Wieviele Jahre verdient jemand, der einen Menschen erschlägt?

Von Matthias Maus am 16. Juni 2015

Im Fall Tugce ist das Urteil gefallen. Viel zu mild sei es, klagen Angehörige und Anhänger des Opfers. Doch das ist zu kurz gedacht.

Kaum ein Kriminalfall hat in den letzten Monaten für soviel Aufsehen gesorgt wie der Tod der jungen Tugce. Das Drama enthält aber auch alle Zutaten, um Emotionen hochkochen zu lassen. Eine junge Frau zeigt Zivilcourage, stellt sich in einem Streit vor zwei  bedrohte Mädchen. Die Heldin wird von einem jungen Mann zu Boden geschlagen, sie fällt ins Koma und stirbt.

Nun ist das Urteil gefallen und mancher mag sich fragen, „wo da die Gerechtigkeit bleibt“ – drei Jahre Jugendstrafe für den Täter. Für einen 18-jährigen Mann, der mit einem Schlag ein junges Leben ausgelöscht hat. Zivilcourage kann tödlich sein, und wer zuschlägt, kommt mit ein paar Jahren davon? Ist das die Moral?

Im Prozess allerdings zeigten sich bald Zwischentöne, und dass die Rollen in dem Fall nicht so eindeutig nach dem Schwarz-Weiß-Schema verteilt waren. Es war ein Streit, eine keineswegs ungewöhnliche Auseinandersetzung – mit dem schrecklichsten Ende, das möglich ist.

Es ist der Vorteil von Gerichtsverfahren in einem Rechtsstaat, dass sie von Ermittlungsergebnissen geleitet sind, und dass die Richter nicht über Emotionen zu einem Urteil kommen.

Nach diesen Ergebnissen wollte Sanel M. nicht töten. Er beging nur, wie er selbst sagte, „den schlimmsten Fehler meines Lebens“. Damit hat er auf alle Fälle recht – auch wenn die Anwälte des Opfers darin reine Prozesstaktik sehen. Körperverletzung mit Todesfolge: Wird das Urteil verhindern, dass morgen wieder jemand zuschlägt? Wohl kaum. Hätte eine härtere Strafe diesen Effekt gehabt? Auch das ist höchst unwahrscheinlich – leider.

Matthias Maus, Autor in München, hat als langjähriger Chefreporter der „Abendzeitung“ viele Prozesse journalistisch begleitet.

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maSu am 16. Juni 2015

Sanel und Tugce waren beide besoffen und haben beide derbe beleidigt. Ich wette, das die 3,3 Jahre von der nächsten Instanz kassiert.

Vergleichbare Fälle (Onur K in Hamburg) zeigen das. Dort wurde zwar nicht provoziert, aber dafür war der Täter nicht vorbestraft.

Der Richter wollte die Volksseele beruhigen .... Frei nach dem Motto:

"kaufe Lynchmob, verkaufe Rechtsstaat"

maSu am 16. Juni 2015

Da fehlt ein "werden" nach "kassiert" ... Auf dem Handy tippt es sich suboptimal.