Der nächste Skandal bei Volkswagen

Von Volker Warkentin am 29. September 2015

Dem gerade wegen der Abgas-Affäre geschassten VW-Chef Martin Winterkorn soll der Abschied mit Millionen versüßt werden. Auch dank der Hilfe der IG Metall. Offenbar hat die Gewerkschaft dabei ihre eigenen Forderungen vergessen.

Nagt Martin Winterkorn am Hungertuch? Muss der vor einer Woche zurückgetretene VW-Konzernchef bald beim Sozialamt Hartz IV beantragen, um seinen kargen Lebensunterhalt in einer vom Staat bezahlten Sozialwohnung zu fristen? Wohl kaum. Mit einem Jahresgehalt von über 16 Millionen Euro war Winterkorn der bestbezahlte Manager in Deutschland. Dass er jetzt auch noch eine Abfindung für seinen ruhmlosen Abgang wegen der Affäre um gefälschte Abgaswerte von Diesel-Pkw erhalten soll, ist ein Skandal sondergleichen. Und dass die IG Metall die Hand dazu reicht, schlägt dem Fass den Boden aus.

Medienberichten zufolge soll Winterkorn das vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsvertrag bei Europas größtem Autobauer mit rund 30 Millionen Euro versüßt werden. So viel hätte ihm zugestanden, wenn er seine Arbeitsleistung wie vorgesehen bis Ende 2016 erbracht hätte. Zudem könnte dem Manager laut Nachrichtenagentur Bloomberg eine millionenschwere Abfindung winken. Zudem bleibt der 68-Jährige bis auf weiteres Chef der Porsche SE, der Muttergesellschaft von Volkswagen. Dafür bekommt er jährlich 823.000 Euro – Peanuts im Vergleich zu den anderen Einkünften des ehemaligen Konzernlenkers.

Als er noch in Amt und Würden war, hat niemand Winterkorn sein hohes Gehalt geneidet. Der Vorstandsvorsitzende hatte eine Riesenverantwortung für einen Konzern mit zwölf Marken und weltweit an die 600.000 Beschäftigte. Und bis zum Beginn der Affäre genoss Volkswagen weltweit einen exzellenten Ruf – auch dank der Arbeit von Martin Winterkorn. Dessen Wirken stand auch bei der IG Metall und dem Betriebsrat wegen der Schaffung Zehntausender Arbeitsplätze hoch im Kurs.

Dass Winterkorn die Verantwortung für den größten Skandal in der Firmengeschichte übernommen hat, ehrt ihn. Dass das Aufsichtsratspräsidium Winterkorn einen Persilschein ausstellte, obwohl die Aufklärung der Affäre gerade erst am Anfang steht, macht stutzig. Beobachtern stellt sich die Frage, ob das derzeit vom früheren IG-Metall-Chef Berthold Huber geleitete Gremium vollendete Tatsachen für einen „goldenen Handschlag“ schaffen wollte.

Huber hat ganz offensichtlich seine gut drei Jahre alte Forderung nach Neuregelung der Managergehälter bei VW vergessen. „Wir sollten Grenzen für die Vorstandsvergütung setzen“, forderte der damalige IG-Metall-Chef 2012. Entweder müssten die Zielvorgaben für Spitzenkräfte erhöht oder die Gehälter begrenzt werden, forderte Huber in einer Diskussion über die Vergütung Winterkorns. Huber hatte damals aber schon eingeräumt, das Vergütungssystem bei Volkswagen sei aus Sicht der Belegschaft „das Beste, das es hierzulande gibt“.

Es bleibt aber ein schaler Geschmack zurück, ganz gleich ob Winterkorn von den Manipulationen gewusst hat oder nicht. Der Unterschied zwischen Managergehältern und den Einkommen „normaler“ Arbeitnehmer ist einfach zu groß. Aber es ist zweifelhaft, ob die Politik bereit ist, das heiße Eisen anzufassen.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, hat in seinen 35 Berufsjahren bei der Nachrichtenagentur Reuters auch über Autos geschrieben. Seine OC-Kolumne „Warkentins Wut“ erscheint jeden Dienstag.

