Nebelwerfer Homo-Ehe

Von Kai Makus am 8. Juni 2015

Die aktuelle familienpolische Debatte geht am Kern der Probleme vorbei. Statt wie bei der Homo-Ehe Rückzugsgefechte zu schlagen, sollten sich auch Konservative genau überlegen, was für Kinder tatsächlich das Beste ist.

Da ist die Debatte um gleichgeschlechtliche Partnerschaften gleich übergekocht, als Unionspolitikerin Annegret Kramp-Karrenbauer sie verbal dicht an Tieresmissbrauch und Inzest heranrückte. Warum letzteres wahrscheinlich nur der Ministerpräsidentin des Saarlandes einfallen konnte, erklärt übrigens Jan Böhmermann hier in acht Sekunden (ab 00:49).

Scherz beiseite: Das CDU-Bundespräsidiumsmitglied hat darauf spekuliert, verstanden zu werden. Da hat Kramp-Karrenbauer gewonnen. Was ihr prompt eine Anzeige wegen Volksverhetzung einbrachte. Und jede Menge Nazikeulen in den einschlägigen Internetforen und -publikationen – von beiden Seiten.

Das Zusammenleben von Mann und Mann oder Frau und Frau ist Konservativen offenbar immer noch ein Gräuel, während die Mehrheit hierzulande weitaus entspannter damit umzugehen scheint. Vielleicht deshalb steigert sich die Auseinandersetzung bei der Frage nach dem Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paaren ins Kämpferische. Das Kindeswohl wird dabei immer wieder gern ins Feld geführt. Es steht aber leider nur scheinbar im Mittelpunkt des aktuellen familienpolitischen Konflikts.

Denn Kern des Kindswohles ist die möglichst gute Startposition für möglichst viele von ihnen. Das sicherzustellen, hat im Kapitalismus eben weniger mit der sexuellen Orientierung zu tun als mit Geld, da können Konservative noch so zetern. Zu Hause kann es Vater und Mutter helfen, ob berufstätig oder nicht. Es sollte die Erzieher in Schule, Kindergarten und Kita unterstützen, sei es durch mehr Personal oder durch mehr Ausstattung oder durch mehr Sozialarbeit. Es muss vor allem viel stärker Alleinerziehenden zu Gute kommen, seien es Männer oder Frauen.

Sollen die Angriffe auf eine Adoption durch Lesben und Schwule etwa davon ablenken, dass viele Schulen unter dem angeblichen Sparzwang erbärmlich aussehen? Dass Lehrer in den Klassenfahrtstreik treten, weil sie sich überlastet sehen? Davon, dass das größte Armutsrisiko noch immer Alleinerziehende tragen, weil unser Steuerrecht über das Ehegattensplitting nach wie vor das Familienbild der 50er Jahre propagiert und stützt – das inzwischen allerdings weitaus häufiger als damals keine Kinder mehr umfasst?

Die Aufregung um Homo-Ehe, gleichgeschlechtliche Partnerschaft, Ehe für alle sollte genutzt werden, die finanzielle Behandlung von Ehe und Famile neu zu fassen. Ob dazu ein Familiensplitting, so wie es zum Beispiel in Frankreich praktiziert wird, als Ersatz für das Ehegattensplitting ausreicht, ist zweifelhaft. Denn das würde den Wenigverdienern unter den Alleinerziehenden kaum weiterhelfen. Deshalb muss das Kindergeld steigen, ebenso wie die Investitionen in Schulen und Kitas. Und natürlich ist zu prüfen, ob nicht jedes bedürftige Kind von Geburt an den vollen Hartz-IV-Regelsatz braucht.

Zugegeben: Die Mehrkosten dafür werden wohl auch Paare tragen müssen, die aus medizinischen, biologischen oder persönlichen Gründen keine Kinder haben, solange sich die Gesellschaft außer Stande sieht, sie allein aus ihrem gesamten Steueraufkommen zu tragen. Knappe Mittel aber sollten zielgerichtet ausgegeben werden – für die Zukunft.

Kai Makus, Autor im Peiner Land, ist verheiratet und hat zwei wunderbare Kinder. Er findet, dass nicht nur sie, sondern alle Kinder möglichst gut auf das Leben in einer komplexen und komplizierten Welt vorbereitet werden müssen. Er schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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Zaunkoenigin am 9. Juni 2015

Als Ablenkmanöver habe ich das noch gar nicht gesehen... aber ja, auch dazu könnten diese Diskussionen dienen. Ich bekomme bei uns im Ländle die rabiate Sparerei an den Kindern und damit auch an den Menschen die diese Kinder betreuen sollen/wollen mit. Bei uns jedenfalls geht es steil bergab - dafür streitet man sich dann aber wenigstens eifrig über Inklusion und weiteren Stilblüten, bringt es aber noch nicht einmal fertig eine Tagesbetreuung für Kindergartenkinder zu gewährleisten. (die wenigen Plätze die es gibt sind ein Tropfen auf den heißen Stein).

Ich kann mich überwiegend dem anschließen was Sie schreiben. Lediglich die Aussage "Das sicherzustellen (Anm: Kindeswohl), hat im Kapitalismus eben weniger mit der sexuellen Orientierung zu tun als mit Geld" kann ich nicht zu 100% unterschreiben. Es hat viel mit Geld zu tun. Ja, viel - aber eben nicht alles. Ich bin beim Thema Adoption für gleichgeschlechtliche Paare hin und her gerissen. Einerseits denke ich, dass ein Kind in dieser Beziehungsform genauso viel Liebe, Unterstützung, Förderung und Wärme empfangen kann und wird wie es auch dort genau die gleichen negativen Dinge erleben kann wie in einer zweigeschlechtlichen Beziehung. Andererseits erinnere ich mich nur zu gut daran was Kinder erleben können/müssen wenn das Elternhaus nicht dem Standard entspricht. Kinder können grausam sein. Deshalb frage ich mich, ob es dem Wohl eines Kindes dient, wenn man riskiert ein Kind der zwischenkindlichen Ausgrenzung auszusetzen. Hänseleien über das Elternhaus und den damit verbundenen Ausgrenzungen können eine Kinderseele quälen.
Ein weiterer Gesichtspunkt lässt mich dann aber doch wieder pro Adoption denken, denn, es ist ja heute schon gängige Praxis, dass einer der Partner alleine die Adoption durchführt und das halte ich dann doch für die schlechtere Möglichkeit. Andererseits kam mir beim Schreiben auch gerade die Frage .. und wie nennt ein Kind dann seine Eltern in der Schule? Vater + Mutter oder Mutter und Mutter oder Vater und Vater .. oder wie?

Ja sicher, so etwas regelt sich mit der Zeit. Früher hatten Kinder geschiedener Eltern in der Schule nichts zu Lachen. Irgend wann war das normal. Früher waren nicht verheiratete Eltern ein NoGo, heute kräht kein Hahn mehr danach. Nichts desto Trotz sollte man bei allen Überlegungen auch berücksichtigen, dass die "Kinder-Pioniere" es nicht leicht haben werden.

Ist Ihnen bekannt wie das in anderen Ländern praktiziert wird und wie dort die Erfahrungen sind?

Weshalb nur kinderlose Paare die finanziellen Erleichterungen für Eltern tragen sollen/müssen habe ich noch nicht verstanden - und auch nicht, warum das nicht von der Gesellschaft als Ganzes getragen werden kann.