Klare Kante, Bodo Ramelow

Von Andreas Theyssen am 22. Mai 2015

Thüringens Ministerpräsident soll den Streit zwischen Bahn und den Dauerstreikern von der GDL schlichten. Dabei schneidet er erst einmal alte Zöpfe ab.

Diplomatie ist lästig. Diplomaten reden um den heißen Brei herum, machen auf Die-Gegenseite-Versteher, legen sich ebenso gerne fest wie sich ein Pudding an die Wand tackern lässt.

Übertrieben? Dann hören Sie mal unserem deutschen Oberdiplomaten Frank-Walter Steinmeier zu. Können Sie anschließend sicher sagen, was er gemeint hat? Eben. Nur Hans-Dietrich Genscher sprach noch besser Diplomatisch.

Manchmal braucht man aber solche Diplomaten, sogar im Inland. Zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Lösung für zwei Streithanseln zu finden, die sich so in einander verbissen haben, dass die halbe Republik darunter leidet. Das nennt man dann: Arbeitgeber und Arbeitnehmer berufen einen Schlichter.

Bodo Ramelow ist jetzt Schlichter, soll zwischen Deutscher Bahn und GDL vermitteln. Der Mann ist eine gute Wahl. Er musste schließlich der Republik schon vermitteln, dass auch ein Vertreter der Linkspartei Ministerpräsident sein kann, ohne dass in seinem Landstrich gleich der Kommunismus ausbricht.

Der Mann ist aber auch eine gute Wahl, weil er einmal Gewerkschaftssekretär war. Das ist die beste Garantie, dass beide Seiten ihn als Unabhängigen, als ehrlichen Makler akzeptieren. Die GDL jedenfalls tut es.

Dass Ramelow eine gute Wahl ist, hat er auch gleich nach seiner Berufung zum Schlichter bewiesen. Er hat mit diesem Neutralitätsgedöns aufgeräumt. Ist ja auch Quatsch zu denken, ein Schlichter müsse sich neutral verhalten. Macht kein Mensch, jeder hat schließlich eine Meinung.

Seine hat der Schlichter auch gleich kundgetan. „Es war ein Fehler der Deutschen Bahn, so lange auf Vollkonfrontation zu setzen“, meinte er. Und: „Ein derart unprofessionelles Vorgehen habe ich noch nicht erlebt.“

Das war sehr professionell von Bodo Ramelow. Denn die Deutsche Bahn wird nun garantiert mit Freuden jedem Schlichtungsvorschlag des Herrn aus Thüringen folgen und die GDL deswegen nie wieder ihre Lokführer streiken lassen. Und falls nicht – Kollateralschäden gibt es immer.

Aber jedenfalls hat Bodo Ramelow erst einmal alte Zöpfe abgeschnitten, er war klar, deutlich und vor allem sehr authentisch. Das ist ja auch was. Und das wird allen Bahnfahrern in Erinnerung bleiben. Vor allem, wenn sie in drei Wochen wieder am Bahnsteig stehen und vergeblich einen Zug suchen, weil die GDL mal wieder streikt.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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Zaunkoenigin am 22. Mai 2015

auch wenn sie im Zusammenhang mit seiner Aufgabe als Schlichter nicht ganz passen mögen ... was die Kommentare von Herrn Ramelow angeht (und ich bin wahrlich kein Fan von ihm) kann ich mich nur anschließen (auch wenn Sie das wieder garantiert anders sehen werden :-) )

Und ob eine klare Linie und klare Worte die nicht missinterpretiert werden können einer Schlichtung abträglich sein werden/müssen, wird sich noch zeigen. Es soll ja Menschen geben, die eher mit so einem schwammigen Geschwurbel nichts anfangen können und deshalb auf Konfrontation gehen. Ja... in der Tat.. solche Rüpel soll's doch glatt geben.

Ergo.. nicht jetzt schon schwarz malen.

cottontail am 22. Mai 2015

Liebe Zaunkönigin,
Herr Ramelow hat entweder seinen Auftrag missverstanden, oder aber er versteht nichts von Konfliktschlichtung (oder beides?). Oberster Grundsatz bei der Mediation ist die sogenannte “Allparteilichkeit” des Mediators. Diese Haltung hat nichts mit “schwammigem Geschwurbel” zu tun, sondern es geht um die Bereitschaft, beiden Sichtweisen erst einmal offen zu folgen. Durch Allparteilichkeit schafft die Mediatorin einen Gesprächsrahmen, der es den Konfliktparteien ermöglicht, einander wirklich zuzuhören und wechselseitige Interessen besser zu verstehen. Eine wertende Parteinahme des Mediators (und anders kann man Herrn Ramelows Einlassungen nicht deuten) ist hingegen absolut kontraproduktiv und führt meist direkt in die weitere Eskalation des Konflikts. Vielleicht mögen Sie hier mal lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Allparteilichkeit
Beste Grüße von cottontail

Zaunkoenigin am 22. Mai 2015

Werte cottontail,
die Theorie ist mir durchaus bekannt. Mir ist auch bewusst, dass das bei sehr vielen Menschen funktioniert bzw. viele Mediatoren diese Gratwanderung hinbekommen. Aber nicht bei jedem funktioniert das. Es soll Menschen geben, auf die diese Allparteilichkeit (die es nach meiner Erfahrung gar nicht geben kann - gleichgültig wie sehr sich ein Mensch darum bemüht und wie gut er geschult ist) eher befremdlich wirkt und sie gehen auf Abwehr gehen lässt. Das sollte Ihnen eigentlich auch bewusst sein, wenn Sie sich mit der Thematik befasst haben.
Deshalb meinte ich ja, schaun mer mal was dabei heraus kommt. Was nicht bedeutet, dass ich nicht auch leicht skeptisch bin.

Übrigens war vor einigen Jahren Heiner Geißler Schlichter beim Stuttgart21-Konflikt. Wer ihn kennt, der weiß, dass er ein Mann der klaren Worte ist und eher nicht der "neutrale Typ" ist. Auch er hatte für reichlich Unruhe gesorgt und auch bei ihm empörte man sich reichlich. Das Endergebnis dürfte Ihnen aber auch bekannt sein.