Tocotronic – der Gipfel der Spießigkeit

Von Martin Benninghoff am 13. Mai 2015

Die Hamburger Band hat ein neues Album herausgebracht. Und das Pop-Feuilleton reagiert erneut mit hemmungslosem Speichelfluss wie bei Pawlows Hund. Ein echtes Trauerspiel.

Das Experiment des Iwan Pawlow war so einfach wie eindrucksvoll: Er zeigte seinem Hund den Futternapf (unbedingter Reiz), woraufhin diesem das Wasser im Maul zusammenfloss (unbedingte Reaktion). Sodann ließ der Forscher einen Glockenton erklingen (neutraler Reiz), und es passierte, oh Wunder: nichts; dem Hund war das schlicht schnuppe. Als Pawlow jedoch das Glöckchen erneut bimmeln ließ, und zwar in unmittelbarer zeitlicher Folge mit dem angebotenen Napf – und dies wiederholte und wiederholte-, bekam das Hündchen irgendwann schon beim Hören des lieblichen Glockenklanges Heißhunger. So geht Konditionierung.

Was das Glöckchen für den hungrigen Hund bedeutete, das bedeutet hierzulande ein neues Album der Band Tocotronic für Teile des Pop-Feuilletons. Geben die Mannen um Sänger Dirk von Lowtzow ein Lebenszeichen von sich, dann läuft dem durchschnittlichen Feuilleton-Redakteur das Wasser im trockenen Munde zusammen. Und dies, obwohl das auslösende Ereignis, die neue CD, gar nicht so recht als Appetitanreger taugen mag. Tocotronic, das ist das Glöckchen, aber ganz sicherlich nicht das Futter, für das die Band von manchen gehalten wird.

Gut, das ist vielleicht gemein und furchtbar pauschal. Aber leider ist es ja auch so furchtbar dämlich, was häufig über diese hochgradig überschätzte Musikvereinigung verzapft wird. Vieles lässt tief blicken, was gelegentlich in Deutschland als gut gemacht durchgeht, und es sagt viel aus über den Horizont mancher Musikkritiker, die es offenbar nicht schaffen, über die Grenzen hinaus wirklich gut Gemachtes zu sehen.

Aber der Reihe nach: Tocotronic gilt als intellektuell, als kopflastig, als klügste Band, als Diskursrock. Tja, das soll wohl heißen, dass die Gruppe rund um den stets intellektuell, kopflastig, klug dreinschauenden von Lowtzow irgendwie tiefere und doppel- sowie dreibodige, gleichsam diskursanschiebende Gedanken poetisch und pathetisch in Musik verpackt. So ein Schmarrn. Derartige Inhalte sind nämlich nicht überliefert. Was bleibt ist die bloße Attitüde.

Das neue Album, ganz in Rot, ihr elftes in 20 Jahren, erschien am 1. Mai, dem roten Tag der Arbeit. Es ist weniger schrammelig, weniger rockig als seine Vorgänger; es ist ziemlich poppig, es ist okay. Musikalisch nichts Neues, eben einfacher Pop mit wenigen Gitarren, die etwas schief, aber durchaus ansprechend, weit in den Hintergrund gemischt, jaulen. Es ist gut produziert, so wie viele Popalben gut produziert sind.

Das Album ist also nichts Besonderes, aber das muss Pop nicht immer sein. Etlichen Leuten scheint die Musik zu gefallen, alleine das genügt zur Daseinsberechtigung. Positiv interpretiert: Das neue Album ist das erste der Band, bei dem nicht mehr so stark auffällt, dass die Musiker ihre Instrumente nur unzureichend beherrschen. Dank des Produzenten Moses Schneider eine gute Leistung, man kann ja auch viel tricksen im Studio. Das Album alleine wäre ein Grund zum Schulterzucken, nicht zu bissiger Kritik.

Schleim- und Speichelspur
Ärgerlich ist vielmehr die Schleim- und Speichelspur einiger Medien, die sich disproportional zur Güte von Tocotronic verhält. Noch ärgerlicher ist allerdings: Von Lowtzow und seine bierernsten Mitstreiter Jan Müller, Arne Zank und der schrecklich attitüdenhafte Trainingsjackenträger Rick Mc Phail spielen das Spiel völlig frei von selbstironischen Anflügen mit, ja, befeuern es geradewegs. Wäre die Musikszene der Hamburger Schule (neben Tocotronic noch u.a. Blumfeld und Die Sterne) bereits in Madame Tussauds ausgestellt, müsste sie genauso aussehen wie Mc Phail mit seiner Hornbrille und seiner wie aufgesetzten Achtung-ich-bin-so-urban-Britpop-Frisur.

