Rettet die Taxen!

Von Sebastian Grundke am 7. September 2015

In Deutschland gibt es immer mehr Taxianbieter – und immer weniger Taxen. Die Verlierer der Entwicklung sind nicht nur Taxifahrer und die Mitarbeiter der Funkzentralen, sondern auch Rentner, Behinderte und Kranke.

In Hamburg gab es einst mehr als sechstausend Taxen. Aktuell fahren nur noch etwa 3.100 regelmäßig über die Straßen der Hansestadt. Weniger Taxen gab es höchstens vor 1966. Damals begann die Statistik der Hamburger Wirtschaftsbehörde. In vielen anderen deutschen Großstädten sieht es ähnlich aus: Taxen werden immer seltener.

Diese Entwicklung hat verschiedene Gründe: Vor allem drängen neue Anbieter äußerst aggressiv in den Markt. Der Tourenvermittler MyTaxi etwa bot im vergangenen Jahr eine Zeit lang Fahrten kostenlos an. Taxifahrer, die nicht beim Vermittlungsdienst des Unternehmens mitmachten, konnten von der zeitweiligen Fahrgastwelle nicht profitieren.

Die Firma Uber wiederum zahlt Taxifahrern einen Bonus, wenn sie über einen Dienst der Firma vermittelte Touren annehmen. Dabei verlieren wieder jene Taxifahrer, die sich weiterhin ausschließlich über Funkzentralen ihre Touren vermitteln lassen. Für die Taxiunternehmer sind die neuen Vermittlungsdienste also attraktiv.

Den Funkzentralen stinkt das: Denn sie kassieren eine fixe monatliche Gebühr von den Taxiunternehmern für die Vermittlung von Fahrten. Durch die neue Konkurrenz verlieren sie nun Kunden. Denn manch ein Taxifahrer hat komplett auf die neuen Anbieter umgesattelt. Sie gehen damit nicht nur mit der Zeit, sondern verringern auch ihre Fixkosten.

Online ordern ist attraktiver

Zudem wissen auch sie die Transparenz zu schätzen, die die neuen Anbieter mit sich bringen. Die rechnen nämlich pro vermittelte Tour ab. Also nutzen die Taxifahrer die neuen Vermittler. Sie können teilweise auch gar nicht anders, wollen sie im immer härter umkämpften Markt überleben. Denn vor allem für jüngere Deutsche ist das Ordern einer Taxe online attraktiver als via Telefon. Die Funkzentralen müssen deshalb Mitarbeiter entlassen.

Die Kunden mögen die neuen Taxi-Order-Angebote – nicht nur wegen mancher Promotion-Aktion der Unternehmen, sondern auch wegen der praktischen Gimmicks. Via Smartphone-App lässt sich die Anfahrt des Wagens verfolgen. Auch können Fahrer danach ausgesucht werden, wie frühere Kunden sie bewertet haben. Ein Transparenzvorteil gegenüber den Funkzentralen, den Smartphone-Nutzer offenbar schätzen. Dass dadurch viele ohnehin oft arme Menschen um ihre Arbeit gebracht werden, ist ihnen meist nicht bewusst.

Denn jahrelang wurden Touren via MyTaxi an jene Taxifahrer online versteigert, die bereit waren, den höchsten Prozentsatz am Umsatz einer anstehenden Tour an den Vermittler abzudrücken. Der neue Tourenvermittler schürte so einen knallharten Wettbewerb, der viele Taxifahrer zum Aufgeben zwang.

Dann übernahm im September des vergangenen Jahres ein Tochterunternehmen von Daimler-Benz die Firma. Seitdem ist der pro vermittelte Tour einbehaltene Prozentsatz zwar fest, die Vergabekriterien dafür sind jedoch völlig unklar. Vor allem Taxifahrer, die keinen Wagen mit Mercedesstern fahren, fühlen sich seitdem bei der Tourenvergabe durch MyTaxi benachteiligt. Sie kämpfen nun noch härter um ihre Existenz.

