Weshalb das Smart Home dumm ist

Von Falk Heunemann am 3. September 2015

Bei der diesjährigen Technikmesse IFA in Berlin werden Hersteller wieder die große Zukunft des vernetzten Heims beschwören. Allerdings unterschätzen sie dabei ein wichtiges Detail: die Kunden.

Geht es nach dem Branchenverband Bitkom, dann steht die Zukunft des Smart Home – des vernetzten Zuhauses – unmittelbar bevor: 500.000 Haushalte sollen nach Verbandsprognose in diesem Jahr bereits mit den entsprechenden Gimmicks ausgestattet sein, spätestens 2017 erfolge dann der Marktdurchbruch. Und laut „MarketsandMarkets“ dürfe sich die Branche im Jahr 2020 auf Umsätze von weltweit knapp 60 Mrd. Dollar freuen. Nur mal so zum Vergleich: Das ist in etwa der aktuelle Gesamtjahresumsatz des Energieriesen RWE oder auch der Deutschen Post.

Entsprechend zahlreich sind die großen und kleinen Anbieter auf der anstehenden Internationalen Funkaustellung IFA vertreten. Und was haben sie da Supertolles zu bieten? Zum Beispiel das: „Der Panasonic Smart Home & Allianz Assist Service verbindet das Smart Home Überwachungs- und Kontrollsystem von Panasonic mit den Schutzleistungen für Wohnung und Haus von Allianz Global Assistance (AGA), einer auf Servicedienstleistungen spezialisierten Tochter von Allianz Worldwide Partners.“ (Pressemitteilung Panasonic). Oder das: „Das H400 Home Cloud-System kann Ihre Sicherheitsgeräte und energiesparenden Netzteile über Ihre WiFi-Verbindung kontrollieren und bietet gleichzeitig die renommierte GSM-Backup-Funktion von smanos“ (smanos). Oder auch das: „Die mobile Haussteuerung RWE SmartHome nimmt die Wetterstation Netatmo in ihre Produktfamilie auf.“ (RWE)

Na, alles klar? Und, viel wichtiger noch, schon Lust aufs Bestellen bekommen, um die Milliardenerwartungen der Unternehmen zu erfüllen? Nein? Verständlich. Tatsächlich ist, da dürfte man den Herstellern nicht zu nahe treten, das Produkt Smarthome bislang weitgehend ein Flop. Bei der Telekom, dem Möchtegern-Branchenführer, machte die zuständige Sparte Digital Business Unit (für die Smarthome nur eins von vielen Projekten ist) zuletzt einen Jahresumsatz von 635 Mio. Euro aus – gerade mal ein Prozent des Konzernumsatzes. Das ist aber auch kein Wunder, wenn man sich die Produkte und ihre Präsentationen näher anschaut. Sie sprechen mehr die an, die sie entwickelt haben – nicht aber die potenziellen Nutzer.

Erster Grund: Die Unternehmen halten ihre Kunden für dumm.
Eins der drei Hauptargumente, warum man sich Smart Home zulegen soll, ist die Möglichkeit, damit Energie zu sparen – die anderen beiden sind „Komfort“ und „Sicheres Heim“. Das Problem dabei ist aber, dass die Hersteller den Mund dabei ziemlich voll nehmen. Man könne Standby-Kosten damit sparen, erklären sie etwa – und verschweigen, dass die zusätzlichen Geräte ihrerseits Strom verbrauchen, um sich miteinander zu verbinden und zu kommunizieren. Bei den größten Stromfressern im Haushalt, dauerlaufende Kühlschränke und ineffiziente Heizanlagen, können sie ohnehin nichts verbessern.

Zwar, heißt es, ließe sich die Heizung ja per Smartphone künftig zielgenauer steuern. So könne man sie schon auf dem Heimweg anschalten und am nächsten Morgen wieder aus, wenn es zur Arbeit geht. Das stimmt. Das können die meisten aber ohnehin schon, per einfacher Zeitsteuerung in der Zentralheizung oder Gas-Etagenheizung – 8 Prozent der 40 Millionen Wohnungen in Deutschland sind damit bereits ausgestattet.

Und selbst wenn man gewisse Energieeinspareffekte erzielen würde: Da sind ja noch die Anschaffungskosten. Bei RWE kostet jeder Smart-Thermostat 62 Euro, dazu kommen die Kosten für die Steuerungszentrale von knapp 200 Euro. Und schließlich eine Jahresgebühr von 15 Euro für den mobilen Zugriff. Das dürfte es den meisten zurecht nicht wert sein. Oder auch: Der Miele Smart-Backofen, bei dem man die Innentemperatur kabellos überwachen kann? Der günstigste kostet 2500 Euro.

Der zweite Grund: Die Unternehmen überschätzen den Kunden.
Wer mal versucht hat, sich in die Funktionsweise der unterschiedlichen Systeme einzulesen, um sie zu vergleichen, der muss verzweifeln. Jedes Unternehmen arbeitet mit eigenen Abkürzungen, Standards, Fachbegriffen, Markenbezeichnungen – und behauptet zugleich, alles sei ganz einfach. Kompatibel sind die Systeme untereinander selten, sie optimal einzustellen und miteinander zu vernetzen, bedarf mindestens viel Zeit und vieler Fehlversuche. Und macht dabei zwangsweise ein kleines Informatikstudium.

Sicher, es gibt inzwischen die relativ offene Plattform Qivicon der Telekom, an der sich mittlerweile große Hersteller beteiligen. Von einer Vernetzung auf Knopfdruck ist aber auch sie noch weit entfernt. Und an der Zersplitterung des Marktes hat sie noch nicht wesentlich etwas ändern können. Es fehlt ein Android oder ein iOS für die Branche – ein System wie bei Smartphones, dem sich alle anschließen wollen. Entweder, weil es so billig und leicht zu kriegen ist (Android) oder weil es alle für cool und perfekt halten. Beides ist derzeit nicht absehbar.

Drittens: Die Unternehmen verkennen, was der Kunde wirklich will.
Natürlich kann sich jeder grundsätzlich vorstellen, einen Kühlschrank anzuschaffen, der automatisch Lebensmittel nachbestellt (das gibt es ja längst). Allerdings können sich auch viele grundsätzlich vorstellen, die FDP zu wählen (die gibt es ja noch). Wenn es dann aber wirklich darauf ankommt, macht es keiner. Weil man davor nochmal ein bisschen nachdenkt. Und zum Beispiel, was den Bestell-Kühlschrank betrifft, schon gern selbst entscheiden möchten, ob man ständig neue Milch haben will, oder auch mal keine. Oder wie wäre es mal mit einem anderen Joghurt – zumal der gerade im Angebot ist?

So lange es einfacher ist, den Heizthermostaten per Hand aufzudrehen oder angenehmer, sich vor dem Tiefkühlregal im Supermarkt umentscheiden zu können – und nicht zuletzt: viel billiger – so lange wird sich Smart Home in diesen Bereichen nicht durchsetzen.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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