Pussy Riot und die Weiße Rose sind anonym aufgetreten (Sie errinnern sich vielleicht an die bunten Strickmasken?). Erst als die jeweilige Staatsmacht sie ausfindig gemacht hatte, wurden ihre Identitäten bekannt.