Ein Nachruf, ein Sorgenbrief und ein Glückwunsch

Von Falk Heunemann am 16. Juli 2015

Vor einem Jahr gingen gleich drei Projekte an den Start, die den Journalismus revolutionieren wollten. Die Bilanz der drei könnte unterschiedlicher nicht sein – was lässt sich daraus lernen?

Vor wenigen Tagen erreichten mich, beinahe zeitgleich, drei Nachrichten von drei Journalismusprojekten, denen ich im Herzen durchaus, allerdings auch sehr unterschiedlich, zugetan bin. Die erste kam vom stiftungsfinanzierten Recherche-Büro Correctiv, die zweite von den Krautreportern und die dritte von Substanz, dem ersten rein digitalen Wissenschaftsmagazin.

Die Meldung von Substanz war die bitterste: Das ehrgeizige Magazin werde ab diesen Montag „bis auf weiteres Pause“ machen, mussten die Gründer Denis Dilba und Georg Dahm (zwei Ex-Kollegen von mir aus FTD-Zeiten) verkünden. „Wir bekommen derzeit nicht die Abo-Wachstumskurve hin, die wir brauchen, um auf Dauer unsere Produktionskosten zu decken.“ Das Startkapital, dass die Gründer selbst und zudem Crowdfunding aufgebracht hatten, ist offenbar aufgezehrt.

Dabei hatten sie doch scheinbar alles richtig gemacht. Sie besaßen ein klares Konzept: Substanz werde anspruchsvollsten, aber höchst verständlichen Wissenschaftsjournalismus liefern – und zwar nicht auf Papier, sondern auf iPad, auf Android-Tablets, Laptop und Smartphones. Diesen Anspruch lösten sie auch ein. Im November vergangenen Jahres gingen sie an den Start, mit klugen, tief recherchierten Geschichten etwa zum US-Haushaltsstreit und dessen Auswirkungen auf die Arktisforschung, die überraschenden Ergebnisse der Protonradius-Vermessung oder über Taxonomen. Und die waren so gut digital aufbereitet, dass man sie erstens verstand und zweitens sich dafür überhaupt interessierte. Dafür gab es sogar eine Grimme-Preis-Nominierung. Zugleich wurde Substanz nicht durch Werbung finanziert, sondern jede Ausgabe und jeder Artikel kostete Geld, zwischen 29 Cent und drei Euro. Die Bezahlung war, nach ein paar Anlaufschwierigkeiten, sogar recht unkompliziert, unter anderem wegen der neuen Zahlvariante Laterpay. Sie haben also genau das getan, was viele im Netz fordern und einen großen Erfolg prognostizieren.

Allein, es hat nichts gebracht.

Auch beim Absender der zweiten Nachricht scheint so langsam das Gründungsgeld auszugehen: Krautreporter sammelten im  Juni vergangenen Jahres 900.000 Euro von rund 15.000 Spendern im Netz ein – zum Teil von Kollegen wie mir – und gingen selbstbewusst an den Start. Die 27 Reporter wollten mit Krautreporter eine Alternative zum bisherigen Online-Journalismus bieten, erklärten sie in jede Kamera und jedes Mikrofon, das ihnen entgegengehalten wurde. Und das waren viele.

Nun, ein Jahr nach der erfolgreichen Sammlung kommt eine Anfrage: Wie es denn mit einer erneuten Spenden-Verpflichtung aussähe? Was mich daran erinnert, dass ich monatelang nicht mehr auf der Seite war. Und als ich es wieder bin, mich darüber auch gar nicht wundere. Nicht nur, weil ich die Texte auch lesen kann, wenn ich nicht zahle – als Zahlender darf ich immerhin in Foren mitdiskutieren und zu Rechercheideen beitragen. Sondern auch, weil dort Geschichten stehen wie „Die wichtigsten Nachrichtenthemen des Tages“, Fotos von Holi-Festen in Deutschland und Indien oder auch: „Alle zwei Wochen lassen wir interessante Persönlichkeiten von ihren Lieblingsreportagen erzählen.“ Also alles das, was ich beim Start befürchtet, aber nicht gehofft hatte: Bedeutungsschwangere, Relevanz vermissende Wortergüsse zu beliebigen Themen von sich selbst verwirklichenden, zu wichtig nehmenden Kaffeehaus-Journalisten. Das habe ich schon zu Hause.

