Was tun gegen die Hetze im Netz?

Von Kai Makus am 27. Juli 2015

Sie pöbeln, verunglimpfen und stacheln zu Gewalt an: Rechte Hetzer im Internet nerven und werden viel zu selten geschnappt. Noch etwas, das sie mit Zündlern an Asylbewerberunterkünften verbindet. Ist das alles nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind gerade unterwegs. Vielleicht beim Einkaufen in der Fußgängerzone Ihrer Stadt oder auf dem großen Parkplatz vor dem Supermarkt im Nachbardorf. Sie hören lautes Rufen und sehen, wie zwei Gestalten beisammen stehen. Sie schreien wüst und empören sich über ein Plakat, das an einer Straßenlaterne hängt. Wenn Sie etwas näher treten, sehen Sie, dass die beiden Mistgabeln bei sich haben, mit denen sie von Zeit zu Zeit drohend in die Luft stechen. Einer von ihnen hält eine brennende Fackel in der Hand.

Auf dem Rückweg, die Einkaufstüte in der Hand, staunen sie. Es haben sich drei Leute mehr dazu gestellt. Zwei von ihnen halten ein Transparent in die Luft. Es stehen Parolen darauf, die sonst extremistische Parteien nutzen. Sie werden von der kleinen Versammlung gemeinsam lauthals skandiert. Ihr ganzer Zorn scheint sich auf das Plakat zu richten. Dabei wirkt es doch vergleichsweise harmlos. Irgendwie sind Sie froh, dass Sie vorbeigehen können. Denn aus den Augenwinkeln ist Ihnen durchaus die Schrotflinte aufgefallen, die der letzte im Bunde mit sich führt.

Hetzen unter Klarnamen
So ähnlich sieht es derzeit in vielen Ecken Deutschlands aus. Im Internet. Virtuell. Die Ecken nennen sich Foren oder soziale Medien. Kommt dort etwa das Thema Flüchtlinge zur Sprache, sind schnell die ersten Krakeler da. Handelt es sich um die Meldung einer Straftat, in der die vermeintlich Herkunft des Tatverdächtigen nicht genannt wird, finden sich Experten vor Ort ein, die anhand einer knappen dpa-Meldung binnen Sekunden glasklar dessen familiären Hintergrund analysieren und messerscharf die schmutzigen Tricks der Lügenpresse kommentieren können. Glücklicherweise sind die Mistgabeln selbst auf dem Land inzwischen etwas aus der Mode gekommen. Die brennende Fackel hingegen feiert derzeit ein Comeback, wie es scheint. In Deutschland. Real.

Dass im Frühjahr im sächsischen Tröglitz ein Asylbewerberheim noch vor Einzug der Flüchtlinge in Flammen aufging, erscheint im Nachhinein als Fanal, eine Art grausamer Startschuss zu einer ganzen Serie ähnlicher Terroranschläge. Beschleicht einen schon hier der Verdacht, die Sicherheitsbehörden würden mit ähnlichem Elan ermitteln wie in Sachen NSU, geht die Verfolgung mutmaßlich volksverhetzender Schreiberlinge im Internet noch schleppender voran. Das bestätigt jetzt das sächsiche Innenministerium mit entwaffnender Offenheit. Zugegeben. In einigen anderen Bundesländern geht die Polizei offenbar ergebnisorientierter vor.

Wie nötig das ist, zeigt der Fall Steffen Bockhahn. Der linke Rostocker Sozialsenator wird im Internet virtuell gehängt und real beleidigt, weil er den leicht unsortierten Vorschlag ventilierte, frei gewordene Bundesmittel aus dem ungesetzlichen Betreuungsgeld für die Integration unbegleiteter Flüchtlingskinder auszugeben. Wird tatsächlich viel solcher Hetze von Nutzern verbreitet wird, die ungeniert ihren Klarnamen nennen, stellt sich tatsächlich die Frage, warum es so wenige Fahndungserfolge zu geben scheint.

Benimm und Bildung statt Herdprämie?
Schneller als die Behörden reagiert einmal mehr die Geschäftswelt. Einen österreichischen Lehrling, der auf Facebook gegen Flüchtlinge hetzte, warf die Porsche-Holding kurzerhand hinaus. Möglicherweise hat der 17-Jährige damit die Chance seines Lebens schon vertan und braucht deshalb in Wirklichkeit Verständnis und Zuwendung statt schmählicher Kündigung, wie manche meinen.

Wahrscheinlich ist es eher Benimm und Bildung, die von Nöten sind. In Deutschland zumindest wäre ja zurzeit Einiges an Geldern für der Stärkung bei Jugendlichen, aber auch bei Älteren vorhanden. Vielleicht kommt die eine oder andere Landesregierung ja darauf, die übrig gebliebenen Millionen aus der Herdprämie sinnvoller zu investieren als es die bayerische Staatsregierung vorhat.