Ein Grund mehr, warum die Taxen weniger werden und die Not der Fahrer, die noch im Geschäft sind, oft groß ist. Die Nahverkehrsnetze in deutschen Großstädten wurden in den vergangenen Jahren ausgebaut und verbessert. Nachts sind deshalb viele Bürger mittlerweile nicht mehr auf Taxen angewiesen, sondern können sich für Bus und Bahn entscheiden. Auch Rollstuhlfahrer können schon seit Jahren in Bussen mitfahren – den so genannten Niederflurbussen, die ohne Treppen am Einstieg auskommen, sei Dank. Mit Gepäckfächern ausgestattete Shuttle-Busse wiederum fahren Reisende längst direkt zum Flughafen.

Verlierer sind die, für die Taxifahren kein Luxus ist
Partyvolk, Behinderte, Urlauber – sie alle waren früher typische Taxikunden. Heute sind sie es trotz laufend steigender Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr immer seltener. Meist zahlt ihnen nämlich ohnehin ihr Arbeitgeber ein Abonnementticket.
Wer nicht in Bus oder Bahn steigt, der nutzt wiederum Car-Sharing, teilt sich also einen Wagen mit anderen. In die Tiefgaragen vieler Neubauten sind Car-Sharing-Stationen bereits integriert. Für viele Großstädter – junge Familien wie Alleinstehende – sind diese Angebote verlockend: Die hohen Kosten für einen eigenen Wagen entfallen, die Flexibilität bleibt weitestgehend erhalten. Außerdem gilt die Ökonomie des Teilens vielen als hipp – vielleicht, weil sie ökologischer daherkommt als der eigene Wagen.

So ist Taxifahren für viele Deutsche immer häufiger ein überflüssiger Luxus. Verlierer dieser Entwicklung sind jene Menschen, die mit Smartphones eher nichts anfangen können, aber auf Taxifahrten angewiesen sind: Rentner, Kranke und – trotz Niederflurbussen – auch Rollstuhlfahrer sowie blinde und taubstumme Menschen. Ihnen wird zukünftig kein Taxifahrer mehr die Treppen herauf oder herunter helfen, sie zur Behandlung zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren, ihren Rollstuhl zusammenklappen und im Kofferraum verstauen, für sie die richtige Klingel drücken oder etwas in die Gegensprechanlage sagen.

Denn Taxen wird es immer weniger geben. Vor allem aber werden die Funkzentralen fehlen, die solcherlei Sonderwünsche bislang vermittelt haben.

Sebastian Grundke, freier Journalist in Hamburg, hat keinen Führerschein und fährt deshalb häufiger Taxi als die meisten Deutschen. In den vergangenen zwei Jahren hat er immer wieder mit Taxifahrern und Mitarbeitern in Funkzentralen über die Entwicklung der Branche gesprochen.

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Zaunkoenigin am 7. September 2015

oh.. was sind Taxifahrer doch für hilfsbereite Dienstleister ............ zumindest wenn man sie so liest.

Seltsam nur, dass ich Taxi fahren und Taxifahrer seit Jahren doch etwas anders erlebe.

- manche Strecken verweigern unsere Taxiunternehmen - weil sie ihnen zu kurz sind
- wenn einer bereit ist eine Strecke von ca. 7 km zu fahren (das ist die Entfernung bis zur nächsten größeren Stadt in der sich auch die Ärzte und Krankenhäuser befinden) dann ist das so exorbitant teuer, dass sich das ein Rentner nur im Notfall erlauben kann. Wöchentlich sicher nicht. Eine Strecke von 3 km (einfach) fahren sie erst gar nicht.
- Höflich ist beileibe auch nicht jeder. Die Mehrzahl empfinde ich eher muffelig und entsprechend unwohl fühle ich mich neben ihnen
- Körperpflege scheint bei vielen auch so eine Sache für sich zu sein - und Zigarettenrauch an der Kleidung macht den Gesamteindruck auch nicht besser.
- Gepäck aus und einladen? Für ältere Menschen? Mein Nachbar (alt, körperlich stark eingeschränkt) wurde vor einer Woche mit samt seinem Gepäck am Straßenrand - vor seinem Grundstück - abgesetzt. Der Fahrer hatte ihn vom Krankenhaus nach Hause gefahren.
- selbst wenn man eine telefonische Zusage bekommt, erscheint nicht immer das bestellte Taxi. Und Nachts ist es Glücksache - aber fest damit rechnen sollte man nicht.

