Die Lüge von Griechenlands Rettung per Crowdfunding

Von Falk Heunemann am 2. Juli 2015

Ein Londoner Schuhverkäufer will Griechenland per Crowdfunding retten – das zumindest berichten alle Medien. Dabei stimmt weder das eine noch das andere.

Von Tsipras, Merkel und dem ganzen Rumverhandeln ist die Welt inzwischen ziemlich ermüdet. Da kommt diese Meldung doch gerade recht: Ein Engländer will den Pleite-Staat retten. Und zwar nicht einfach so, sondern mit Crowdfunding, also einer Spendensammlung übers Internet. Das hat doch alles, was eine spannende Geschichte braucht: eine gute Tat, einen Alltagshelden (ein Schuhverkäufer), einen aktuellen Bezug (die Griechen-Pleite) mit positivem Dreh (Rettung). Und irgendwas mit Internet. Mehr als 50.000 Menschen haben in der Folge mehr als 900.000 Euro an Spenden zugesagt.

Das Problem dabei: Es ist alles zu schön, um wahr zu sein.

Das fängt schon beim Initiator an: Thom Feeney (mitunter und fälschlicherweise auch “Tom Feeney” genannt) wird in den Berichten überall als Schuhverkäufer bezeichnet. Die Quelle dafür: Er selbst auf der Projektseite der Crowdfunding-Plattform Indiegogo. Dort schreibt er: “I currently work in a shoe shop in London.” Anscheinend hat niemand das angezweifelt. Warum auch?

Ein bisschen Googlen und Twittern offenbart anderes: Thom Feeney hat unter anderem ein LinkedIn-Profil, auf dem er sich aktuell als “Associate Community Manager” bezeichnet, der seit Juli für WeWork arbeite. Das ist ein 5-Mrd.-Dollar-Startup, das Büros für Freelancer in aller Welt teilzeitvermietet. Auf dessen Website ist er als Angestellter nicht aufgeführt.

Bis Juni war er fast zwei Jahre bei Noodle Live beschäftigt. Dieses Unternehmen hat nichts mit Nahrung zu tun – es entschuldigt sich dafür sogar auf der eigenen Website -, sondern entwickelt unter anderem Apps für Veranstaltungen. Feeney war bei der Firma knapp zwei Jahre Marketing Manager, laut seinen Angaben arbeitete er mit an Marketing-Strategien und entwickelte Social-Media-Kampagnen. Auf der Unternehmenswebsite unter “Team Noodle” war er ebenfalls bis vor kurzem noch als Marketing Manager gelistet, ist dort aber inzwischen entfernt worden. Zudem bewarb er die Firma auf öffentlichen Veranstaltungen. Das verrät sein Twitter-Account – derselbe, auf dem er das Crowdfunding-Projekt ankündigt.

Das alles schmälert nicht notwendigerweise seine Idee. Aber “zwischenzeitlich arbeitsloser Marketing Manager auf der Suche nach einem Job” klingt natürlich nicht ganz so schön wie “Schuhverkäufer”. Oder so unverdächtig.

Schwerwiegender ist, ob er mit dem Projekt tatsächlich Griechenland retten kann. 1,6 Mrd. Euro will er sammeln. Wie er auf den Betrag kommt, erläutert Feeney auf der Indiegogo-Seite nicht. Es dürfte sich aber um jene Ratenzahlung von 1,6 Mrd. Euro handeln, die der griechische Staat seit dem 30. Juni dem Weltwährungsfonds IWF schuldet. Allerdings: Selbst wenn diese Rate von der Crowd, der Nutzermasse im Netz, zusammengetragen wurde, ist damit Griechenland noch lange nicht gerettet. Das Land schuldet seinen Geldgebern insgesamt knapp 340 Milliarden. Pro EU-Bürger sind das nicht mehr nur 3 Euro – mit diesem Kleckerbetrag wirbt Feeney für den Erfolg seines Projekts -, sondern 680 Euro. Und auch wenn man nur die Ratenzahlungen für dieses Jahr nimmt, wird die von Feeney angepeilte Summe nicht reichen: 9,1 Mrd. muss Griechenland im gesamten Jahr 2015 allein an den IWF in mehreren Raten überweisen, weitere 6,7 sind es für die Europäische Zentralbank. Zusammen mit weiteren Gläubigern kommt man so auf insgesamt 20 Mrd. Das ist bereits das Zwölffache der Feeney-Summe, nur für dieses Jahr.

