Was Deutschland von David Letterman lernen kann

Von Falk Heunemann am 21. Mai 2015

Für die „Heute Show“, “TV Total“ oder auch Harald Schmidt war der amerikanische Talkshow-Gastgeber das unerreichte Vorbild. Nun geht er in den Ruhestand. Was machte er besser als seine deutschen Imitatoren?

Gestern Abend hat ein Gigant den Bildschirm für immer verlassen. Einer, den die Zuschauer verehrten und den Weltpolitiker fürchteten, der Talente zu Stars machte und Scheinriesen ihre wahre Größe aufzeigte. Ohne den das deutsche Fernsehen nicht so wäre, wie wir es heute kennen. Und von dem deutsche Sender noch viel mehr hätten lernen sollen.

Nein, es geht hier nicht um Ulrich Deppendorf, der ebenfalls gestern Abend aus dem ARD-Hauptstadtstudio verabschiedet wurde und wenn, dann allenfalls von Berliner Politikern vermisst werden wird. Es geht um David Letterman, König der Late Show und Vorbild all jener, die gewitzte Abendunterhaltung machen wollen.

Seit 1982 hatte er seine allabendliche Talkshow. 1982, damals gab es noch nicht einmal RTL. In Deutschland kannten sie lange nur wenige, kaum einer empfing schließlich amerikanisches Fernsehen. RTL2, ausgerechnet, strahlte dann mal Mitte der Neunziger mitten in der Nacht ein paar Episoden aus, stellte das bald aber wieder ein. Was gut war, sonst wäre womöglich schnell aufgeflogen, woher Moderatoren wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt nicht nur ihr Late-Show-Konzept und ihren Sendungsvorspann herhatten, sondern auch so manchen Gag. Letterman war die Vorlage für Gottschalks „Late Night“, für Thomas Koschwitz‘ „Nachtshow“, für die „Harald Schmidt Show“ und mittelbar auch für die „heute show“, „extra3“, Stefan Raabs „TV Total“. Selbst ein Jan Böhmermann ahmt ihn nach, mit dem Anfangsmonolog, dem Zwiegespräch mit seinem Ansager, den Einspielfilmen und den abschließenden Promi-Interviews.

Erreicht haben sie ihn alle jedoch nie. Zu oft kopierten sie nur Form und Pointen, nie das Wesentliche: die Haltung.

Um Lettermans Wirkung zu verstehen, muss man sich zunächst alte Clips mit seinem Vorgänger und Vorbild Johnny Carson anschauen, den amerikanischen Cousin von Wim Tölke und Hans-Joachim Kulenkampff. Er war witzig, sicher, aber stets distinguiert, väterlich, gediegen.

Dann kam Dave. Ein Mann mit Zahnlücke, wildem Haar und entsprechender Attitüde. Er schmiss Melonen vom Dach, um zu sehen, wie sie aufschlugen. Er verkabelte den Sandwichmann von gegenüber und sagte ihm, was er Kunden oder Menschen auf der Straße sagen sollte. Madonna fluchte, Drew Barrymore zeigte ihm die Brüste, Barack Obama las eine seiner Top-Ten-Listen vor, fremde Menschen zeigten, welch merkwürdig wie dummen Tricks ihre Haustiere beherrschten.

Prägend aber war seine Haltung. Er war weniger distinguiert, dafür mehr distanziert, gegenüber seinen Gästen, aber auch zu sich selbst. Letterman war sich bewusst, dass alles nur Show ist, zur Unterhaltung des Publikums. Nicht etwa nur seine Monologe und Gags, sondern auch so vieles von Politikern und Stars war für ihn eine große Inszenierung, bei der man nicht mitmachen muss. Er lies die Luft aus ihnen heraus, höflich, aber bestimmt. Man sehe mal sich bei Youtube als Anschauungsbeispiele dafür etwa seine Verbalgefechte mit dem Rechtspopulisten Bill O’Reilly an, dem scheinheiligen Großkapitalisten Donald Trump oder auch mit der blonden Menschenhülle Paris Hilton nach deren Verhaftung.

Zugleich nahm er seine Zuschauer immer ernst. Gewiss, er machte mit und über sie Witze, aber er respektierte sie. Er traute ihnen zu, sich für mehr zu interessieren als die üblichen Floskeln und billige Gags. Seine abendliche Bewertung des Tagesgeschehens war oft wichtiger als so mancher Leitartikel. Auch weil er weniger aufgeblasen daherkam als die meisten politischen Kommentatoren. Ein Beispiel hierfür sind etwa seine Dialoge mit dem Nachrichtensprecher Brian Williams zum Irakkrieg. Und er konnte direkt in die Kamera blicken und über ernsthafte Dinge sprechen, etwa über seine Krankheiten, über den Krieg, über über 9/11 – ohne dass es aufgesetzt, oberflächlich, belehrend wirkte. Er war schlicht glaubwürdig, denn er behandelte die Zuschauer endlich mal wie Erwachsene.

Wie schwierig diese Balance von Selbstdistanz und Zuschauerrespekt ist, ist allabendlich im deutschen Fernsehen zu beobachten. Politische Moderatoren machen die Politshow leider zu oft mit, anstatt sie zu entlarven. Gastgeber wie Lanz oder Gottschalk schmeißen sich zu sehr an ihre Gäste ran, Welke oder auch Frank Plasberg dient alles nur für eine billige Pointe. Und für den offensichtlich immer stärker gelangweilten Raab dienen alle Beiträge inzwischen nur noch dazu, um für seine anderen Sendungen zu werben. Man möge sich nur mal versuchen vorstellen, ob Raab, Welke oder auch Deppendorf in der Lage gewesen wären, solche Ansprachen zu halten wie Letterman nach 9/11. Oder ob sie so öffentlich zu einer Verfehlung gestanden hätten wie der Amerikaner nach seinem Sexskandal.

Lettermans Haltung – Respekt gegenüber den Zuschauern, respektlos, gegenüber allen anderen – hat es überhaupt erst ermöglicht, dass TV-Phänomene wie Jon Stewart, John Oliver oder auch Jan Böhmermann entstehen konnten. Sie haben nicht einfach nur seine Show kopiert, seine Monologe nachgeahmt und seinen Witz imitiert. Sie haben vor allem seine Einstellung verinnerlicht. Sie sind David Lettermans Erben. Sie haben Bedeutung, für Millionen: Wer ihre Shows sieht, fühlt sich großartig unterhalten und hinterher ein bisschen schlauer.

Über wen im deutschen Fernsehen kann man das schon behaupten?

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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