Griechenland muss im Euro bleiben

Von Andreas Theyssen am 17. Juli 2015

Die Griechen nerven. Dennoch sollten sie weiter unterstützt werden – auch von Deutschland. Denn ein Grexit würde zur Katastrophe führen und noch viel teurer.

Nerven die Griechen? Klar. Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt, die Steuervermeidung zum Nationalsport erhoben. Und als ihnen ihr Laden um die Ohren flog und die Eurostaaten ihnen mit Milliarden aushalfen, wollten sie – siehe Referendum – dafür keine Gegenleistungen erbringen.

Ist ihr Premier Alexis Tsipras eine Katastrophe? Logo. Binnen eines halben Jahres hat er es mit einer Mischung aus ideologischer Verbohrtheit, politischem Dilettantismus und Realitätsverweigerung geschafft, sein Land an den Rand des Abgrunds zu führen.

Kann Griechenland seine Staatsschulden je zurückzahlen? Definitiv nein. Die Wirtschaft ist zu schwach und das Steueraufkommen zu gering, um allen Verpflichtungen nachzukommen.

Dürfen wir Griechenland dann überhaupt noch weitere Hilfsmilliarden geben? Wir dürfen nicht nur – wir müssen.

Ein Widerspruch? Nein. Denn man muss sich anschauen, was ein Grexit eigentlich bedeutet: finanziell, wirtschaftlich, politisch, sozial.

Athen müsste eine Ersatzwährung einführen, die nichts wert wäre. Doch die Schulden blieben, und zwar in Euro. Griechenland wäre sofort pleite, die Gläubiger – EU-Staaten, EZB, IWF – könnten ihre verliehenen Milliarden nahezu komplett abschreiben.

Hinzu käme, dass der griechische Staat kollabieren dürfte. Polizei, Militär, Behörden, Unternehmen, das wegen der vielen Inseln wichtige Verkehrswesen, das Sozial- und das Gesundheitssystem – sie alle dürften allenfalls noch eingeschränkt funktionieren. Denn Gehälter würden in Weichwährung ausgezahlt, Medikamente, Benzin und Ersatzteile könnten kaum noch importiert werden. Hinzu kämen soziale Unruhen. Griechenland würde zum failed state innerhalb der EU. Und die müsste mit Milliarden versuchen, das Chaos abzumildern.

Auch der Ruf des Euro wäre endgültig dahin. Börsenspekulanten würden versuchen, die Krisenfestigkeit anderer Euro-Schuldenstaaten wie Spanien, Italien und Frankreich zu testen. Und damit wären die Euro-Rettungsfonds überfordert.

Es gibt keine Garantie, dass weitere Milliarden Griechenland aus der Krise holen werden. Allerdings wird eines gerne übersehen: Die ach so verteufelte Austeritätspolitik hat gewirkt. Zum Jahreswechsel, kurz vor Tsipras’ Amtsübernahme, wies Griechenlands Staatshaushalt einen Überschuss auf – die Voraussetzung, um Schulden tilgen zu können.

Insofern: Solange sich Athen an Reform- und Sparauflagen hält, soll es weitere Kredite erhalten. Und später eine Verlängerung der Tilgungsfristen, damit es an seinen Schulden nicht erstickt. Die Alternative hieße Chaos – und zahlen müssten wir trotzdem.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, begleitet die Griechenland-Krise journalistisch seit 2010.

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Zaunkoenigin am 17. Juli 2015

werter Herr Theyssen..

nun habe ich 2 Beiträge verfasst .. und jeder ist im Nirwana verschwunden

Andreas Theyssen am 18. Juli 2015

Werte Zaunkönigin,

das tut mir ausgesprochen leid. Habe alle Ordner der Website durchforstet, aber Ihre beiden Beiträge sind dort nirgends zu finden. Ist es denkbar, dass der Fehler an anderer Stelle aufgetreten ist?

Zaunkoenigin am 18. Juli 2015

Vielen Dank Herr Theyssen für Ihre Mühe. Nein, ich bin mir sicher, dass das hier passierte. Und beim zweiten Versuch habe ich ganz bewusst darauf geachtet keine falschen Klicks auszuführen ;-) Allerdings hatte ich mal wieder einen Link beigefügt.

Aber es ist wie es ist, dann versuche ich es eben noch einmal. Und dieses Mal bin ich einfach schlauer und kopiere vor dem Absenden den Beitrag (hätte mir bei Nr.2 ja auch schon klar sein können) Ich wollte nur nicht unnötig Zeit für einen neuen Versuch aufwenden, wenn einer der anderen Beiträge wieder herstellbar gewesen wären. Abgesehen davon, dass Sie dann vielleicht 3 Varianten eines ähnliches Inhaltes hier vorgefunden hätten.

Ich versuch's später noch mal - auch wenn ich (nach alter Manier) wieder einmal widerspreche ;-)

Zaunkoenigin am 19. Juli 2015

Nun denn. Dritter Versuch ;-)
Die Struktur Ihres Artikels finde ich übrigens sehr angenehm, weil übersichtlich. Gerade bei so einem komplexen Thema ist das eine Wohltat - auch wenn er mich dennoch zum Widerspruch reizt.