Überdies ist es höchst zweifelhaft, ob der Brite die Summe tatsächlich an den griechischen Staat oder den IWF überweisen könnte. Denn erstens ist der Wille der Spender zweifelhaft: Das Prinzip von Crowdfunding ist, dass man nicht tatsächlich Geld überweist, sondern einen Betrag nur zusagt. Dieser wird erst abgebucht, sobald die Zielsumme – in diesem Fall 1,6 Mrd. Euro – erreicht ist. Derzeit fehlen dafür aber noch 1,5991 Mrd. bzw. 94,5 Prozent, bis das Ziel erreicht ist. Das in sechs Tagen zu schaffen, ist nahezu unmöglich. Bei dieser Aussicht fällt es natürlich sicher dem ein oder anderen leicht, mal eben 1000 Euro für Griechenland zu versprechen – ohne fürchten zu müssen, dass sie tatsächlich zu zahlen sind.

Und zweitens hat Feeney den Spendern jede Menge Gegenleistungen versprochen. Für 5000 Euro bietet er den Gönnern einen Urlaub für zwei Personen an, für 10 Euro verspricht er bereits eine Flasche Ouzo, selbst für nur 3 Euro gibt es bereits eine Postkarte, plus Versand. Dabei kostet zum Beispiel eine normale Flasche Ouzo 12 bereits mindestens 10 Euro. Sollte Feeney sein Ziel wirklich erreichen, fließt der Großteil des Geldes damit in Wahrheit wieder an die Gelbgeber zurück, netto bleibt dann kaum mehr etwas für die Griechen übrig.

Also fast so wie beim großen Griechen-Bailout auch.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Michel Kangro am 3. Juli 2015

Bei aller berechtigten Kritik eine Anmerkung:
Die durch die Beteiligung erworbenen "Perks" werden laut Autor der Aktion in Griechenland hergestellt und erworben, fließen also immerhin direkt nach Griechenland und in die dortige Wirtschaft.

Falk Heunemann am 3. Juli 2015

@Michel: Das stimmt, bedeutet eben aber auch, dass das Geld nicht in den Schuldendienst an den IWF fließt und damit Griechenland doch nicht gerettet wird.

Joachim am 3. Juli 2015

Dass der Schuldendienst beim IWF mit dem Geld aus einem Londoner Schuhkarton getilgt werden soll, hat nicht der Verkäufer behauptet, sondern Du hast es vermutet. Er legt nur ein privates Wirtschaftsförderungsprogramm auf. Und für eine Flache Ouzo gibt es ganz währungsneutral wie in anderen schlechten Zeiten nur einen Gutschein und sogar für den man man noch die Kosten fürs Shipping spenden.

Übrigens geht Prozentrechnung auch irgendwie anders als bei Dir... Inzwischen hat der Marketing-Experte neben einem grandiosen Erfolg in eigener Sache auch schon 1,6 Mio in versprochenen Euros zusammen. Das ist aber leider nicht mehr als 1 Promille oder ein Tausendstel oder 0,1 Prozent des angepeilten Schuhverkäufer-Nothilfe-Fonds.

Aber dem armen Mann nun vorzurechnen, wie viel noch fehlt, was der IWF noch alles haben will und was er alles falsch macht, das wird er sicher als weiteren Erfolg seiner Aktion verbuchen. Irgendwie zurecht, denn wie heute Öffentlichkeit funktioniert, hat er kapiert. Ich würde da mal ganz locker bleiben...

