Wie moralisch ist ein Hacker?

Von Falk Heunemann am 20. August 2015

Internetnerds haben es bislang nicht geschafft, ihre Datenschutzsorgen einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Dafür gibt es aber jetzt „Mr Robot“ – die spannendste und moralisch herausfordernste Serie des Jahres.

Wie sieht ein Hacker aus? Geht es nach Hollywood – und einigen Nerds selbst – dann so wie in dem Film „Hackers“ (1995): Ein flippiger, cooler Punk mit noch coolerem Spitznamen „Zero Cool“, dessen Freundin Angelina Jolie ist. Oder wie im Film „Password Swordfish“ (2001): Dort gibt Hugh Jackman einen Hacker, der trotz nächtlicher Programmiersessions im Technobeat sich seine Bauchmuskeln und Sonnenbräune bewahrt hat, um damit Halle Berry abzuschleppen.

Der Wahrheit dagegen kommt „Mr Robot“ deutlich näher. Ihr Hauptdarsteller Elliot ist ein käseweißer Knilch mit Schlafmangel-Augen, sozialen Phobien und dem Modegeschmack eines Wäschesacks. Er hat einen Job, den er hasst, und eine Wohnung, vor der er sich zu Recht immer wieder in die Nacht flüchtet. Sein Liebesleben ist, na sagen wir mal, es hat noch viel unerschöpftes Potenzial.

Doch diese deutliche realistischere Portraitierung eines Hackers ist gar nicht mal das Besondere an dieser Serie. Da ist zum Einen die Erzählperspektive: Elliot ist der Erzähler seiner Geschichte, die Handlung springt mit seinen Gedanken, er erklärt sich und uns seine Weltsicht. Wir sehen ihn und seine Welt durch seine Augen, durch seine Phobien und seine Träume – bis hin dazu, dass die ihm verhasste „E Corp“ von allen scheinbar immer nur „Evil Corp“ genannt wird und sich im Logo auch so schreibt.

Zum Zweiten: Hacken sieht aus wie es aussieht. Keine 3D-Flüge durch virtuelle Röhren, die das Internet simulieren sollen; keine Multi-Monitor-Stationen; kein “wir müssen die Hauptleitung zum Mainframe kappen”. Einfach schwarze Textfenster, in die kryptische Zahlenfolgen getippt werden. Die so aber eingebettet sind in die Handlung, dass es nicht nur authentisch bleibt, sondern auch nicht langweilig wird. Denn Hacken ist hier nicht nur Programmieren, sondern das Entdecken und Aufspüren menschlicher Schwächen. Nicht Rechner werden gehackt, sondern der Mensch.

Vor allem jedoch: Der Thrillerserie gelingt es, nichts weniger als die größten Fragen unserer Zeit so zu thematisieren, dass auch Nichtnerds sich dafür interessieren. Was sind Gesetze und Verbote noch wert, wenn sie mit wenigen Tastenanschlägen pulverisiert werden? Oder: Wo verläuft die Grenze zwischen Privat und Öffentlich heute, wenn wir überall uns präsentieren, aber von niemandem uns ausspähen lassen wollen? Wo soll diese Grenze verlaufen und wie errichten – und schützen – wir sie?

Elliot verkörpert diese Privatschizophrenie der Gegenwart: Er verbirgt vor jedem, was wirklich in ihn vorgeht, er verschweigt seine Gefühle und Gedanken gegenüber allen, denen er in der Serie begegnet – und teilt uns alles mit. Zugleich setzt er sich wie selbstverständlich an seinen Rechner, knackt fremde Emailpasswörter, durchstöbert Fotoarchive, manipuliert Krankenhausakten. Weil er es kann. Weil ihn niemand daran hindert.