*Polizei, Militär, Behörden, Unternehmen, das wegen der vielen Inseln wichtige Verkehrswesen, das Sozial- und das Gesundheitssystem – sie alle dürften allenfalls noch eingeschränkt funktionieren*
Sie nennen das was da in den Aufgabengebieten dieser Gruppen abläuft "funktionieren"? Kann etwas, was gekauft werden kann auch im Sinne der Gesetze funktionieren? Alle 4 Gruppen sind ein korrupter Haufen. Ausnahmen vermute ich, gibt es wenige. Ja, auch das Militär und selbstverständlich auch Unternehmen - selbst deutsche Unternehmen die dort Geschäfte machen wollen (
http://www.deutschlandradiokultur.de/deutsch-griechische-korruption-waffengeschaefte-trotz.976.de.html?dram:article_id=307951)

*Medikamente, Benzin und Ersatzteile könnten kaum noch importiert werden*
Das fehlt schon jetzt. Die Frage die ich mir inzwischen stelle ist, ob, wenn wir unser Geld in humanitäre Hilfe stecken würden, das Geld nicht wenigstens dann dort ankommt wo wir (na ja, zumindest ich) es haben wollen. Nämlich beim normalen Bürger und nicht bei den Schmarotzern des Landes. Sicherheitshalber ergänze ich noch: Schmarotzer = Nicht-Steuer-Zahler, Geld-außer-Landes-Bringer, Schmiergeldzahler- und Nehmer.

*Auch der Ruf des Euro wäre endgültig dahin. Börsenspekulanten würden versuchen, die Krisenfestigkeit anderer Euro-Schuldenstaaten wie Spanien, Italien und Frankreich zu testen. Und damit wären die Euro-Rettungsfonds überfordert.*

Der Ruf ist schon längst hinüber. Was derzeit versucht wird ist, sich am Chaos und den Unkalkulierbarkeiten zu bereichern. Es wird gezockt so lange gezockt werden kann. Und was meinen Sie, was die von Ihnen zitierten Länder machen werden wenn Griechenland das erreicht was es im Grunde möchte? Nämlich Geld ohne dass die Geldgeber Einfluss auf die Politik des Landes nehmen können. Was meinen Sie, wie dann der Euro-Rettungsfonds ins Schleudern geraten wird. Hossa, da ist das was jetzt läuft Pillepalle dagegen.

*Die ach so verteufelte Austeritätspolitik hat gewirkt. Zum Jahreswechsel, kurz vor Tsipras’ Amtsübernahme, wies Griechenlands Staatshaushalt einen Überschuss auf – die Voraussetzung, um Schulden tilgen zu können.*
Das nennen Sie ernsthaft "Wirkung"? Herr Theyssen, das kann nicht Ihr Ernst sein. Nur weil einmal ein Überschuss ausgewiesen wurde nennen Sie das "Erfolg"? Haben Sie beleuchtet wie der Überschuss zustande kam - wie er sich zusammen setzte? So lange dieses Land weiterhin so lasch mit Steuerschuldnern umgeht, so lange gibt es da keine Wirkung die nachhaltig ist. So lange Korruption etwas ist, das zum normalen Alltag eines Bürgers Griechenlands gehört, so lange ist das Land ein "Zuschussbetrieb" den wir mitfinanzieren. So lange die Bürger Griechenland jammern, dass Deutschland zuviel fordert aber nicht aufstehen gegen die Korruption ihres Landes, so lange wird sich da nichts zum Guten wenden können.

*Solange sich Athen an Reform- und Sparauflagen hält, soll es weitere Kredite erhalten.*
Griechenland hat schon viel unterschrieben und wenig gehalten. Nun gehöre ich ja zu denen die immer noch der Meinung sind, dass die Troika mit am weiteren Desaster des Landes mitgewirkt hat und dass man schon viel eher über einen Schuldenschnitt (oder zumindest über eine sehr lange Aussetzung der Tilgung) hätte nachdenken müssen. Aber eines sehe ich heute auch, dass das alles nichts genützt hätte, so lange dieses Land nicht bereit ist im eigenen Sauhaufen (ja, so lange Korruption dort normal ist, werde ich das weiterhin so nennen) aufzuräumen.

*Und später eine Verlängerung der Tilgungsfristen, damit es an seinen Schulden nicht erstickt. Die Alternative hieße Chaos – und zahlen müssten wir trotzdem.*
Zum Zahlen haben ich (siehe oben) inzwischen den Ansatz, dass humanitäre Hilfe vermutlich die EU kostengünstiger käme und sich zumindest die Schmarotzer nicht auch noch daran bereichern könnten.

* Doch die Schulden blieben, und zwar in Euro. Griechenland wäre sofort pleite, die Gläubiger – EU-Staaten, EZB, IWF – könnten ihre verliehenen Milliarden nahezu komplett abschreiben.*
Ob sofort oder in N Jahren pleite. Wo wäre da der Unterschied? Den einzigen den ich erkennen kann ist der, dass nicht noch mehr Gelder der EU in den schwarzen Löchern Griechenlands verschwinden könnten.

Ich sag's mal so. Ganz einfach, ganz simpel, ohne politischen Schnick-Schnack. So lange ich nicht erkennen kann, dass Griechenland seine Kernprobleme mit Nachdruck angeht, so lange werde ich sicherlich nicht mehr Schuldenschnitt und Aussetzen der Schuldentilgung favorisieren. Die "Politik" der neuen Regierung inkl. dem Ergebnis des Referendums lassen mich sehr daran zweifeln, dass "man" in diesem Land gewillt ist aufzuräumen.

Zaunkoenigin am 19. Juli 2015

Hallo Herr Theyssen,

Ihr Server akzeptiert meinen Link nicht. noch nicht einmal dann, wenn ich http+www entferne.

Wen es interessiert (wobei das nun nicht wirklich neu ist) : Einfach selbst googeln...

"Griechenland Militär Korruption" ... Bei Deutschlandradiokultur wird man fündig

Zaunkoenigin am 19. Juli 2015

http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Interview-Christian-Ude-rechnet-mit-den-Griechen-ab-id34634997.html

Ein Kommentar von meiner Seite erübrigt sich.