Es sind die Sportfans, die Sepp Blatter im Amt halten

Von Kai Makus am 1. Juni 2015

Auch weitere Ermittlungen gegen die Fifa werden kaum etwas an der grassierenden Korruption im Weltsport ändern. Die Geschäfte werden weiter gehen, solange die Fans untätig bleiben.

Ist eigentlich etwas passiert auf dem Fifa-Kongress letzte Woche? Josef Blatter ist weiter Präsident des Weltfußballverbandes, die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 werden in Russland und Katar ausgetragen, und die Fans werden jubeln. Fast vergessen: Mehrere Spitzenfunktionäre und -mitarbeiter stehen in den USA wie in der Schweiz unter Korruptionsverdacht.

Ein Schritt in die richtige Richtung, ein Anfang. Aber offensichtlich steht die grassierende Bestechung und Bestechlichkeit unter Fußballfunktionären noch nicht insgesamt unter Anklage. Wie sonst könnte das schamlose Stehaufmännchen Blatter von „Einzelfällen“ sprechen, ohne rot zu werden? Dabei dürfen ohne sein Wissen und seine Zustimmung wahrscheinlich nicht einmal die Möbel in den Räumlichkeiten der Verbandszentrale verrückt werden.

Die Wut auf den Fifa-Boss ist groß. Doch Sport genießt eine gewisse Narrenfreiheit, selbst für eine empörte Öffentlichkeit. Ein Politiker, der in ähnliche Vorgänge verstrickt wäre wie Blatter, hätte unter medialem Trommelfeuer längst zurücktreten müssen. Ein Konzern, der derartige Praktikanten auch nur geduldet, wenn nicht sogar gutgeheißen hätte, sähe sich einer Welle von Boykottaufrufen gegenüber. Völlig zu recht.

Sportfans aber stellen sich zu oft schützend vor ihre Idole. Die Indizien dafür, dass das „Wunder von Bern“ eher Ergebnis eines pharmakologischen als eines Trainingsvorsprungs war, sind nicht zu leugnen – geschadet hat das dem Ansehen der „Walter-Elf“ bis heute kaum. Franz Beckenbauer erzählt fürstlichen Unsinn über die Zustände auf den WM-Baustellen Katars – ach, lass ihn doch, er ist schließlich Lichtgestalt, „der Kaiser“. Uli Hoeneß hinterzieht Steuern in ungeahntem Ausmaß, und seine Rückkehr in den Verein führt ihn ausgerechnet in die Jugendarbeit  – „mir san mir“.

Fußballstars sind beileibe nicht die einzigen, die auf ihre Fans zählen können. Leichtathletik, Radsport, Boxen – Multimillionengeschäfte, von Aufmerksamkeit getrieben. Die kriegt Formel-1-Erfinder Bernie Ecclestone sogar ganz ohne Wettfahrt. Bei ihm geht es um Bestechung und Steuerhinterziehung oberhalb der Milliardengrenze. Aber Motorsportfreunde schauen nicht deswegen sonntags weniger hin als früher. Sie wünschen sich das gute, alte Regelement zurück, als 1.000 PS noch was hermachten und Ärgernisse wie der Umweltschutz gerade erst erfunden war.

Sport fasziniert die Menschen von Alters her. Die antiken Griechen hatten ihre Agone, die alten Römer die Arena. Schon immer nutzten die Mächtigen die Begeisterung für die sportliche Auseinandersetzung, um die Massen ruhigzustellen. Inzwischen passiert das recht ungeniert in aller Öffentlichkeit.

Das Bedrückende: Selbst offenkundiger Betrug bringt echte Sportfanatiker zu selten zum Nachdenken. Und wenn es auch nur den leisesten Verdacht gibt, Deutschland könne sich die Ausrichtung einer WM erkauft haben, liegt das eben am Satiremagazin „Titanic“. Als ob sich die Mächtigen jemals mit einem Schwarzwälder Schinken und einer Original-Kuckucksuhr zufrieden gegeben hätten.

Kai Makus, Autor in Hamburg und im Peiner Land, ist begeisterter Fernsehsportler. Er schaltet aber lieber die Kiste aus als sein Hirn. Seine OC-Kolumne „Links gedreht“ erscheint jeden Montag.