Kai Makus, Autor in Hamburg, schreibt die OC-Kolumne „Links gedreht“ jeden Montag.

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maSu am 27. Juli 2015

Es gibt ebenso linke Pöbler im Netz die mit wirren Anschuldigungen und Behauptungen Existenzen gefährden oder gar zerstören. Und die Medien machen da auch noch zu gerne mit.

Beispiel? Die Jagd auf Tim Hunt. (Und ein Euro in die Wortspielkasse...)

Es gibt jetzt handfeste Beweise, dass alle Anschuldigungen erstunken und erlogen waren. Und stört es jemanden? Nö. Alleine die Behauptung einer zwielichtigen Person bei Twitter reicht aus, um die ganzen "Sofa-Social-Justice-Warrior*_Innen", so nenne ich den dortigen feministischen Pöbel einfach mal, dazu zu bringen, gegen Hunt zu hetzen. Große Zeitungen machen da mit.

Folgen für Tim Hunt und seine Frau? Verlust des Arbeitsplatzes, diverse Anfeindungen, Drohungen usw.

Rechte Pöbeleien im Netz sind dagegen noch harmlos, weil sie weder von Politik noch von Medien einfach übernommen werden. Die Rechte Hexenjagd wird kritisiert, die linke Hexenjagd wird bejubelt.

Vor dem Hintergrund finde ich die linke Hexenjagd schlimmer, denn die Gesellschaft ist blind für diese wachsende Gefahr. Diese linken Parolen werden ungefragt übernommen und akzeptiert. Die gesellschaftliche Mehrheit wird keinen Asylanten aufgrund eines "rechtsradikalen Tweets" hassen. Wird aber behauptet, Person XY (gerne weiß, heterosexuell, männlich) sei Sexist, Rassist oder was weiß ich - ohne jeden Beleg! - dann wird das einfach übernommen - von einer breiten Mehrheit.

Zaunkoenigin am 27. Juli 2015

Ich würde nicht aufrechnen. Beides ist menschenverachtend und zerstörend.

Aber bleiben wir doch beim Thema "Rechts". Nein, ich möchte keine dieser Aktionen verteidigen. Auch nicht die des jungen Ex-Porsche-Mitarbeiters. Auch wenn ich die Befürchtung habe, dass die Kündigung weniger wegen der moralischen Positionierung des Konzerns ausgesprochen wurde.

Nein, verteidigen möchte ich das keinesfalls. Nicht einmal in Anbetracht der Tatsache, dass ich so manches unreflektierte und unbedachte "Gut-Menschen-Geschwafel" nicht mehr hören kann.
Ich finde das Verhalten des rechten Pöbels abstoßend. Dennoch frage ich mich, warum immer mehr Menschen so agieren und jede Menschlichkeit zu vergessen scheinen.

Kann es sein, dass es daran liegt, dass wir in unserer Presse nur noch entweder "schwarz" oder "weiß" lesen? Dass jeder, der etwas kritisch in Bezug auf unsere Flüchtlings- und Asylpolitik schaut, als rechtsradikal und unmenschlich abgestempelt wird?

Wer darf heutzutage noch laut seine Bedenken (nicht zu verwechseln mit Beschimpfungen/Drohungen) äußern ohne in die rechte Ecke abgeschoben zu werden?

Schaffen wir mit diesem klaren und absoluten Gut/Böse-Trennen ohne Graustufen zuzulassen nicht erst diese Fronten?

Ich habe jetzt nur laut gedacht, ohne selbst dazu schon eine abgeschlossenen Meinung zu haben. Ich beobachte mich, meine Reflexe und das Verhalten meines internationalen Umfeldes. Ja, und da drängen sich dann eben solche Fragen auf.

maSu am 27. Juli 2015

Zaunkönigin:
Das Problem ist:
Viele Medien sind sehr links eingestellt. Damit ist schon einmal jeder, der von dieser Linie abweicht per Definition böse und rechts. Es wird immer weniger Differenziert, der Ton wird schärfer. Die PEGIDA-Demos sind da ein tolles Beispiel. Die Berichterstattung und die Haltung von Politik und Medien sprechen für sich.
Wenn aber eh jeder, der nicht stramm links ist, bei Meinungsäußerungen riskiert, als rechts diffamiert zu werden, dann stellt sich für viele Menschen die Frage: Warum sich zurückhalten? Daraufhin sehen die Linken gleich nochmal mehr Rechte. Und der Teufelskreis aus Diffamierung usw. geht weiter.
Im ganzen Internet dominieren Beschimpfungen. Wie schon gesagt: Mal den Fall Tim Hunt anschauen. Was da einige Feministinnen abziehen, wie "kackendreist" die Lügen verbreiten usw. das ist beschämend. Aber: Jeder der diesen Feminismus kritisiert, der wird als Nazi beschimpft - auf Twitter aber auch von Menschen, die nur vorgeben seriös zu "forschen".
Das Thema Feminismus ist nur ein Thema von vielen.

