Der Totalschaden des Verdi-Chefs

Von Volker Warkentin am 11. August 2015

Frank Bsirske hat mit einer Forderung von zehn Prozent mehr Lohn für Kita-Erzieherinnen das Tarifspiel überreizt. Darunter müssen jetzt Kindergärtnerinnen, Kinder und berufstätige Eltern leiden.

Die Gewerkschaft Verdi steht im Tarifkonflikt der Erzieherinnen und Erzieher vor einem Scherbenhaufen. Mit großer Mehrheit haben die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten kommunaler Kindertagesstätten einen von der Verdi-Tarifkommission nach wochenlangem Streik bereits abgesegneten Schlichterspruch abgelehnt. Nun soll der Arbeitskampf fortgesetzt werden – mit unabsehbaren Folgen und offenem Ende.

Unter Gewerkschaftern gilt seit je her der Grundsatz: Man muss wissen, wann man einen Tarifkonflikt eskaliert. Und man muss wissen, wann man ihn deeskaliert. Diese Erkenntnis haben die Funktionäre vollends ignoriert und die wenig streikerfahrenen Erzieherinnen in einen Arbeitskampf geschickt, den sie nicht gewinnen können. Wie Goethes Zauberlehrling wird Verdi-Chef Frank Bsirske die Besen, die er rief, nicht mehr los. Das könnte seine geplante Wiederwahl auf dem Verdi-Bundeskongress Ende September beeinträchtigen. Die Delegierten sollten dem 62-Jährigen, der in Leipzig seine letzte Amtszeit anstrebt, mindestens die Gelbe Karte zeigen.

Verdi, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und die Tarifunion im Deutschen Beamtenbund waren mit der Forderung nach zehn Prozent mehr Gehalt in den Tarifkampf gezogen. Er mündete wegen anscheinend unüberbrückbarer Differenzen mit den kommunalen Arbeitgebern alsbald in einem Streik. Den werden die Gewerkschaften nach Ablehnung des Schlichtungsergebnisses nunmehr fortsetzen – auf dem Rücken der Kinder und ihrer berufstätigen Eltern.

Zugegeben: Der von dem früheren sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) und dem ehemaligen hannoverschen Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD) vorgelegte Schlichterspruch blieb hinter den Erwartungen zurück: Zwei bis 4,5 Prozent mehr Geld wirken angesichts der Ausgangsforderung von zehn Prozent wie der blanke Hohn. Das gilt umso mehr, als die Gewerkschaften den Beruf der Erzieherinnen – es arbeiten in der Branche mehr Frauen als Männer – durch „Akademisierung“ aufwerten wollen. Die Beschäftigten, die nicht gerade fürstlich entlohnt werden, haben also allen Anlass, auf eine finanzielle und ideelle Aufwertung ihrer schweren Arbeit zu setzen.

Doch Zehn-Prozent-Forderungen übersteigen die Leistungsfähigkeit der Kommunen bei weitem. Selbst ein Gehaltsplus in Höhe des Schlichterspruchs können viele Gemeinden nicht verkraften. Schließlich kommen durch die drastisch gestiegenen Flüchtlingszahlen zusätzliche Belastungen auf sie zu.

Verdi & Co. haben bei den Erzieherinnen unerfüllbare Hoffnungen geweckt. Sie müssen nun die Suppe auslöffeln, die ihnen andere eingebrockt haben.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, besitzt seit 45 Jahren ein Gewerkschaftsbuch und hat als junger Journalist Streiks mitorganisiert. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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