Aber dann meldete sich ja immerhin Correctiv (offiziell Correct!v, mit Ausrufezeichen): Man feierte in dieser Woche den ersten Geburtstag und lud zu einer kleinen Party in die großzügigen Büroräume in Berlin-Mitte ein. Aus den einstmals acht sind inzwischen 17 Festangestellte geworden, es gibt einen neuen Chefredakteur, der zuvor beim „Spiegel“ arbeitete und einen neuen Textchef, der bis vor kurzem bei „Geo“ war. Der Tätigkeitsnachweis der vergangenen Monate ist unter anderem am Eingang auf einem Ikea-Regal zusammengetragen: Lauter Bücher mit Recherchen zum Abschuss des Fluges MH17, zu rechtsradikalen Weißen Wölfen oder auch zu den umstrittenen TTIP-Verhandlungen (von denen ein Mitarbeiter sogar live tickert). Zum Jahrestag hatten sie sich einen englischen Journalisten eingeladen, der den Feiergästen erzählte, wie er in der Türkei zu Kinderarbeit und deren Todesopfern recherchierte (und in der Wochenzeitung „der Freitag“ veröffentlicht wurde). Danach gab es Bier, Chips und Teaser auf die nächsten Recherchen.

Drei ambitionierte Projekte, drei völlig unterschiedliche Verläufe nach einem Jahr. Was lässt sich daraus lernen?

Zum Beispiel, dass es ohne Strukturen, wie sie etwa ein Verlag hat, nicht geht. Die Macher von Substanz sind offenbar auch daran gescheitert, dass sie sich neben ihrer journalistischen Arbeit aufreiben mussten an verlegerischen Pflichten: Ämterbürokratie, Anträge, Steuerliches, Rechtsstreitigkeiten, Promotion, Vertrieb. Der fünfstellige Betrag war als Startkapital offenbar viel zu wenig, um diesen Strukturnachteil überwinden zu können. Diesen hatten Correctiv und die Krautreporter nicht, die von Anfang an mit deutlich mehr Personal und zum Teil Millionen-Budgets planen konnten.

Die zweite Lektion: Über ein journalistisches Projekt muss sich in einem Satz sagen lassen, wofür es steht und was es besonders macht. Bei Correctiv und Substanz geht das einfach – bei den Krautreportern nicht. Was ihnen bislang fehlt, ist ein klares Konzept, wofür sie eigentlich stehen wollen und welchen Mehrwert sie gegenüber anderen bieten. Nur etwas „anders“ zu machen, reicht einfach nicht. Kommentieren zu dürfen, ist ebenfalls überschätzt. Der anfängliche Anspruch, jeden Tag eine oder mehrere Geschichten auf die Seite zu stellen, war offenbar zu inflationär. Webtauglich sind die Inhalte auch nicht aufbereitet, ihr Internetjournalismus endet mit dem Copy+Paste von Printtexten. Da hatte Substanz deutlich mehr Fantasie, Mut und Aufwand investiert.

Drittens: Die Leser scheinen als relevante Bezahlquelle vorerst auszufallen. An der digitalen wie journalistischen Qualität hat es bei Substanz ja nun wirklich nicht gemangelt, trotzdem wollten offenbar zu wenige dafür Geld ausgeben. Ob Krautreporter für das nächste Jahr genügend Geld von seinen Lesern erhält, ist noch offen. Correctiv hat diese Sorgen nicht, das Projekt finanziert sich zu erheblichen Teilen aus Stiftungszuwendungen. Allein die Brost-Stiftung gab drei Millionen Euro.

Was Correctiv schließlich von den anderen beiden Projekten grundlegend unterscheidet: Es verbreitet die eigenen Inhalte nicht auf eigenen Kanälen, sondern vor allem über andere, etablierte Medien, die schlicht deutlich mehr Bürger erreichen als sie selbst. Zwar gibt es die Bücher und die Berichte auf der eigenen Seite. Öffentlichkeitswirksam sind aber jene Geschichten, die von den jeweils exklusiven Medienpartnern wie „Die Zeit“, RTL oder der „Süddeutschen Zeitung“ verbreitet werden, inklusive Correctiv-Quellennennung. Das haben sich die Berliner vom erfolgreich US-Vorbild ProPublica.org gut abgeschaut.

Die meisten Leser und Nutzer sind dann eben doch Gewohnheitstiere: Sie bleiben doch lieber beim Alten, auch wenn sie sagen, sie seien für Neues offen – erst recht wenn das Neue Geld kostet.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medien-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Ulfi am 17. Juli 2015

"ihr Internetjournalismus endet mit dem Copy+Paste von Printtexten."
Dieser Vorwurf ist neu und wird vom Resttext nicht gedeckt. Gibt es denn dazu eine Quelle? Die Morgenpost macht kein copy& paste, falls du darauf ansprichst. Das was die Morgenpost macht, nannte man frueher "Presseschau".