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Zaunkönigin am 29. September 2015

Moin Herr Warketin,

ich für meinen Teil würde nicht sagen, dass ihm niemand die hohen Tantiemen geneidet hat als er noch in Amt und Würden war.

Oh nein... Ich schon!

Wobei "Neid" nicht der korrekte Begriff ist. Ich stufe diese Höhe von Bezahlung für eine Arbeitsleistung als schlicht und einfach unanständig und unsozial ein. Dieser Mensch kann alleine gar nicht so viel bewirken, dass der Nutzen seiner Tätigkeit die Höhe seines Gehaltes (oder besser seiner Gehälter) rechtfertigt. Und da kommt das nächste Geschmäckle. Berücksichtigt man, dass er gleich mehrere solche Posten inne hatte, dann muss man davon ausgehen, dass das (übersetzt in die normale Arbeitnehmerrealität) allenfalls Halbtagsjobs waren.

Wir Arbeitnehmer diskutieren hier manchmal über die Forderungen von Piloten, Lokführern, Kindergärtnerinnen und allgemein über den Mindestlohn .. und darüber, ob die Forderungen gerechtfertigt sind und ob das der Staat oder die jeweiligen Unternehmen auch wuppen können und danach noch konkurrenzfähig sind (vom Neidfaktor einmal ganz abgesehen). Da kann man sich herrlich ereifern. Da kommt auch häufig dieses "nicht gönnen wollen" durch. Kaum jemand denkt aber im Detail darüber nach was solche Manager-Gehälter für einen Konzern bedeuten. Und darüber, ob die Relation "Arbeitsergebnis-Bezahlung" noch stimmt. Und wer diskutiert darüber was die Manager kassieren während zeitgleich irgendwo in diesem Konzern Menschen gekündigt werden? Und ja, auch VW hatte in jüngster Zeit Entlassungen. Dieses Jahr war Brasilien dran. Ich meine, es waren 800 Mitarbeiter. Da stellt sich doch die Frage: Hätte der gute Mann z.B. auf 200.000 Euro im Jahr verzichtet, was meinen Sie... hätte man diese Menschen in Brot und Lohn lassen können? Die Masse der Bürger nimmt es als gegeben und normal hin, dass einerseits Kündigungen ausgesprochen werden (und somit bezahlen diese Menschen den Preis für schlechte Umsätze), aber andererseits die Manager keine Einbußen in der Bezahlung haben (man achte mal darauf, dass der Bonus/die Ausschüttungen oft genug eben nicht geringer werden). Ich finde es unanständig .. um nicht zu sagen pervers. Den "kleinen Mann" nimmt man finanziell in die Verantwortung, den "großen" belohnt man noch.

Ich gönne jedem Manager ein höheres Gehalt, so ist das nicht. Aber es muss
a) die Verhältnismässigkeit gewährleistet sein und
b) wenn schon überproportional hoch auch daran gekoppelt sein welche "Preise" die Belegschaft zu bezahlen hat (wie z.B. Entlassungen, Gehaltsverzicht, Einstellungsstopp).

Und nein, ich bin definitiv nicht links orientiert :-).. und ich kann auch problemlos gönnen. Ich mag es nur nicht, wenn die Schiefstände so extrem ausfallen.

Diese Abfindungen am Ende einer solchen Praxis ist für mich dann nur noch die Bestätigung dessen, was die ganze Zeit davor schon schief gelaufen ist. Und ja, der ganze Ablauf macht mehr als stutzig.
Ich sag's mal so.. es wäre nicht das erste Mal, dass eine Gewerkschaft oder ein Mitglied davon korrupt gewesen wäre.

https://www.wsws.org/de/articles/2013/01/eich-j16.html

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/recht-steuern/reform-gefordert-straflose-gewerkschaftsbestechung-1666393.html