Wie viele Flüchtlinge verkraftet Deutschland?

Von Andreas Theyssen am 8. September 2015

Rund 800.000 Menschen werden in diesem Jahr in die Bundesrepublik flüchten. Das fordert das Land. Aber es hilft Deutschland auch bei der Lösung eigener Probleme.

Deutschland hat das Tor aufgemacht. Die Flüchtlinge ins Land gelassen, die unter elenden Bedingungen in Budapest campieren mussten. Die Flüchtlinge ins Land gelassen, die über Italien oder Griechenland nach Norden weiterreisten. Insgesamt 800.000, so schätzt Bundesinnenminister Thomas de Maizière, werden in diesem Jahr nach Deutschland kommen. Kann die Bundesrepublik das verkraften?

Deutschland kann. Denn – anders als die Unionparteien bis in die 1990er Jahre hinein behaupteten – ist Deutschland schon lange ein Einwanderungsland, das mehrere Einwanderungswellen absorbiert hat: die Zuwanderung aus Polen und Masuren ins Ruhrgebiet und nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981, die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, die DDR-Bürger in der Bundesrepublik, die Bosnien-Flüchtlinge in den 1990er Jahren. Dabei gab es immer wieder Friktionen, doch unterm Strich ist es Deutschland immer gelungen, diese Flüchtlinge zu integrieren.

Machen wir uns nichts vor: Die wenigsten der Flüchtlinge, die jetzt kommen, werden in ihre Heimatländer zurückkehren. Die bislang rund 75.000 Flüchtlinge aus den Westbalkan-Ländern haben zwar keine Chance, zu bleiben. Aber dass in Syrien oder Afghanistan sichere Verhältnisse herrschen, ist auf Jahre nicht absehbar. Ebenso wenig wie ein Regimewechsel im autokratisch regierten Eritrea. Flüchtlinge aus diesen Ländern werden also in Deutschland bleiben.

Diese Menschen werden sich integrieren müssen, und Deutschland wird ihnen dabei helfen müssen. Auf keinen Fall darf sich der Fehler wiederholen, den die Bundesrepublik im Fall der so genannten Gastarbeiter gemacht hat. Sie und ihrer Kinder blieben lange auf sich alleine gestellt. Die neuen Flüchtlinge brauchen deshalb nicht nur Unterkünfte und Kleiderspenden, sie brauchen auch Deutschunterricht, Hilfe beim Einleben (deutsche Bürokratie, deutsche Lebensverhältnisse, deutsches Rechtssystem), Jobs. Dass die Bundesregierung alleine 2016 rund sechs Milliarden Euro dafür ausgeben will, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Besteht die Gefahr, dass Flüchtlinge Deutschen die Jobs wegnehmen? Kaum. Zum einen muss immer erst geprüft werden, ob es für eine freie Stelle nicht einen Deutschen oder EU-Bürger gibt, bevor ein Flüchtling eingestellt wird. Zum anderen braucht die deutsche Wirtschaft dringend Arbeitskräfte. Auch wegen der Überalterung der deutschen Bevölkerung fehlen ihr Fachkräfte, die etwa unter den gut ausgebildeten syrischen Flüchtlingen durchaus zu finden sind. Und so klagt etwa Klaus Engel, Chef des Chemiekonzerns Evonik: „Niemand prüft die Qualifikation und Leistungsfähigkeit der Flüchtlinge, um festzustellen, ob sie unser Land nicht trotzdem bereichern könnten. Ich finde das falsch.“

Die Flüchtlinge können Deutschland bei einem weiteren Problem helfen. Die Republik schrumpft, die Bevölkerungszahl geht zurück. Heute leben in der Bundesrepublik rund 82 Millionen Menschen. Bis 2060, so eine neue Prognose des Statistischen Bundesamtes, wird die Einwohnerzahl auf 66 bis 62 Millionen zurückgehen. Besonders betroffen: der Osten. Lebten in der DDR noch rund 17 Millionen Menschen, so sind es heute lediglich 12,5. Im Jahr 2060 werden es laut Prognose nur noch neun Millionen sein.

Was Bevölkerungsschwund bedeutet, lässt sich seit Jahren im vorpommerschen Landkreis Pasewalk beobachten. Ganze Dörfer veröden und verfallen, weil junge Menschen abwandern und in Folge Geschäfte, Jugendclubs und Betriebe schließen. Dieser Entwicklung kann die Zuwanderung durch Flüchtlinge entgegenwirken. Wenn also etwa im sächsischen Heidenau Anwohner vehement gegen Flüchtlingsheime protestieren, dann demonstrieren sie damit ihre eigene Kurzsichtigkeit.

Aber die kulturellen Unterschiede, heißt es oft, die sind ein Problem. Das sind sie sicherlich – wenn sich Flüchtlinge nicht integrieren wollen oder der Staat nicht genügend für die Integration tut. Dass es aber funktionieren kann, beweist seit Jahren die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Weltmeister wurde sie mit Spielern, die Zuwanderer oder Kinder von Zuwanderern sind: Miroslav Klose, Lukas Podolski, Mesut Özil. Heute spielen im DFB-Kader Kicker, die Karim Bellarabi, Ilkay Gündogan oder Emre Can heißen. Es sind Deutsche.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, befasst sich seit 1991, seit den Ausschreitungen gegen Ausländer in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, mit dem Thema Zuwanderung und seinen Auswirkungen.

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Zaunkoenigin am 8. September 2015

.. und selbstverständlich finanzieren wir das mit höheren Steuern und Sozialabgaben. Alles kein Problem. Genauso wenig wie der zwangsläufige weitere Sozialabbau. Und .. öhm.. ja.. wir können noch ein wenig mehr die Löhne drücken.