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phatterdee am 1. Juni 2015

Ja sehr gut aber was sollen wir machen?
Unser Vereine nicht mehr Unterstützen oder anfeuern? Nicht mehr ins Stadion gehen?
Unser Kindern das Fußballspielen verbieten?
Das einzige was mir einfällt ware sich die Spiele in Netz anzuckenen "halb-illegal" ich hab da mal so eine Seite:
www.livetv.ru
Aber hey da hat ja eigentlich der Gesetztgeber was dagenen nicht war, Mann stelle sich vor 2018 Kucken 80 Mio. Deutsche Fußball über abgefilmte streams? wenn die Paar Porno kucker von redtube schon eine abmahnungs welle ausgelöst hat.....
Das Problem liegt wo anders es ist unser System unser zines Zins System, es muß immer mehr verdient werden Fußball als marke. Wo der Prolet in der kurve stört, früher ist der Vater mit dem Sohn zum Boltzplatz oder ins Stadion heute geht die Familie zum evant mit bratwurts cola und alkhol freiem Bier.
Blatter und co. sind nur die Spitze der Eißbergs oder leute die besonderst dreißt ihre macht und Geld Geilheit ausleben?! Warum gibt es in der Schweiz keine gesteze gegen Bestechung grade bei Vereinen?
Und die Geschichte mit Interpol wo plötzlich ein Scheck in höhe von 20 milionen aufgetaucht ist?
Ja selbst wenn ich mir die Spiele nicht im Tv ankucke bezahle ich doch mit der Zwangs Abgabe GEZ trotzdem
Also, was kann man machen sich das Spiel im Netz ankucken und dann vor dem Richter stehen und sich anhören das Mann ja dem Fußball schadet??
Ich wage mal eine Prognose keiner der sieben jetzt verhafteten wird je verurteilt??

Zaunkoenigin am 1. Juni 2015

Leider, Herr Makus, leider kann ich mich Ihrem Artikel nur anschließen. Ohne wenn und aber.

So lange der Fun-Faktor bei den Fans wichtiger ist als Integrität, Moral, Ehre (ja ja, alles altmodische Begriffe - alles verstaubt, alles muffig und vor allem eine Spassbremse), so lange es Fans richtig finden, dass Vereine und deren Funktionäre Milliarden scheffeln und das auf Kosten auch der Allgemeinheit (also auch der Nicht-Fussball-Fans), so lange Fans nicht dagegen aufstehen, dass Randalierer ganze Stadien und auch Unbeteiligte terrorisieren, so lange Menschen wie phatterdee (der ganz sicher nicht zu den abgestumpften Mitbürgern gehört) so argumentieren wie er es gerade tut, so lange wird sich nichts ändern.

Das was da gerade abläuft macht im Grunde nur deutlich wie unsere Gesellschaft tickt und was traditionelle Werte noch Wert sind.

Und .. kaum jemanden fällt es auf, dass so manche politische Aktion ausgerechnet dann läuft, wenn die Massen mal wieder ruhig gestellt sind. (ich sage da nur - als Beispiel - "Abstimmung zum Meldegesetz")

Alles in Allem kann ich Ihnen leider nur zustimmen.

Zaunkoenigin am 1. Juni 2015

*Ja sehr gut aber was sollen wir machen?
Unser Vereine nicht mehr Unterstützen oder anfeuern? Nicht mehr ins Stadion gehen?
Unser Kindern das Fußballspielen verbieten?*

Ja, warum denn nicht? Was denn anderes sonst?

Ja glauben Sie denn, für etwas zu stehen ist immer bequem und einfach und geht ohne Verzicht? Was meinen Sie, was Arbeitnehmer opfern wenn sie streiken? Das fällt nicht jedem leicht und in früheren Jahren vermutlich noch schwerer als heute.

Und Fussball spielen kann man auch ohne Verein. Früher war das für Kinder doch auch ohne möglich.

Die Frage ist ganz einfach. Nämlich, was ihnen wichtiger ist und für was und wie viel Sie Ihre Werte, Ihre Moral und auch ihren Stolz verkaufen. Ja, auch Stolz und Selbstverständnis.