Die letzten 3 Punkte sind regionsunabhängig. Taxifahrer in Großstädten habe ich in den letzten Jahren ebenfalls als unhöflich, ungepflegt und wenig kundenfreundlich erlebt. (Ausnahmen bestätigen die Regel)

In unserer Region gibt es vieles von dem was Sie beschrieben haben gar nicht. Hier ist ein Taxiunternehmen noch (fast) konkurrenzlos. Und bei uns ist der Altersdurchschnitt, als Bonbon für diese Unternehmen, überdurchschnittlich hoch. Hier kann man durchaus als Taxiunternehmen sein gutes Auskommen haben. Dennoch sieht man hier nicht mehr allzuoft ein Taxi auf der Strasse. Aufgrund meiner Erfahrungen hält sich mein Mitleid in Grenzen.

Bei uns hat sich aus der Not heraus in der Gemeinde ein Bürgerbus etabliert. Er wurde und wird von der Gemeindeverwaltung organisiert. Der (Elektro)-Bus ist wohl eine Leihgabe, die Fahrer selbst in der Regel noch rüstige Rentner. Die fahren für 1 Euro die Menschen innerhalb der Gemeinde und deren Teilorte überall hin und helfen auch be- und entladen, sind zur bestellten Zeit da, warten auch ohne zu murren, sind verlässlich und höflich. Sie glauben doch nicht, das eine Gemeinde so etwas ohne Kostendeckung organisiert hätte, wenn nicht wirklich Not am Mann bzw. Rentner gewesen wäre und die Gemeinde eben auch für die alten oder behinderten Leute attraktiv bleiben sollte.

Also .... was und wem weinen wir eigentlich nach? Einer längst vergangenen Taxikultur? Die hatten wir nämlich früher. Das war aber noch in den 60ern. Seitdem geht es mit dieser Branche stetig Berg ab.

maSu am 8. September 2015

Irgendwann in der Vergangenheit gab es in HH über 6000 Taxen und nun nur noch 3100, ja das muss an Uber und Co liegen!!! Schuldiger gefunden. Fertig.

Ehm nein!

1) gestiegener Individualverkehr! Immer mehr Menschen besitzen ein eigenes Auto
2) verbesserter ÖPNV
3) Landflucht. Immer mehr Menschen zieht es in die Städte in denen dann Punkt 2) greift: Der ÖPNV

Zudem:
Taxifahrten sind sehr teuer.

Beispiel:
Ich bin neulich von meinem Wohnort in das Stadtzentrum gefahren. Ich brauche mit meinem eigenen Auto 10 Minuten für die Strecke. Der Taxifahrer brauchte 30 Minuten mit der Begründung, der Umweg wäre zwar zeitlich kürzer, aber bedingt durch die höhere Kilometerzahl (Autobahn) teurer. Paradox. Ich habe dann 35€ bezahlt. Für eigentlich 10 Minuten. Ja da fahre ich zukünftig lieber selbst.

Wienand, Martin am 9. September 2015

Klipp und klar. Uber kriegt von mir keinen Cent.

Kalanick, der CEO, ist ein Ausbeuter übelster Sorte. Und die dahinterstehenden Investoren sind auch nicht besser: Goldman Sachs, Amazon, Google & Co. Nein danke.

Über Taxis kann man viel bemängeln. Ich bin immer gut damit gefahren.

Das Problem ist: Es gibt zu viele davon. München hat damals bei den Olympischen Spielen zu viele Konzessionen bewilligt.

Und der ÖPNV wird immer besser.

Mir gefällt es auch, dass es für Taxis klare gesetzliche Richtlinien gibt. Auch mein Versicherungsschutz ist hier klar.

München kommt ohne Uber besser klar. Uber ist Gift.

Sebastian Grundke am 20. September 2015

Hallo Martin Wiegand,
hallo maSu,

herzlichen Dank für die Kritik in den Kommentaren. Insbesondere die Situation in ländlichen Gegenden war mir neu. Auch den Aspekt Versicherungsschutz hatte ich noch nicht im Blick.

Mittlerweile sind mir zwei weitere Texte untergekommen, die das Thema noch etwas mehr beleuchten. Vielleicht interessieren sie:

http://www.taz.de/Protest-gegen-Uber/!5233741/
http://m.morgenpost.de/berlin/article205765045/Taxi-Dienst-Uber-ist-zurueck-in-Berlin.html

Viele Grüße,

Sebastian Grundke