Ach, diese lästigen Leser

Von Falk Heunemann am 9. Juli 2015

Führende Journalisten fordern, ihre Branche müsse mehr auf Kritik eingehen. Und zeigen zugleich, dass sie das nur ganz allgemein meinen. Ein paar Vorschläge, wie es konkret geht.

Sieht man es vom Ende her, müsste alles gut sein: Man müsste mehr Selbstkritik üben und zu seinen Fehlern stehen, verkündete die versammelte Journalistenprominenz dieser Tage in Hamburg. Eine neue Kultur der Korrektur und des Selbstzweifels forderte etwa der Ex-„Spiegel“-Chef Georg Mascolo ein und der Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender findet: „Es ist doch besser, langsam ein paar Fehler zuzugeben.“

Das würde natürlich jeder der mehreren hundert Teilnehmer unterschreiben, die zur Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche am vergangenen Wochenende nach Hamburg gekommen waren, um über die Glaubwürdigkeit der Medien zu diskutieren und sich über Recherchepraktiken auszutauschen.

Das Problem am schönen Allgemeinplatz von der Fehlerkultur ist nur: die gelebte Praxis.

Bis heute haben es viele Medien nicht gelernt, mit den Reaktionen ihrer Leser und Zuschauer umzugehen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Bei der „Thüringer Allgemeinen“ in der Thüringen-Redaktion haben wir regelmäßig die Leserpost gesichtet und ausgesucht, welche wir veröffentlichen. Das Problem dabei: Die Lokalausgaben wurden mit Reaktionen überschüttet, die Mantelredaktion nicht unbedingt. Also setzten wir uns auch schon mal hin und schrieben uns selbst, damit der Platz gefüllt war. Ein bisschen kritisch, ein bisschen generalisierend, aber ansonsten gutheißend – das waren wir uns schon wert.

Später, bei der „Financial Times Deutschland“ war ich im Kommentarteam, zu dessen Zuständigkeit ebenfalls die Leserbriefspalte gehörte. Hier war weniger das Problem der Eingangsmenge, sondern der Qualität, die wir unseren Lesern zumuten wollten. Manche Mails waren uns zu platt, was wir unserer vermeintlich gebildeten Kundschaft nicht immer zumuten wollten. Andere waren seitenlang, was wir entsprechend eindampften, was vielen Lesern dann aber nicht recht war, weil es ihre Argumente verkürzte. Wenn wir uns es nicht sogar komplett ersparten. Und die dritten waren zwar in der richtigen Länge, mit aktuellem Bezug und mitunter sogar pointiert. Oft kamen diese jedoch von professionellen Leserbriefschreibern, die gern ihren Namen in der Zeitung lesen – wenn möglich, dann täglich und in so vielen Medien wie möglich. Die kamen alle auf einen Index. Es sei denn, sie lobpreisten uns.

Ob das bei anderen Zeitungen völlig anders läuft?

Nun gab es gab auch sehr viele Leser, die nicht an die zentrale Sammeladresse schrieben, sondern direkt an die Redakteure. Jeder konnte damit aber umgehen wie er wollte. Es wurde selten darüber gesprochen und noch weniger ausgewertet. Und Ignorieren war manchmal schlicht einfacher, angesichts des Zeitdrucks. Es dankte einem ja keiner, wenn man auf einen Brief mal ausführlich einging. Zumindest keiner in der Redaktion.

So dürfte es in vielen Medien zugehen. Man ist im Allgemeinen der Kritik nicht grundsätzlich abgeneigt, hat aber auch kein Verfahren entwickelt, wie man effizient und kollektiv damit am besten umgeht. So wird sie schlicht zur Last. Ein Beleg für diese These war am Wochenende beim Netzwerk Recherche zu erleben, nur wenige Stunden vor den schönen Abschlussworten von Mascolo und Brender. Die Veranstalter hatten unter anderem Maren Müller eingeladen, die den Verein „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien“ gegründet hat – das ist die mit der „Lanz raus aus dem ZDF“-Petition. Müller und ihr Verein senden mindestens im Wochentakt eine Programmbeschwerde an die ARD oder das ZDF. Und die fühlen sich davon, das machten sie in Hamburg erneut klar, ziemlich belästigt.

