Ausgerechnet ein Youtube-Mensch soll Merkel an die Wand nageln

Von Thomas Schmoll am 15. Juli 2015

Stimmt, das Interview von LeFloid mit Angela Merkel kann man kritisieren. Aber in der Art, wie es die ARD tut, ist es nur lächerlich und peinlich.  Und es zeigt, auf welch hohem Ross öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten reiten.

Den Rezensenten hat es Florian Mundt alias LeFloid einfach gemacht. Unter journalistischen Gesichtspunkten war es kein Meilenstein, was der junge Mann, auch „Youtube-Star“ genannt, abgeliefert hat: Permanent die eigene Meinung zu offenbaren und sich mit der Interviewten Angela Merkel im Geiste zu verbünden – geht nicht. „Die Zukunft des politischen Journalismus kann das nicht sein“, stellte der Deutschlandfunk apodiktisch fest. Was heißen sollte: Wir ausgebufften, wachsamen, megakritischen, klugen und bestens informierten Journalisten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind ganz anders – und viel besser.

Besonders krass fiel die Kritik von Richard Gutjahr aus, Mitarbeiter des Bayerischen Fernsehens. Gutjahr nimmt für die ARD das LeFloid-Interview mit der Kanzlerin im Stil des Schwarzen Kanals von Karl-Eduard von Schnitzler auseinander. In einer mehr als dreiminütigen Kommentaranalyse prophezeit er dem Buben Häme in den sozialen sowie etablierten Medien und zieht den Hut vor ihm, weil Mundt seine 2,6 Millionen Fans bei Youtube „aus dem Nichts persönlich erarbeitet“ habe. So weit, so normal.

Mundt habe „nie behauptet, Journalist zu sein, geschweige denn, einer sein zu wollen. Das ehrt ihn“, sagt Gutjahr, um dann gleich den Stab über LeFloid zu brechen. Der BR-Mann beginnt nämlich, den Youtube-Mann als Journalisten zu beurteilen. Also: „Das ehrt ihn. Doch genau hier liegt das Problem.“ Welches Problem?  „Seine halbe Stunde mit Merkel verschenkt – ein Heimspiel für Merkel.“ Hilfe! Wie kann man nur 30 Minuten mit der Kanzlerin verschenken? Dabei weiß jeder Journalist in diesem Land, dass die Gefahr enorm hoch ist, Merkel selbst in einem 7-Tage-Nonstop-Interview nichts wirklich Zwingendes oder gar Brisantes zu entlocken.

Mundt habe sich als „braver Stichwortgeber“ hervorgetan, „der sich von der Bundeskanzlerin schnell einlullen lässt“, urteilt der BR-Moderator und blendet Ausschnitte aus dem Interview ein, in denen der Youtube-Spross „absolut“, „genau“ und  „da sind wir uns tatsächlich sehr sehr einig“ sagt. Aha, weiß der Zuhörer, hier paktiert der Normalo mit der Macht. Und Herr Gutjahr deckt es schonungslos auf.

Na klar, war das PR – aber

Merkel habe sofort die Schwächen ihres Gegenübers erkannt, „hat das Gespräch von der ersten Minute an im Griff“, konstatiert Gutjahr und führt LeFloid weiter vor: „Dabei gab es Momente, in denen die Abwehr der Kanzlerin durchaus Lücken zeigte“. Genau, hier hätte ein Typ wie Uli Deppendorf die Kanzlerin in der Luft zerrissen. „Spätestens beim Thema TTIP zieht LeFloid dann völlig blank“, geißelt Gutjahr seinen Nicht-Kollegen und blendet wiederum ein, wie sich Mundt aus Sicht Gutjahrs blamiert, weil er eine Wissenslücke eingesteht.

„Ein anderer Youtube-Star wie zum Beispiel Tilo Jung“, der übrigens wie Gutjahr für die Krautreporter schreibt, hätte an der Stelle viel, viel, viel besser reagiert. „Wir werden es nie erfahren. Und genau das ist das Problem“, sagt der Echt-Journalist mit Inbrunst. „Die geschickte Instrumentalisierung eines Youtube-Stars, von dem das Kanzleramt nichts zu befürchten hatte.“ Harter Tobak. Ohne das verteidigen oder gutheißen zu wollen: Es liegt auf der Hand, dass Merkels PR-Leute einem bequemeren Interviewer lieber Einlass gewähren als einer klug fragenden Nervensäge wie Tilo Jung. So funktioniert Politik im 21. Jahrhundert. Und dazu zählt eben auch Reichweite. Den Kanal von LeFloid haben 2,6 Millionen Leute abonniert, den von Jung etwas mehr als 32.000. Gutjahr lobt: „Was Merkel und ihre PR-Berater betrifft: alles richtig gemacht“.