Asylpolitik ist da ein wesentlich größeres Thema. Das Schema ist das gleiche: Wer auch nur ein wenig Skepsis äußert, der steht als Nazi da.

Und so bilden sich einfach Fronten. Und federführend sind hier mMn die linken Hetzer. Würde man Ängste und Sorgen von Menschen ernst nehmen und mit echten Argumenten und Fakten entkräften, statt jeden Zweifler zu beschimpfen, dann wäre das Klima ein anderes. Extremisten - ob rechts oder links ist da einerlei - gab es immer und wird es immer geben. Aber es sind sehr wenige.
Durch die aktuelle Hetze gegen alle, die politisch aus der Reihe tanzen, bilden sich weiter Fronten.

Menschen demonstrieren gegen Lehrinhalte in BaWü. Die Berichterstattung über die Demonstrationen und Kritiker ist unter aller Sau. DPA ist da federführend und von DPA schreiben eh die meisten stumpf ab - und beschweren sich dann über sinkende Auflagen, wie überraschend und unerwartet!

Wenn doch eh jeder Kritiker als Nazi beschimpft wird, dann fragen sich nicht gerade wenige, warum man nicht Feuer mit Feuer bekämpfen sollte.

Ich war bei "unsere Stadt ist bunt"-Demos anwesend und war angewidert was dort für pseudoelitäre Menschen anwesend waren, die andere Menschen aufgrund ihrer politischen Ansichten für Minderwertig hielten. Eigentlich waren einige der dort anwesenden für mich weitaus mehr "Nazi" als jene, gegen die sie demonstrierten. Die Personen, die ich bei den Demos traf, die waren dann doch sehr auf die ideologische reinrassigkeit ihres Facebookfreundeskreises bedacht. Kritik oder Widerspruch? Inakzeptabel. Diskussionen? Unerwünscht.

Ja da fragt man sich, wer "Nazi" ist ...

Zaunkoenigin am 27. Juli 2015

na ja, maSu, im Grunde kommen wir wohl zum fast gleichen Ergebnis. Der einzige Unterschied ist der, dass Sie alles auf die "Linken" schieben und ich .. tja, auf was schiebe ich es?

Ich denke, es ist eine Mischung aus vielen Interessenslagen (und da sind nicht nur die Linken daran beteiligt - oh nein). Und es war schon immer einfacher zu Polarisieren als sich auseinander zu setzen. Besonders kann man mit der Methode leichter eigene Interessen durch setzen.

*Wenn aber eh jeder, der nicht stramm links ist, bei Meinungsäußerungen riskiert, als rechts diffamiert zu werden, dann stellt sich für viele Menschen die Frage: Warum sich zurückhalten? Daraufhin sehen die Linken gleich nochmal mehr Rechte. Und der Teufelskreis aus Diffamierung usw. geht weiter.*

Und diese Reaktion/Schlussfolgerung halte ich zwar für menschlich, aber schädlich für die Sache. Nein, ich weigere mich, mich in die rechte Ecke stellen zu lassen und genauso weigere ich mich, mich so zu verhalten wie man es von mir erwartet.

maSu am 27. Juli 2015

Zaunkönigin: Einmal zu einer "unsere Stadt ist bunt und weltoffen"-Demo gehen und sagen, dass Nazis auch Teil der Welt sind und dass Braun auch eine Farbe ist und damit in Bunt enthalten und das man sich, wenn man sich "bunt und weltoffen" auf die Fahnen schreibt, auch mit vermeintlich rechten und deren Themen auseinandersetzen muss(!). Mach es. Ich habe es gemacht. Und bin zügig dort weggegangen, mir wurden fix Schläge angedroht.

Die Linken sind aber gesellschaftlich akzeptiert oder gar die Mehrheit. Das sind nicht irgendwelche Splittergruppen oder radikale Einzelfälle. Und die Medien machen fleißig mit. Ich finde die Situation bedrohlich.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Sage ich eine Meinung, die von "deren" Meinung abweicht, dann muss ich die Beine in die Hand nehmen. Passiert mir das überregional als "bekanntere Persönlichkeit", dann bin ich meinen Job los oder bekomme Drohbriefe usw. Und genau das passiert ganz real. Jetzt.

Natürlich nimmt es auch auf der rechten Seite zu. Das kann man alleine aus den Anschlagszahlen auf Asylbewerberheime erkennen. Das sind aber für mich eher einzelne Verbrechen.

Die breite Masse, die aber jene anfeindet, gesellschaftlich stigmatisiert und isoliert, die nicht "auf Linie" sind, diese Masse ist eine viel größere Gefahr als die paar Spinner, die hoffentlich bald im Gefängnis sitzen.