In der Diskussionsrunde waren zwei typische Haltungen gegenüber den Lesern und Zuschauern zu erleben. Die erste repräsentierte – stellvertretend – der ZDF-Vize-Chefredakteur Elmar Thevesen: Der Verein, so sein Argument, werfe den Medien mangelnde Objektivität vor, dabei sei er doch selber nicht objektiv. Er fordere zudem Transparenz ein und sei es selbst nicht (Müller verriet etwa nicht, wie viele Mitglieder überhaupt der Verein hat). Sie fordere Ausgewogenheit in der Berichterstattung und habe selbst eine politische Sicht (sie war mal für die Linkspartei aktiv).

Dürfen Leser, Zuschauer und Nutzer wirklich nur dann Kritik üben, wenn sie journalistische Standards beachten? Wenn sie unparteilich sind? Wenn sie genehm sind und höflich und keinem politischem Extrem zuneigen? Eine ziemlich unsinnige Haltung. Leser dürfen ruhig parteilich sein, intransparent und gern auch mal pöbeln. Und glaubwürdig müssen sie auch nicht sein. Sie sind ja keine Journalisten und haben keinen öffentlichen Auftrag. Das gibt Medien daher nicht das Recht, ihre Kritik nicht zu respektieren und ernsthaft zu behandeln.

Eine zweite beliebte Haltung offenbarte Uwe Grund, der Vorsitzende der ARD-Gremienvorsitzenden-Konferenz – der Bundesrat der ARD, sozusagen. Die Programmbeschwerde sei doch ein ziemlich aufwändiges Verfahren, entgegnete er Müller. Auf diese Masse an Beschwerden, wie sie von dem Verein ausgingen, seien die Gremien gar nicht eingestellt, sie zu bearbeiten viel zu aufwändig. Also, so Grund und einige andere Anwesende, solle Müller doch bitte davon absehen, sie einzureichen und die Sender damit zu belasten.

Eine merkwürdige Sichtweise: Die Sender haben also ein veraltetes und ineffektives Verfahren, um auf Beschwerden zu reagieren. Aber anstatt dieses umfänglich zu überdenken, fordern sie lieber die Kritiker auf, sich dem Verfahren anzupassen. Was etwa hält die Öffentlich-Rechtlichen ab, ihre Programmbeschwerden neu zu definieren? Sie künftig von einem Dauerausschuss bearbeiten zu lassen, ähnlich dem Petitionsausschuss in Parlamenten? Warum haben Medien in Deutschland noch keine Obmänner eingeführt, an die sich unzufriedene Kritiker wenden können (in der Schweiz und in den USA sind sie längst erfolgreich eingeführt worden)? Diese könnten dann auch per Livestream tagen, so den Umgang mit Kritik öffentlich machen. Beim ZDF muss man dafür bislang nach Mainz reisen, um sich das anzutun – welcher Zuschauer will das schon? Oder man verlagert alles in Netz. Dann aber braucht man eine ebenso große wie gut ausgebildete Zuschauerredaktion, die dann die Kritik moderiert und Reaktionen von den angesprochenen Redakteuren einpflegt, so wie es schon bei Zeit Online geschieht.

Wahrscheinlich, weil es anstrengend ist. Weil man sich umstellen muss. Weil es zusätzliche Zeit und zusätzliches Personal kostet, das Verlage und Medienhäuser lieber einsparen. Und weil es leichter ist, nach all den schlechten Umfragen zur Medienglaubwürdigkeit und dem Krakeele von „Lügenpresse“ sich nur grundsätzlich zerknirscht zu geben und ganz allgemein eine „Fehlerkultur“ zu beschwören, anstatt sich mit den Details der Umsetzung herumschlagen zu müssen. Erst recht, wenn man nicht mehr Chefredakteur ist.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Klaus D. Mueller am 10. Juli 2015

