Touristenklasse ist das neue Clubbing

Von Falk Heunemann am 30. Juli 2015

Warum die neue Air-Berlin-Kampagne das neue Berlin genau wiedergibt – und sieben Punkte, die ihr noch fehlen.

Bei mir an der Kreuzung steht ein Relikt der Werbegeschichte: eine Litfaßsäule. In den letzten Jahren klebten an ihr Werbeplakate für Diskokings, Lokalpolitiker und die Minions, die üblichen Verlierer also. Seit dieser Woche jedoch ist das anders, denn nun ist die Säule wieder hipp: Air Berlin hat sie gekapert. Ganz frech haben die Hipster dieses sympathischen Startups die Litfaßsäule von oben bis unten mit Postern überzogen. Wahrscheinlich geschah das sogar mitten in der Nacht für diese Hipster, also irgendwann am späten Vormittag. Und nicht an nur dieser Säule, sondern überall in der Stadt, sofern man Berlin auf Friedrichshain, Neukölln und Prenzlauer Berg reduziert.

Auf den Plakaten – und in den passenden Werbeclips – ist eine junge, hippe, tätowierte, hippe, dänische Hipsterin, die keck ein rotes Barett aufgesetzt hat, das aus der Che-Guevara-Kollektion von Galeria Kaufhof stammt. Dazu der Slogan: „Not established since 1978.“ Ganz schön retro-metro, das alles.

Das ist natürlich cool. Das ist gewagt: Ein Unternehmen, dass den Hip-Style einer modernen Großstadt aufgreift und zum eigenen Image umwidmet. Einfach toll.

Klar, Werbung im Allgemeinen und Unternehmen im Besonderen ziehen natürlich sofort ihre Kritiker auf sich. Das gab es doch alles schon einmal, rufen diese Ewig-Negativisten, sogar das gleiche Motiv: Von der Astra-Brauerei in Hamburg. Und der FC St. Pauli wirbt dort schon seit fünf Jahren mit dem Slogan „Non established since 1910“. In der Stadt also, in der die Werbeagentur Track residiert, die diese neue Kampagne für Air Berlin entworfen hat.

Aber das macht ja nichts. Im Gegenteil. Denn was der FC St. Pauli kann, ja was der SC Schachmatt Botnang (non-established since 1983) kann, das kann Air Berlin schon lange. Zumindest seit dieser Woche.

Vor allem jedoch: Die Kampagne legt das Wesen der Stadt Berlin offen: „emotional, progressiv und edgy“ sei die Weltmetropole, und natürlich auch die Fluggesellschaft, so steht es in der Pressemitteilung zum Kampagnenstart. “Emotional” bezieht sich im Falle des gewählten Bildmotivs wohl auf die Verwendung einer Frau, „progressiv“ auf die kurzen Hot Pants und „edgy“ auf die Tattoos. Schließlich ist heutzutage nichts mehr „not established“ als Tattoos.

Aber es passt: Ist schließlich nicht auch Berlin eine Stadt, deren Hippness sich inzwischen dadurch kennzeichnet, dass an frisch sanierten Immobilienwänden Graffiti-Striche hingenommen werden, als Haustattoos, sozuzagen? Zählt sich nicht auch die Hauptstadt zur Weltliga der Metropolen, obwohl sie in Wahrheit sich nicht mal mehr im nationalen SDAX halten kann (verdrängt von Dortmund)? Sieht sie sich nicht auch als Wirtschaftsmacht, obwohl sie in Wahrheit am Tropf externer Milliardäre aus dem Süden hängt? Ist die eine wie die andere nicht in der Mitte vollbeladen mit lauter Anzugträgern und Modeheinis, während am Eingang die Billigtouristen drängeln? Und verspricht nicht auch Berlin seinen Bewohnern regelmäßig ein Megaereignis, ein Großprojekt – und lässt dann doch nur die Wahl zwischen Mini-Chips und trockenen Brötchen? Eben.

Damit das Berlin-Gefühl auch wirklich zur Air-Berlin-Emotion transzendiert, fehlen dem Unternehmen aber noch ein paar Neuerungen.

Erstens: Die billigen, abgeranzten Sitze sollten endlich zwangsgeräumt und zu großzügigen Eigentums-Seats modernisiert werden, die dann den Russen und Schwaben zu Premiumpreisen angeboten werden.

Zweitens: Am Eingang stehen Muskelmänner und lassen nur coole Jungs mit weiblicher Begleitung an Bord. Oder mit Geld.

Drittens: Die ausländischen Stewardessen sollten einen alle fünf Minuten ansprechen und nach dem Weg fragen.

Viertens: Danach kommen sie vorbei und spielen mit Gitarre, Trompete und Verstärker irgendwelche Klänge, die nur durch eine Geldgabe abzustellen sind.

Fünftens: Flaschenbier statt Tomatensaft.

Sechstens: Alle unter 18 Jahren reisen mit je sieben Primark-Papiertüten als Handgepäck.

Und schließlich: Der Typ an der Spitze hält endlich mal die Klappe.

Noch ein Bonustipp, liebe AirBerliner: Wenn Ihr schon auf Hauptstadtfeeling macht, dann serviert bitte keine Schweizer Schokoladenherzen zum Flug. Infos zu Schluck-Alternativen gibt es im jedem Berghain.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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