Andrê am 3. Juli 2015

Besser ein Haar in der Suppe als umgekehrt, ne? Zunächst mal steht da was von einer *kleinen* Flasche Ouzo. Vom 12er steht da auch nix. Der gehört zu den teureren Ouzos, aber nicht zu den besten. Jedenfalls bekommt man eine kleine Flasche Ouzo (40ml) aus dem mittleren Preissegment etwa für 1€, Eine Woche Kreta AI im August: unter 500€. Sich unnötig mit Fakten oder einfach Lesen belasten: unbezahlbar...
Dem jungen Mann, der das Crowdfunding initiiert hat, geht es ganz offensichtlich um die Geste, aber sicher nicht ums Verkaufen. Das es bei der genannten Summe nur um die besagte Rate für den IWF geht, dürfte jedem klar sein, der in den letzten Tagen eine Zeitung aufschlug. Hier von *Lügen* zu reden... kleiner hattest Du es wohl nicht?

Daarin am 4. Juli 2015

LOL. Und die Kommentatoren stürzen sich, natürlich, auf das Detail das vielleicht nicht ganz ausrecherchiert ist. Dass hier ein Marketingmann versucht Werbung zu machen, wie es zumindest mal den Anschein macht, ist dann ja auch nebensächlich, wenn der Ouzo nur billig genug ist.

Andrê am 4. Juli 2015

*Vielleicht nicht ganz ausrecherchiert* ist dann wohl das neue *bewusst stark übertrieben*. Immerhin hast Du wenigstens den Anschein realisiert. Das hat Dich dennoch nicht davon abhalten können, mit genau dem *vielleicht nicht ganz ausrecherchiertem* Detail zu *argumentieren* . Dass ein Crowdfunding Aufmerksamkeit erzeugt, liegt in der Natur der Sache. Wo oder wofür er versucht, Werbung zu machen (außer, sagen wir mal für Griechenland und vielleicht für einen stãrkeren europäischen Gemeinschaftssinn), erschließt sich mir nicht. Egal, solange nur draufgehauen werden kann?
Wir werden sowieso einen Teil der von den *Institutionen* und Berlin gewährten Milliarden bezahlen müssen, da ist mir so ein Projekt allemal lieber als beispielsweise Steuererhöhungen oder ãhnlichen Abgaben.

Falk Heunemann am 4. Juli 2015

In dem Kommentar steht deutlich:Es geht nicht so sehr um den Initiator, sondern um die Berichterstattung darüber. sie ist blauäugig und falsch, aus den genannten Gründen. Ich erwarte von der Berichterstattung, die Plausibilität der Behauptung Bailout Greece zu prüfen und die Quelle zu hinterfragen. Das ist nicht geschehen. Hier wurden wichtige Himtergruende schlicht weggelassen, womöglich, um die schöne Story sich nicht kaputt machen zu lassen - insofern ist die Wortwahl weiterhin berechtigt.
Im Übrigen habe ich weder behauptet, dass er Ouzo 12 verkauft noch dass er sämtliches Geld dafür verwendet. Sondern das Beispiel illustriert die Relationen zwischen Spende und Perk, bzw dem möglichen, also deutlich niedrigeren Nettoertrag.