"Also setzten wir uns auch schon mal hin und schrieben uns selbst, damit der Platz gefüllt war."
.
Das ist ja das Dilemma: auch sonst muss ja nur der Platz zwischen den Anzeigen irgendwie(!) gefüllt werden, täglich wieder neu. Und am nächsten Tag ist das von gestern ein alter Hut. (Was wurde eigentlich aus dem Skandal um Mollath, um... um... um...?)
Manche Leser sind auf manchen Gebieten besser informiert als der jeweilige (oft desinteressierte) keine-Zeit-habende leere-Seiten-Vollschreiber. Wie oft hab' ich mich in den letzten 50 Jahren in denen ich "Qualitäts"zeitungen konsumierte, geärgert über die Ahnungslosigkeit (oft gepaart mit Überheblichkeit: Ich bin Journnalist, lassen Sie mich durch!) bei Themen, in denen ich mich gut auskenne.
Dazu dann noch die offensichtlichen ideologischen Artikel (pro USA/NATO, egal welche Schweinereien die veranstalten; contra die pösen Ruussen wie unter Adolf und Adenauer. "Wir sind immer die Guten", aber latürnich!).
Nee, ich kauf' oder les keine dieser Zeitungen mehr. Im Netz finde ich besseres (nein, nicht bei Twitter & Facebook, das ist KIndergarten & Genderkriegsplatz). Die Sachen, die z.B. Fefe aufs Tapet bringt, wieso muss ich die bei ihm (oder von ihm verlinkt) lesen, und wieso muss ich bei RT reinschaune, wenn ich einen Zipfel der Realität erhaschen will, die deutsche Medien en gros unter den Tisch kehren ?
Als die deutsche Presse die Musikindustrie höhnisch verlachte, weil sie "das Internet verschlafen" hat, hab ich mich geärgert, weil die Schreiber ganz offensichtlich keinerlei Ahnung von dieser Branche hatten: man velwechserte immer die Begriffe, und zwar in jedem(!) Artikel (Willi Winkler war wohl die eine Ausnahme). Übrigens, heute schreibt wieder einer vom anderen ab, dass angeblich VINYL-Schallplatten wieder im kommen sei: diese Ahnungslosen sollten sich mal die Zahlen anschauen: 98 bis 99% = CDs, nix Vinyl. Und wenn man downloads - legal wie illegal - dazu zählt, macht Vinyl etwa 0,01 bis 0,1 % aus. Leider.
Was ich sagen will: Mein Mitleid mit der sterbenden Presse hält sich in Grenzen, ich weine nicht um diese Ahnungslosen. Nur um eine Handvoll Journalisten wäre es schade, Leute wie Constantin Seibt... aber ich glauben, die werden weiterhin ihr Auskommen haben und müssen nicht auch noch in die (ebenfalls verlogene) Reklameindustrie abwandern.

maSu am 10. Juli 2015

Viele Zeitungen begreifen einfach nicht, dass es im Internet tausende Blogs gibt, die aufzeigen, wo Zeitungen Lügen und Märchen erzählen. D.h. die Leser nehmen Manipulationsversuche und Meinungsmache immer deutlicher wahr - das betrifft aber auch eher jene Zeitungen, die sich nicht gerade an eine "Unterschicht" richten. Kritische Leser bei der BILD sind seltener als bei FAZ oder SZ.

Hier sollten sich Journalisten für gute Artikel durchaus mehr Zeit nehmen. Ich abonniere keine Zeitung. Ich kann den gleichen Schund 24/7 im Internet lesen. Ich würde aber eine Zeitung (online oder offline) kaufen, wenn ich dafür gute Qualität bekäme.
Artikel müssen dafür sachlich und frei von Wertungen sein. Kommentare müssen argumentativ überzeugen. Berichterstattung und Kommentare müssen klar voneinander zu trennen sein. Ich lese sehr oft Berichte, die eigentlich keine sine, weil die Journalisten dauernd und massiv wertende Adjektive einfließen lassen. Alleine Berichte über die AfD kommen und kamen so gut wie nie ohne die zahlreiche Verwendung von "rechtspopulistisch" aus. Wenn das ein Bericht ist, dann sollte der Leser sich aufgrund von Fakten(!) eine Meinung bilden können. Wenn der Journalist aber seine Meinung einfließen lässt oder wichtige sogar Fakten weglässt, dann ist dies schlicht und ergreifend ungenügend - selbst in der Schule würde man damit durchfallen, wenn die Aufgabenstellung besagt, dass man einen Bericht schreiben solle.

Viele Redaktionen erhalten dann wütende Mails und ... sind so betriebsblind, dass sie gar nicht verstehen, was Anlass für die Kritik ist. Ja, wüste Beschimpfungen sind nicht schön, aber haben idR einen Grund. E-Mails deswegen nicht zu hinterfragen macht die Situation nicht besser.

