Warum Ultra-HD-Fernsehen zum Scheitern verurteilt ist

Von Falk Heunemann am 4. Juni 2015

Das Champions-League-Finale wird erstmals mit ultrahoher Auflösung ausgestrahlt. Dabei bringt die Technik den Zuschauern nichts. Und die Sender haben sie mit HD verschreckt.

Geht es nach Pressemitteilungen aus der vergangenen Woche, dann steht die nächste technische Revolution des Fernsehens unmittelbar bevor. In wenigen Monaten, Wochen, ja Tagen werden wir demnach uns nicht mehr mit hochauflösendem HD-Fernsehen zufrieden geben, sondern wir wollen Ultra-hochauflösendes, mit 3840 × 2160 Pixeln (daher UHD, Ultra-HD oder 4K genannt) – viermal mehr Pixel als bei HD:

* Der deutsche Bezahlsender Sky überträgt das Champions-League-Finale am Samstag in Ultra-HD – wenn auch nur ein einem Dutzend Kneipen.

* Am Freitag kann man bei der Streaming-Videothek Netflix die neue Serie „Sense8“ in auch in Ultra-HD anschauen, so wie bereits etwa die Eigenproduktionen „House of Cards“ und „Marco Polo“ sowie eine Reihe von Fremdproduktionen.

* Das amerikanische Filmstudio Fox will künftig alle Inhalte in 4K produzieren und in dieser Auflösung auf Bluray anbieten.

* Der Verkauf von UHD-Fernsehern hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als vervierfacht, der herkömmlicher HD-TVs sinkt dagegen, berichtet der Branchenbeobachter DisplaySearch.

Das klingt verheißungsvoll, es geht schließlich um einen Milliardenmarkt, für Hersteller wie Inhalteproduzenten. Aber Pressemitteilungen sollte man nie weiter trauen als bis zum Rand des Blatt Papiers oder des Monitors, auf dem sie gelesen werden. Es steht nicht unbedingt falsches daran, aber das heißt nicht, dass es auch richtig ist. Denn tatsächlich hat die Technik derzeit keine Zukunft. Vor allem aus zwei Gründen: Das HD-Disaster und das menschliche Auge.

Das HD-Disaster. Rund jeder zweite Haushalt in Deutschland ist inzwischen mit einem HD-Fernseher ausgestattet, das sind knapp 18 Millionen (TV Monitor, Astra). Aber hat sich die Anschaffung für sie auch gelohnt? Die Öffentlich-Rechtlichen senden zwar inzwischen ihre Programme auch in HD aus, allerdings mit der Auflösung von 1280×720 (720p), sie schöpfen also die technischen Möglichkeiten bei weitem nicht aus.

Die Privatsender machen es kaum besser. Zwar senden sie in höherer (wenn auch nicht maximaler Auflösung). Zugleich aber beschränken sie dazu den Zugang. Sie haben einen eigenes Format namens HD+ kreiert, was nicht etwas mehr leistet, sondern erstens die Nutzungsrechte für die Zuschauer einschränkt (begrenzte Aufnahmen, kein Vorspulen bei Werbung u.ä.) und zweitens zusätzlich kostet: 60 Euro (Satellit) bis 120 Euro (Kabel) pro Jahr. Der Pay-TV-Anbieter Sky verlangt übrigens weitere 120 Euro im Jahr, wenn man seine Sender in HD sehen will, zusätzlich zum Monatsbeitrag.

Die Nutzerzahlen allerdings sind übersichtlich: 1,6 Millionen bezahlen derzeit für HD+. Das Konsortium feiert das zwar in einer Pressemitteilung als „weiteren Meilenstein“. Studiert man allerdings ältere Pressemitteilungen, dann relativiert sich das schnell: Bereits Ende 2013 waren es knapp 1,5 Mio. Die Zahl aller Nutzer, also auch jener mit kostenlosen Probe-Abos, erhöhte sich so gut wie nicht, sie liegt seitdem um die drei Millionen. Das heißt, es kommen netto so gut wie keine neuen HD-Abonnenten hinzu, viele nutzen die Probezeit und kündigen dann. Zugleich sehen viele Sendungen grottig aus, gerade die kleinen Sender setzen auf Konserven-Ware, deren niedrigere Auflösung dann zwar rechnerisch hochskaliert wird, aber praktisch nicht besser aussieht. Und dafür soll man dann auch noch bis zu 120 Euro im Jahr zahlen, zusätzlich zum Rundfunkbeitrag von 210 Euro und zum Beispiel den Kabelgebühren. Die Privaten haben damit den Deutschen das hochauflösende Fernsehen verdorben, sie assoziieren es mit höheren Kosten ohne wirklichen Mehrgewinn.

Bevor also alle dem UHD-Hype verfallen, sollten sie erstmal HD etablieren. Das heißt, mehr Inhalte in echtem HD produzieren (statt nur hochzurechnen) und ausstrahlen. Und das hieße, das kostenpflichtige HD+ endlich als Fehlschlag zu begreifen und es einzustellen. Erst wenn HD ein Erfolg wird, hat UHD überhaupt eine Chance.

Das menschliche Auge. In den Technikmärkten sehen die UHD-Fernseher toll aus – kein Wunder, auf ihnen werden ja nicht nur speziell produzierte Videos gezeigt statt das normale, weit weniger beeindruckende Fernsehsignal. Sie werden dort auch oft so platziert, dass man nur wenige Zentimeter Abstand zu ihnen hält. Klar, da sieht das Bild toll aus. Aber wer schaut schon so zu Hause Fernsehen?

Schon bei den alten Fernsehern betrug der durchschnittliche Sitzabstand mindestens 2,5 Meter. Die größeren Flachbildschirme und größere Wohnungen haben diese Distanz noch vergrößert. Damit aber das menschliche Auge einen Unterschied zwischen HD und UHD wahrnehmen kann, müsste man etwa bei einem 48-Zoll-Gerät (der Durchschnittsgröße) maximal einen Meter entfernt sitzen. Um ihn in 2,5 Metern zu erkennen, müsste er schon 100 Zoll in der Diagonale messen. Wer hat dafür den Platz und das Geld? Im gesamten vergangenen Jahr wurden vielleicht auch deshalb gerade mal elf Millionen UHD-TVs verkauft. Weltweit. Bei mehr als 300 Millionen verkauften Fernsehern.

Übrigens: Die nächste Fernsehrevolution steht unmittelbar bevor, so stand es zumindest in einer Pressemitteilung: Sie heißt 8K UHD – die Geräte haben dann eine Auflösung von 7680×4320 Pixeln.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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maSu am 4. Juni 2015

Gut zusammengestellt. Nur ein Denkfehler: der Abstand zum Fernseher nimmt nicht ab. Man saß früher 2-3 Meter davon entfernt mit 24" Größe und heute auch 2-3 Meter bei 60" oder mehr. Das setzt dann aber Full HD voraus, sonst sieht das eklig aus. Und bei noch größeren Geräten braucht man dann UHD.

UHD macht daher durchaus Sinn - für große Geräte jenseits der 60". Es ist daher Marketing-Quatsch 46" Geräte mit UHD zu verkaufen - da haben sie recht.

Ich selbst gucke seit 4 Jahren ausschließlich HD-TV und muss sagen: bei einem guten Fernseher ist der Unterschied enorm und gut sichtbar.

Das eigentlich große Problem von HD: man hat damals noch mit HD ready Technikmüll verkauft und das Vertrauen der Kunden riskiert.