Wotan versus jüdische Karikatur

Von Volker Warkentin am 30. Juni 2015

Macht sich im deutschen Feuilleton Antisemitismus breit? Anlass zu dieser besorgten Frage bieten Berichte über die Wahl des Russen Kirik Petrenko zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker.

Ein Journalist der „Welt“ konnte sich des Hinweises nicht enthalten, dass nun gleich drei Chefdirigentenposten in der Hauptstadt mit Juden besetzt seien und der Nachfolger von Sir Simon Rattle mit einer Bayreuther Sängerin eine Affäre gehabt habe. Das eine ist musikalisch völlig irrelevant und das andere Privatsache der beiden Beteiligten. Unterschwellig insinuiert der Artikel eine Unterwanderung der Berliner Klassikszene durch Juden, die sich an arische Frauen heranmachen. Das sieht nach einer Anleihe beim „Stürmer“ des berüchtigten Nazi-Anführers Julius Streicher aus.

Dass ein solcher Text in einer Springer-Zeitung erscheinen konnte, ist ein besonderes Ärgernis. Denn für die Mitarbeiter der Hauses gelten fünf Verlagsgrundsätze, darunter die Aussöhnung mit den Juden. Dieses Essentials muss jeder Mitarbeiter unterschreiben. Warum haben bei den verantwortlichen „Welt“-Redakteuren nicht die Alarmglocken geschrillt? Der 1985 gestorbene Verleger Axel Springer, dem die deutsch-israelische Freundschaft eine Herzenssache war, würde sich im Grabe umdrehen.

Noch ärgerlicher ist der Kommentar einer NDR-Journalistin, die Petrenko zum jüdischen Zwerg Alberich macht, der seinen germanischen Konkurrenten Christian Thielemann bei der Wahl zum Chefdirigenten gedemütigt habe. Die Autorin fabuliert darüber, dass Thielemann als „Experte deutschen Klangs“ eine Art Wotan sei und degradiert Petrenko zum „winzigen Gnom und zur jüdischen Karikatur“. Das strotzt vor Dummheit und Antisemitismus, Und wie bei Springers „Welt“ stellt sich die Frage, ob es beim „Besten am Norden“ (NDR-Eigenwerbung) niemanden gibt, der gegenliest und die Traute hat, einen schlimmen Text zu kippen.

Erst nach massiven Protesten der Hörer entfernte der Norddeutsche Rundfunk die inkriminierten Passagen, ließ aber den verstümmelten Artikel im Netz stehen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, setzte die Autorin hinzu, sie habe Petrenko nicht mit dem Zwerg Albarich gleichsetzen wollen. Ihr sei es lediglich um eine Szenenbeschreibung gegangen, welche die Gedankenwelt Richard Wagners wiedergebe. Welche Relevanz haben die Gedanken des Antisemiten Wagner für die Wahl zum Chefdirigenten eines der weltbesten Orchesters?

Wehret den Anfängen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, unternimmt als Rock- und Jazzliebhaber musikalische Ausflüge in die Philharmonie. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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