„In einem erstaunlich offenen Moment bringt es Merkel sogar selbst zur Sprache“, frohlockt Gutjahr in Anja-Reschke-Manier und zeigt wiederum einen Ausschnitt, in dem die mächtigste Frau Europas sagt: „Das Internet ermöglicht es sozusagen, dass ich mir meinen eigenen Sender bauen kann und nur noch Fragesteller habe, die das fragen, was ich gerne hätte“. Zu stellen ist die Frage: Was hat Merkel gemeint? Dass sie das im Orwellschen Sinne anstrebt, damit ihr keine kritischen Fragen gestellt werden? Oder dass sie dank des Internets eine gewisse Gefahr für einseitige Meinungsbildung sieht? Dazwischen liegen Welten. Aber die eigentliche Frage muss lauten: Hat es die ARD nötig, einen Jungspund derartig vorzuführen? Offenbar: Ja.

Der Journalismus und die Demokratie sind nicht in Gefahr, weil jemand nicht ganz so eloquent wie ein Herr Gutjahr Sätze formuliert. Dabei hatte es sogar etwas für sich, dass LeFloid eben auch Dinge wie  „Hass im Netz“ ansprach und ob darin „ein schleichender, eine neue Art von Nationalismus“ in Deutschland  zu sehen sei. Immerhin bekannte Merkel hier: „Ich habe schon Angst, dass… Angst ist falsch, Sorge.“ Generell scheine es so, dass das Internet dazu verleite, „mal so richtig auszulassen, was in mir sozusagen an negativen Gefühlen ist“. Das ist wenigstens eine Aussage.

Die Kanzlerin darf auch ruhig mal gefragt werden, ob ein Termin „beispielsweise mit Herrn Seehofer“ den Tag „schon völlig anders“ verlaufen lasse, es gebe doch wohl „mit Sicherheit angenehmere Treffen“. Oder ob sie einen russischen Whistleblower anders beurteilt hätte als den Amerikaner Edward Snowden. „Nö, von unser Sicht aus: Nein.“ Hoffentlich erfahren die Amerikaner nichts von diesem Satz. Natürlich kann man solche Fragen als banalen Stuss abtun, der mit Politik nichts zu tun hat. Doch sei hier an den sinnentleerten und inhaltlosen Bundestagswahlkampf des Jahres 2013 erinnert, in dem der Stinkefinger des SPD-Kanzlerkandidaten mehr Schlagzeilen machte als irgendeine Forderung einer Partei.

Gutjahr ist ein starker Journalist, ein Querdenker, auch und gerade im BR, der seine Meinung öffentlich kundtut. Vermutlich ging es ihm darum, Mundts Auftritt als vertane Chance zu beklagen. Doch die ARD muss sich dann daran messen lassen. Wenn man ein x-beliebiges ARD-Sommerinterview der Kanzlerin derartig seziert, kann einem rasch der Gedanke an „eine verschenkte halbe Stunde“ kommen. Muss nicht, aber kann.

Ein Sommerinterview funktioniert auch nicht anders

Auch dort setzt die Kanzlerin auf absolut austauschbare Floskeln wie: „Man muss miteinander sprechen, wenn man Lösungen finden soll.“ Oder: „Wir haben bisher keine konkreten Pläne dazu.“ Nehmen wir das Sommerinterview 2014. Rainald Becker, Stellvertretender Chefredakteur im ARD-Hauptstadtbüro, und seine Kollegin Sabine Rau hakten durchaus nach. Aber Merkel wich wie immer aus, so dass man sich Tilo Jung herbeiwünschen müsste, was Gutjahr aber nie und nimmer an der Stelle fordern würde.

Ein paar Beispiele von vielen. Becker: „Wissen Sie eigentlich genau, was Putin will? Rechnen Sie noch mit einer Invasion?“ Merkel: „Es geht jetzt ja nicht darum, dass ich Zukunftsprognosen anstelle.“ Rau erkundigt sich nach Waffenlieferungen für Saudi-Arabien. Merkel sagt, es werde nach innen- und außenpolitischen Abwägungen entschieden. „Und die treffen wir, wenn wir die konkreten Entscheidungen treffen.“
Becker: „Am Ende stimmt dann doch Ihr Satz: Mit mir wird es eine PKW-Maut in Deutschland nicht geben?“ Merkel: „Wir sind jetzt am Anfang der Beratungen.“ Becker: „Aber der Minister hat sich festgelegt auf Anfang 2016.“ Merkel: „Ja, okay, ist ja auch noch ein bisschen Zeit bis dahin.“ Rau: „Wir werden das im Auge behalten.“

Es ist also schwierig, den Pudding namens Merkel an die Wand zu nageln. Und ausgerechnet LeFloid sollte das tun? Wenn die ARD glaubt, ihre Unverzichtbarkeit mit solcher Kritik begründen zu können, wird sie weiter an Zustimmung verlieren.

Thomas Schmoll, Autor iund Journalist in Berlin, hält den öffentlich-rechtlichen Rundfunkf für einen wichtigen Bestandteil der Demokratie, sieht aber an vielen Stellen Korrekturbedarf, wozu auch die Selbstherrlichkeit einiger Kollegen zählt.

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Zaunkoenigin am 15. Juli 2015

.. ich gehe noch einen Schritt weiter in dem ich sage ...

es würde der ARD gut zu Gesicht stehen, wenn "sie" die Interviewqualität der eigenen (teilweise alt gedienten) Journalisten hinterfragen würde. Neutralität suche ich dort schon lange.