Was Sie hier formuliert haben sind Ihre ganz privaten "Glaubenssätze" - aber nichts sauber recherchiertes. Geschweige denn, dass Sie mal angefangen hätten zu rechnen. Und irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass Sie noch nicht ganz verstanden haben, dass der Steuerzahler (und dazu gehören nicht die Nutznießer einer Billig-Arbeiterschwemmer wie z.B. Amazon) das ganze finanzieren darf.

Es ist schon seltsam. Erst bekamen wir erzählt, dass wir sparen müssen. Lehrer, Polizei, Verwaltungsbeamte, Weiterbildungen, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Renten, Leistungen der Krankenkassen .. über all da wurde in irgend einer Form gekürzt, gespart, reduziert. Aber jetzt auf einmal haben wir Milliarden und das über Jahrzehnte hinweg?

Sie glauben die Jahrzehnte nicht?

In BaWü wird gerade ein Neubau für eine LEA geplant. Baubeginn 2017, 30 Mio Baukosten. Muss ich dazu noch etwas sagen?

Und was Ungarn angeht und die angeblich so unsäglichen Verhältnisse dort. Es gibt auch andere Stimmen die das miterlebt haben:
http://bfriends.brigitte.de/foren/allgemeines-forum/464652-immer-mehr-fluechtlinge-wirklich-willkommen-2.html#post26697379
http://bfriends.brigitte.de/foren/allgemeines-forum/464652-immer-mehr-fluechtlinge-wirklich-willkommen-2.html#post26697390
(aber ja, ist klar .. das ist Propaganda)

Machen wir uns nichts vor. Es werden dank der Inkonsequenz unterer Politiker noch ganz andere Flüchtlingsschwemmen erleben. Und die Ernüchterung und Enttäuschung der Flüchtlinge wird irgendwann groß sein ... und die Aggression bei den Flüchtlingen wird zunehmen. Genauso wie das bei der deutschen Bevölkerung der Fall sein wird. Nur die Gründe werden unterschiedliche sein. Überforderung und Enttäuschung bringen das manchmal mit sich.
Abgesehen davon, dass niemand einen Plan hat, wie man mit den Konflikten umgehen soll die diese Menschen mit bringen. Von anderen Problemen wie eingeschleußte ISIS-Kämpfer, Kriminalität und teilweise völlig anderen Werten einmal ganz abgesehen.

Aber klar.. wie sagt man so schön? Der Glaube versetzt Berge.

Ach ja.. und was die "verödenden Ortschaften angeht. Sollte Ihnen tatsächlich entgangen sein, dass die nicht Ziel der Flüchtlinge sind und dass ein anerkannter Asylant das Recht hat den Aufenthaltsort frei zu bestimmen? Das wird wohl eher nichts mit der Neu-Bevölkerung des Ostens und der Eifel. Abgesehen davon, dass es ja auch gute Gründe gab und gibt, warum die Menschen aus ihrer Heimat weg gezogen sind.

Jürgen Thiede am 14. September 2015

Andreas Theyssen hat sehr wohl "sauber recherchiert" und keine "ganz privaten 'Glaubenssätze'" verbreitet, wie "Zaunkoenigin" ihm vorwirft. Ihr Kommentar strotzt dagegen von Ignoranz und Vorurteilen. Ein Beispiel:
Die Aussage "selbstverständlich finanzieren wir das mit höheren Steuern und Sozialabgaben" ist schlicht falsch. Eine Studie den Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung belegt, dass Ausländer ein Segen sind, weil die Zuwanderung nach Deutschland den Sozialkassen deutlich mehr genutzt als geschadet hat.
Ich weiß auch nicht, warum ich vor "Konflikten" Angst haben soll, "die diese Menschen" angeblich mitbringen. Menschen, die aus Ländern fliehen, in denen die Menschenrechte nicht geschützt werden, wissen die Rechtsordnung zu schätzen, die unser Grundgesetz garantiert.

Jürgen Thiede am 14. September 2015

Bei den "Einwanderungswellen", die Deutschland schon "absorbiert hat", hat Andreas Theyssen noch übersehen: Von 1980 bis 1999 kamen rund 3 Millionen deutschstämmige Osteuropäer als "Spätaussiedler" nach Deutschland.

Zaunkönigin am 16. September 2015

Nun ja, Herr Thiede, von Ihnen "Ignoranz und Vorurteile" unterstellt zu bekommen ist (fast) schon ein Kompliment.

Jürgen Thiede am 16. September 2015

@Zaunkoenigin:
Die Argumente widerlegen können Sie also nicht.

Zaunkönigin am 16. September 2015

Oh Herr Thiede, wozu soll ich mit Ihnen diskutieren? Ich habe noch sehr gut in Erinnerung wie sie immer wieder ausgewichen sind und es sich einfach gemacht haben. Was ich von Ihrem "Diskussionsstil" halte verkneife ich mir besser. Auf jeden Fall so viel, dass ich mich nicht ernsthaft mit Ihnen engagiert auseinander setzen werde. Es wäre Perlen vor .. Sie wissen schon.

Jürgen Thiede am 16. September 2015

Das Niveau Ihrer Beiträge hat sich seit Ihrer (vergeblichen) Verteidigung der AfD nicht verbessert.

Zaunkoenigin am 16. September 2015

Oh ja, Herr Thiede, genau so habe ich Sie kennengelernt. Und genau das ist einer der Gründe warum ich sage, Perlen vor ...