Wie stehts denn im Vergleich zu den genannten Texten mit den Texten von Thomas Wiegold und Rico Grimm?

Jens am 17. Juli 2015

@Ulfi:
Ich hatte das mit dem Copy&Paste eher so gelesen, dass der Autor meint, all diese Texte hätten so auch unverändert als Printtexte erscheinen können, d.h. die technischen Möglichkeiten einer Internet-Publikation seien nicht genutzt worden.

Bin aber nicht der Autor, insofern ist das auch nur meine Interpretation der Passage.

comicfreak am 17. Juli 2015

..von "Substanz" habe ich eben zum ersten Mal gehört O.o

massive am 17. Juli 2015

"Sie bleiben doch lieber beim Alten, auch wenn sie sagen, sie seien für Neues offen – erst recht wenn das Neue Geld kostet."

Das ist so nicht richtig. Die Krautreporter haben bewiesen, dass die Bereitschaft, Geld für Neues zu zahlen, da ist. Die Krautreporter scheiterten (bisher) daran, dass sie keine Texte liefern, die man gerne lesen möchte.

Ich stehe sicher nicht für alle Leser, aber ich schicke mir sehr häufig Online-Texte auf meinen E-Book-Reader, um sie in Ruhe zu lesen. Ich mache das fast täglich und wenn mich ein Thema interessiert und es kostenpflichtig ist, bezahle ich es auch. Ich habe in den letzten 12 Monaten keinen einzigen Krautreporter-Text auf meinen Reader geschickt - so mies ist die Bilanz. Ich habe auch nur drei angelesen, aber wieder nach den ersten Zeilen aufgehört, weil sie mich nicht mitnahmen.

Zu Substanz: Ich glaube, dass der Markt mit Wissenschaftsjournalismus einfach übersättigt ist. Das zeigte auch der Versuch, den New Scientist auf deutsch zu publizieren. Es gibt bereits reichlich Publikationen für jeden Geschmack, sowohl online wie print - eine Masse erreicht man mit diesen Inhalte nicht mehr. Außerdem waren die Themen meiner Ansicht nach nicht sonderlich originell, wenn auch gut recherchiert, und die Redaktion hat sich in der Tat viel mehr Mühe gegeben als die lustlosen Krautreporter.

Ich glaube, man musste kein Visionär sein, um vorauszuahnen, was aus den drei Projekten werden würde - sofern man vorab den Inhalt der Krautreporter gekannt hätte.

Falk Heunemann am 17. Juli 2015

@Ulfi: In der Tat bezog sich die Copy+Paste+Bewertung nur darauf, dass die Internettexte etwa bei Krautreporter so auch in Print hätten erscheinen können und die Internet-Möglichkeiten nicht genutzt worden. Ich bedauere die Unklarheit und hoffe, sie damit ausgeräumt zu haben.

@massive: Ich halte einen Markt nie für übersättigt, es kommt nämlich immer darauf an, wie die Medienprodukte gestaltet sind. Vor 11Freunde hieß es auch, der Markt für Fußballpublikationen sei übersättigt. BrandEins gab auch keiner eine wirkliche Chance. Man kann nämlich auch Bedarf kreieren und Menschen von Neuem begeistern, von dem sie vorher nicht wussten, dass sie es interessiert (Apple beherrscht das auch prima). Und umgekehrt: Der scheinbar übersättigte Markt für Frauenmagazine findet immer noch Platz für neue Publikationen...
Der deutsche New Scientist ist aus meiner Sicht deshalb eingestellt worden, weil er am Anfang auf Sparflamme kochen musste und weil er nicht mal ein halbes Jahr hatte, seinen Weg zu finden und sich bekannt zu machen.

fr.osch am 18. Juli 2015

Die Krautreporter haben so schön begonnen, aber es scheint, als wären sie als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet.

Dabei haben sie erstmal alles richtig gemacht. Sie haben Geld eingesammelt, genug, damit es für ein Jahr reicht, sie haben Strukturen aufgebaut und so weiter, Businessplan, Webseite, Büro, Newsletter, alles da... aber dann haben sie sich ausgeruht. Natürlich nicht wirklich ausgeruht, sie haben ihr Arbeit gemacht, recherchiert, Texte geschrieben, Routine, eben das Kerngeschäft. Was sie vergessen haben, ist, die Defizite der Anfangszeit auszumerzen. Die Konzepte zu konkretisieren und weiterzuentwickeln. Und nicht zuletzt haben sie sträflich die Neugewinnung von Abonnenten vernachlässigt - das haben sie nach dem großen Erfolg der Startfinanzierung (die auch nur mit wohlwollenden Großkunden zustande kam) einfach verdrängt. Vielleicht im Siegestaumel, zu greifbar schien der Sieg über die etablierten, alten, veralteten Medien. Zu früh gefreut?