Martin am 10. Juli 2015

"Die erste repräsentierte – stellvertretend – der ZDF-Vize-Chefredakteur Elmar Thevesen: Der Verein, so sein Argument, werfe den Medien mangelnde Objektivität vor, dabei sei er doch selber nicht objektiv. .....
Dürfen Leser, Zuschauer und Nutzer wirklich nur dann Kritik üben, wenn sie journalistische Standards beachten? Wenn sie unparteilich sind? Wenn sie genehm sind und höflich und keinem politischem Extrem zuneigen? "

Wenn sich in irgendetwas die komplette Fehlkonstruktion der ÖR zeigt, dann in diesem überheblichen Statement. Dem Mann ist völlig unklar, das er ein DIENSTLEISTER ist.
Dessen Kunden Zwangskunden sind. Er ist diesen Kunden gegenüber auskunfts- und rechenschaftspflichtig und nicht umgekehrt.

KaRa am 10. Juli 2015

"....Sie fordere Ausgewogenheit in der Berichterstattung und habe selbst eine politische Sicht (sie war mal für die Linkspartei aktiv). ...."

Wie passt es zusammen das angeblich rund 2/3 aller Medienschaffende sich selbst dem linken Spektrum zurechen und alles was nicht ihrer Sichtweise als "rechts" diffinieren?

KaRa am 10. Juli 2015

Korrektur:
"....und alles was nicht ihrer Sichtweise ENTSPICHT, als “rechts” diffinieren?...."

-thh am 11. Juli 2015

"Leser dürfen ruhig parteilich sein, intransparent und gern auch mal pöbeln. Und glaubwürdig müssen sie auch nicht sein. Sie sind ja keine Journalisten und haben keinen öffentlichen Auftrag. Das gibt Medien daher nicht das Recht, ihre Kritik nicht zu respektieren und ernsthaft zu behandeln."

Warum sollte überhaupt irgendjemand - Medien eingeschlossen - parteiliche, intransparente, unglaubwürdige und pöbelnde Zuschriften "respektieren" und "ernsthaft behandeln"? Welchem Zweck dient es, Unsinn ernsthaft zu behandeln, obwohl es eben keine ernsthafte Äußerung, sondern Unsinn ist? Warum sollte Pöbelei respektvoll behandelt werden?

(Und erstreckt sich diese Forderung auch auf "Kritik" von den Reichsdeutschen, Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremisten unter den Lesern, einschließlich Pöbelei und Hetze?)

qed am 11. Juli 2015

Erstaunlich, was sich hier so tummelt:

"Warum sollte überhaupt irgendjemand – Medien eingeschlossen – parteiliche, intransparente, unglaubwürdige und pöbelnde Zuschriften “respektieren” und “ernsthaft behandeln”? Welchem Zweck dient es, Unsinn ernsthaft zu behandeln, obwohl es eben keine ernsthafte Äußerung, sondern Unsinn ist? Warum sollte Pöbelei respektvoll behandelt werden?

Gottlob haben wir ja solche wie den roten Demokratten -thh als Zensor, der weiß, was unglaubwürdig, pöbelnd, Unsinn und nicht ernsthaft ist. Und wer reichsdeutsch, Verschwörungstheoretiker oder Rechtsextremist und warum das gaaaanz schlimm ist.
Lese-Empfehlung: George Orwell, "1984", "Animal Farm".
Aldous Huxley, "Schöne neue Welt".

Ich lasse es mir nochmals auf der Zunge zergehen:
“(OC) ist der virtuelle Debattierclub, die Internetseite für Meinung und Analyse. Sie richtet sich an Leser, die pointierte Kommentare und gründliche Analysen wünschen”.

Holperbald am 12. Juli 2015

Weil Reichsdeutsche, Verschwörungstheoretiker oder Rechtsextremisten sich selbst disqualifizieren.

So nehmen sie (man kanns ihnen nicht verdenken) die Märtyrerrolle ein.

Glauben Sie, die meisten Leser können das. Beispiel ADAC-Heft: Seit vielen Jahren inseriert da der Kopp-Verlag. Damit erreicht er monatlich Millionen Autofahrer. Trotzdem bleiben die Reichsbürger beständig auf ein paar Hundert oder Tausend Hanseln.

Die NPD bleibt auf unter 2% bei der Wahl.

Die überzeugendere Meinung dominiert eben, nicht derjenige, der am lautesten schreit.

Willkommen in der Demokratie.