Joachim am 4. Juli 2015

Was ist denn die Behauptung von Bailout Greece? Ich glaube, Du hast da einen ziemlich klapprigen Papiertiger aufgebaut, den Du mit großem Ernst und bestenfalls pappigen Argumenten versuchst niederzukämpfen. Aber nicht einmal das gelingt. Der gute Thom will kein Geld an den IWF überweisen, ihm sind auch die Politiker hier und dort mit ihren Plänen und Fantasien wurscht, er will den Griechen irgendwie helfen. Punkt, fertig, aus. Das ist eine lustige Idee, die vielleicht manchen sogar dazu bringt, über das Verhältnis von Individuum und System in unseren Zeiten nachzudenken. Dich scheint das irgendwie zu nerven.
Du willst auch keineswegs nur die Berichterstattung kritisieren, sondern forscht im Leben des Initiators, findest super-investigativ nur das, was Thom selbst in den sozialen Netzwerken über sich verrät und stellst eigentlich nur fest: Die Medien haben recht, er ist derzeit ein Schuhverkäufer, war aber vorher was anderes, was die unter Missachtung jeder journalistischen Sorgfaltspflicht einfach nicht geschrieben haben. Wow! Und?
Tja, dann kommt die für Dich "schwerwiegende" Frage, ob er überhaupt Griechenland retten kann. Na, lass mich einfach mal raten, ohne weiter nachzudenken: Ich glaube, er kann's nicht, die haben zu viele Schulden. Richtig? Nein, so einfach geht das bei Dir nicht. Dann muss ihm erst einmal der Plan unterstellt werden, er wolle die Schulden an den IWF überweisen. Dann machst Du ihm (nicht den Medien und welchen eigentlich??) klar: Hey, Alter, Du hast keine Ahnung, die haben viel mehr Schulden, Du brauchst eine viel größe Sparbüchse! Wieder wow, ein richtig gut recherchiertes Argument. Da fällt Dir noch ein weiteres ein: Er kann's ja gar nicht schaffen, weil's zu viel Geld ist, und dann fällt Dir schließlich irgendwie auf, dass es bei seinem Plan ja irgendwie gar nicht um Geld geht, sondern um Schnaps und so. Aber da sitzt Du schon so siegesgewiss über dem Pappkameraden, dass Dir gar nicht mehr auffällt, wie platt Du Dich schon gemacht hast. Der Satz "ich erwarte von der Berichterstattung, die Plausibilität der Behauptung Bailout Greece zu prüfen und die Quelle zu hinterfragen", mit dem Du hier noch etwas retten willst, wirkt auch eher wie das letzte Zucken.
Eine Frage habe ich noch: Kann ich mich drauf verlassen, dass ich nix zahlen muss, wenn ich meine Griechengutmenschenseele jetzt mit 1000 Euro für Thom streichle? Würdest Du das im Zweifel übernehmen?

Falk Heunemann am 5. Juli 2015

Hallo,für einen Papiertiger halte ich das ganz und gar nicht, wenn Medien eine Geschichte berichten, weil sie schön ist, obwohl sie so nicht stimmt. Bitte lies ertens nochmal die entsprechenden Berichte, die den Kontext sowohl der Schuldenlage als auch die des Initiators ausblenden. Zweitens behauptet Thom Feeney selbst, es sei ein "Creek Bailout Fund" - und 3 Euro pro Europäer sei alles was die Griechen bräuchten. Und drittens weiß ich nicht, ob er Schuhverkäufer ist oder nicht vielmehr jemand, der seine Marketing Fähigkeiten zur Schau stellen will, weil er seinen alten Job verloren hat. Dass ich das Nachweise über zugängliche Medien belegt, wie leicht das herauszufinden gewesen wäre. Wie hättest du reagiert, wenn die Medien ebenso lax Behauptungen von CDU- oder NPD-Politikern übernommen hätten - die womöglich noch behaupten, keine zu sein?

Falk Heunemann am 5. Juli 2015

Ach, und was die 1000 Euro betrifft - die brauche ich dir nicht zu garantieren, das macht schon Indiegogo. Das von mir beschriebene Vorgehen steht nämlich in ihren AGB. Und ist im Übrigen das Funktionsprinzip jeder Crowd Funding Plattform.

G. Hammermüller am 5. Juli 2015

Es bleibt die Freiheit, Artikel gut zu bewerten oder nicht. Da gab es Ihrerseits einen Artikel im Dezember 2014 "250 Leben nach Lachsrosa" Wirklich erste Klasse!!!

Bei allem Respekt, diesmal für meine Begriffe sehr einseitig am Ziel vorbei. Denn wenn ich versuche immer nur dunkle Seiten von Menschen heraus finden zu wollen, welche vielleicht wirklich auf die eine Art und Weise versuchen zu helfen, sollte man für mein Empfinden neutraler an die Sache heran gehen. Tut mir Leid, aber lieber ehrlich geschrieben.