Jetzt stehen sie da und versuchen verzweifelt, die alten Kunden zu behalten, die aber hatten zumindest zu einem nicht unwesentlichen Teil gehofft, dass das anfänglich als neu gerne geförderte Projekt nach der Anschubfinanzierung auf eigenen Beinen stehen würde - sie sahen sich nicht als Dauergäste, sondern als Freunde des Neuen, des Anderen, das sich hoffentlich dann auch etabliert und erwachsen wird und viele erreicht. Aber es zeigt sich, dass Krautreporter sich nicht etabliert hat, dass es ein konturloses Projekt geblieben ist, gemacht für diejenigen, die man eben schon erreicht hat, darüberhinaus praktisch ohne jede Relevanz. Kein Aufsehen, keine Zitatgeber, keine investigativen Revolutionen, keine Beiträge, die zum Tagesgespräch werden, kein Hammer, der in allen Medien reflektiert wird, kein weit geteiltes Thema in den sozialen Medien, keine Impulse für die Medienlandschaft, eher eine kleine, stille Postille, die zwar schönen Journalismus macht mit gutem Personal und interessanten, gelegentlich überraschenden Themen, aber eben nichts, was unter den Nägeln brennt. Genaugenommen ein netter Blog, wie es einige fast vergleichbare schon anderswo gibt. Und die schönen Themen findet man auch an vielen anderen Stellen im Netz. Kein Wunder - betreiben doch einige der Autoren bereits ebensolche Blogs, durchaus erfolgreich und mit Relevanz. Das haben sie aber nicht mitnehmen können.

Der versprochene Dialog mit den Kunden blieb praktisch aus, der zugeneigte, zahlende Freund als Leserexperte, oftmals echte Experten in ihrem Fachgebiet, wurde nie abgerufen. Die angedachte, versprochene Kommunikation, die so einfach wäre im Internet, die Teilhabe am Entstehungsprozess, die Brücke zwischen Produzent und Konsument blieb auf der Strecke. Die Idee war schön und gut, aber niemand setzte sie um. Passt das vielleicht nicht zu den althergebrachten Arbeitsabläufen? Fehlen da einfache Kommunikationsinfrastrukturen? War man zu sehr gefangen in den Abläufen des Alltags? Fehlten klare Zuständigkeiten? Räume zur Besinnung und Reflexion? Oder war man zu sehr Einzelgänger, Freiberufler?

Das Jahr ist bald um, es wird knapp, aber man kann die Defizite jetzt nachträglich auch nicht mehr reparieren. Auch die neuen Anfragen nach einer Folgefinanzierung, einer Verlängerung bleiben eigenartig farblos. Man verspricht irgendeine Besserung, neue Ideen, aber nichts Konkretes - weil man sich der Defizite zum ursprünglich Beworbenen bewusst ist. Man möchte sagen, endlich, aber man ahnt auch, zu spät. Irgendwie schade. Ich glaube, es wird nicht einfach. Dabei hätte ich es ihnen gegönnt. Es wäre so nötig, etwas Neues zu schaffen. Den erstarrten "alten" Medien etwas entgegenzusetzen. Sollten die wirklich unbesiegbar sein?

Gerandalf am 18. Juli 2015

"Dabei hätte ich es ihnen gegönnt. Es wäre so nötig, etwas Neues zu schaffen. Den erstarrten “alten” Medien etwas entgegenzusetzen. Sollten die wirklich unbesiegbar sein?"
schreibt fr.osch
Ich sehe das als ein Bild: Ein Teich, in dem weniger und weniger Wasser ist. Für den alten Wels reicht es nicht mehr, aber er stirbt langsam, vergiftet dabei aber das Wasser. Für die jungen Fische bleibt kaum eine Chance. Die alten Medien sind nicht unbesiegbar, ihr Sterben vergiftet nur den Teich. Erst, wenn er weg ist (ich fürchte, der Teich, nicht der alte Wels) gibt es die Chance auf einen Neubeginn. Fragt sich nur, was die anderen Fische solange machen wollen. Nicht alle eignen sich zum Schlammpeitzger