Eine kleine Kostprobe, wie hierzulande auf Tocotronic reagiert wird, bot kürzlich „Zeit Online“ in einem Interview mit von Lowtzow. Großartige Satire, nur leider ist das Interview ernst gemeint (mit Interpretationshilfe in Klammern):

Von Lowtzow (nachdem er bedeutungsschwer verkündet hat, dass das neue Album von Liebe handelt. Uiuiui…noch nie gehört): „Liebe dient oft nur als Platzhalter, um ein Lied thematisch zu füllen. So ein seichtes I-love-you-Blabla hat aber auch keine gefährliche Seite mehr.“ (Abwertung sämtlicher anderer Bands, die über Liebe singen, und Hinführung zur eigenen, natürlich komplett revolutionären Interpretation von Liebe) „Daher ist es total wichtig, dass man diese Aspekte mitbehandelt.“ (Vom Duktus her schon nah am Literarischen Quartett, aber das kommt jetzt erst) „In Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit…“ (namedropping aus dem bildungsbürgerlichen Bücherregal, zeigen, was man gelesen hat, das kommt immer gut!).

Und weiter: Von Lowtzow (das Feld ist bereitet, der Redakteur bereit, den originellen, noch nie dagewesenen Gedanken des Diskurs-Meisters aufzusaugen): „Wenn man von der Liebe getroffen wird, ist das fast eine psychotische Erfahrung, die einen die Welt ganz anders wahrnehmen lässt. Viele Leute haben sich schon im Namen der Liebe ruiniert – körperlich, finanziell, emotional.“ (Wow!)

Aufhören, aufhören, das ist ja nicht auszuhalten. Ähnliche Banalitäten aus der Schublade der Binsenweisheiten sondert der Meister auch an anderen Stellen ab, zum Beispiel neulich in der ZDF-Sendung „Aspekte“, die eigentlich zu mehr in der Lage ist, als solchem banalen Gesülze den Anstrich von geistiger Tiefe zu verpassen. Sülze bleibt ja Sülze, selbst wenn sie aus den Buchdeckeln eines literarisch-künstlerischen Bildungskanons quillt.

Selbstzufriedenes Dilettantentum
Tocotronic ficht das selbstredend nicht an. Proust und Wittgenstein als Bezugspunkte verleihen jedem Überzeitlichkeit. Und die Band hat sich ja durchaus, wie eingangs erwähnt, entwickelt: Am Anfang war ihr Sound kaum erträglich, was man damals als Punk verklärt hat. Aber auch Punk trifft eher den Punkt, wenn der Beat stimmt, weil Drummer und Bassist wissen, was sie tun. Bei Tocotronic herrschte stets selbstzufriedenes Dilettantentum, was natürlich zu Beschränkungen beim Songwriting führt. Wer sich kompositorisch nicht entwickeln kann, der muss am Sound drehen, um anders zu klingen.

Aber wer redet bei Tocotronic schon von Musik? Die Musikkritiker jedenfalls kaum. Aber was bietet die Band dann? Nicht vielmehr als eine pseudo-intellektualistische Attitüde – das genaue Gegenteil von Punk. Ärgerlich ist zudem ihr Verharren in der immer gleichen Schublade, statt Grenzen einzureißen, wie es Künstler eigentlich doch anstreben. Der Gipfel der Spießigkeit, dabei wollen sie doch so anders sein.

Mancher Mitstreiter aus Hamburger Trainingsjacken-Zeiten hat sich da wesentlich weiter aus der Deckung gejagt. Jochen Distelmeyer, der Sänger von Blumfeld beispielsweise, hat sich locker gemacht und Genregrenzen eingerissen. Als er sich auch noch als George-Michael-Fan outete, zog er sich natürlich den Unmut der Hamburger Spießer zu; auch das Pop-Feuilleton prügelte auf ihn ein. Tocotronic hat man lieber – da weiß man, was man hat. Und muss im Elfenbeinturm nicht neu nachdenken. Das könnte der einzige Diskurs sein, den Tocotronic jemals angestoßen hat, wenn auch unfreiwillig.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, mag normalerweise keine ätzenden Musikkritiken. Tocotronic aber schreien förmlich nach einer Ausnahme. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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