Zwischendurch träumt er von der Weltrevolution, vom Anderssein. Er schwelgt in seinem Überlegenheitsgefühl, dass er die Code-Sprache des Netzzeitalters beherrscht. Er beklagt die Egoismen, den unkontrollierten Machtmissbrauch und den Elitedünkel der anderen und lebt zugleich die eigenen bedenkenlos aus. Er ist damit weder Held noch Anti-Held, sondern ständige Herausforderung an den Zuschauer: Ist das, was Elliot da gerade treibt, ethisch vertretbar? Und das danach? Und das folgende? Gleicht eine gute Tat eine böse aus? Oder zwei?

Und das alles passiert allein in der Pilotfolge.

Dann kommt Christian Slater. Der Mann, der mal in den 90-ern in keinem Kinofilm fehlen durfte, er ist der eigentliche „Mr Robot“. Er verlockt Elliot dazu, sich bei „Evil Corp“ einzuhaken, um dort am Ende der Staffel (vielleicht) sämtliche Schulden löschen zu lassen. Was er will? Unklar. Warum wendet er sich an Elliot? Ist er ein Hippie? Ein Agent von Evil Corp? Der Konkurrenz? Oder ist er gar nur eine Projektion von Elliot – sein Malcolm Crowe (Sixth Sense) oder Tyler Durden (Fight Club)? Das bleibt lange rätselhaft.

Slaters Präsenz reichen wenige Minuten pro Folge, um den Zuschauer zu reizen und zugleich zu irritieren. Und präsent zu bleiben in den vielen Minuten, in denen er fehlt. Was hat er wohl als nächstes vor? Zumal er den Zweifel des Zuschauers mehrt: Warum ist die Show nach einem Nebendarsteller benannt? Oder ist er das gar nicht? Wer ist Mr Robot wirklich?

Und dann ist natürlich der Hauptdarsteller, Rami Malek. Schon in der HBO-Miniserie „The Pacific“ (produziert von Tom Hanks und Steven Spielberg) war er einer der auffälligsten. Sein knapper Gestus, seine nuschligen Gedankenfetzen sind karge Signale eines abgründigen, verletzlichen, erschöpften Geistes. Eine sich ergebende, misanthropische Seele, die nach dem letzten Stück Hoffnung sucht. Er lässt den Zuseher im Unklaren, was man von ihm halten soll. Was unterscheidet ihn eigentlich von den anderen Hackern, die Nacktbilder einer Freundin stehlen? Ist es wirklich vertretbar, wenn er die Menschlichkeit und Fehlbarkeit anderer ausnutzt, um an ihre Daten zu kommen? Selbst wenn er scheinbar Gutes damit erreichen will? Und immer wieder: Wo sind heute die Grenzen, wer zieht sie und wer schützt sie?

Serien, das ist inzwischen Allgemeingut, haben längst Romane und Filme als wichtigste Erzählform abgelöst. Deshalb ist es Zeit, dass sich eine Serie dem Thema annimmt, wie wir es mit der Moral im Netz halten. Was Geheimnisse noch wert sind. Und ob nicht jeder darauf ein Recht hat.

„Mr Robot“ mag nicht den Dokurealismus der weltbesten (und von zu wenigen gekannten) Serie „The Wire“ haben, dafür ist „Mr Robot“ zu fiktional und perfekt inszeniert. Die Serie, die bereits um eine zweite Staffel verlängert wurde, könnte aber eine ähnliche Funktion und Bedeutung einnehmen wie vor zehn Jahren „The West Wing“: Diese nahm ein scheinbar trockenes Setting (den Mitarbeiterstab eines Politikers), vermischte sie mit komplexen Themen (Moral, politische Kompromisse, Außenpolitik, Macht und Ohnmacht im Amt) und erzählte das Ganze derart spannend, dass sie eine ganze Generation politisierte und sensibilisierte für die Themen der Zeit.

Alle bisherigen Folgen (je 45 Minuten) von „Mr Robot“ sind unter anderem auf Hulu zu sehen, per legaler VPN-Software. Staffelfinale ist am 26. August.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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