Was vom Kinosommer übrig bleibt

Von Falk Heunemann am 1. Oktober 2015

Auch die Deutschen werden langsam der vielen Film-Superhelden überdrüssig – nicht aber der leichten Komödien. Das zeigt die Auswertung der Besucherstatistiken der Filme in diesem Jahr. Die vier wichtigsten Trends.

Deutsche Filme haben es schwer – denn Deutsche mögen es leicht.
Dass „Fuck Ju Göthe 2“ vor allem ein Lehrer-Film ist, ist ein gern geglaubtes Gerücht. Wenn es so wäre, hieße das allerdings, dass jeder Pädagoge seit Anfang September rund sieben Mal sich die Komödienfortsetzung angeschaut hätte: 5,3 Mio Besucher verzeichnete der Film laut den Statistiken von Insidekino.com seit seinem Start. Damit ist er rein quantitativ der Nachfolger von „Honig im Kopf“, dem Til-Schweiger-Film des vergangenen Jahres. Ansonsten haben es jedoch deutsche Filme weiterhin schwer bei den Deutschen. Sicher, es gibt einmal pro Jahr eine obligatorische Schweighöfer-Komödie, den Schweiger Junior unter den Filmemachern. Dann gibt es einige erfolgreiche Kinderfilme, etwa „Ostwind 2“ und „Fünf Freunde 4“. Aber sonst sieht es vergleichsweise düster aus. Unter den Top-100-Filmen des Jahres finden sich bislang nicht einmal 20 Filme aus Deutschland. Die meisten davon sind Komödien. Der schnittfreie Berlin-Trip „Victoria“ etwa, zu Recht hochgelobter Filmpreisgewinner und wahrscheinlicher Oscar-Kandidat, schaffte es nicht einmal unter die besten 50. Was auch daran liegen mag, dass der Verleih ihn nur in 61 Kinos startete – „Fuck Ju Göthe 2“ dagegen in 830.

Bloß keine Überraschungen.
„Fuck Ju Göthe“, „96 Hours“, „Avengers“, „Jurassic World“, „Mission Impossible“ – Jeder zweite der Top-30-Filme in diesem Jahr ist eine Fortsetzung oder ein Spinoff (wie zum Beispiel die „Minions“). Die Kinozuschauer wollen offenbar nichts riskieren, wenn sie 15 Euro (plus Chips und Cola) pro Person ausgeben. Und die Studios richten sich danach, werfen immer mehr Fortsetzungen auf den Markt. Gegen deren Marketingbudgets und die Preis-Leistungs-Erwartungshaltung des hiesigen Publikums kommen kleine, überraschende Produktionen einfach nicht an.

Wer nicht überrascht wird, wird des Gleichen müde.
Der Trend der vergangenen Jahre hieß: Immer mehr Superhelden, in immer mehr Fortsetzungen. „Iron Man“, „Avengers“, „Spiderman“ und „Amazing Spiderman“, „Guardians of the Galaxy“ – und dieses Jahr auch noch „Ant Man“. So langsam jedoch scheint das den Zuschauern zu viel zu werden. „Avengers 2“ erlöste noch knapp 2,5 Mio Tickets. „Ant Man“ dagegen nur eine halbe Million, „Fantastic Four“ kam auf nicht einmal 200.000 – das ist nicht wirklich viel für Produktionen, die 130 Mio Dollar und mehr kosteten. Sicher, sie werden ihr Herstellungsbudget einspielen, spätestens über DVD und TV-Ausstrahlungen. Aber Gewinnbringer sind sie nicht mehr.
Es ist ja auch verständlich. Irgendwann hat die Mehrheit mehr als genug Origin-Stories irgendwelcher maskuliner Superhelden gesehen, die sich unterscheiden und dennoch ähneln: Unerwartet wird ein sympathischer Held durch überwissenschaftliche Ereignisse zum Superhelden, der in letzter Minute die Welt rettet, und zwar vor allem mit Prügelei, Zauberei und Action. Die Batman-Filme von Christopher Nolan hätten hier einen Trend zum Besseren setzen können – sie waren in Wahrheit Reflexionen über die Moral des Menschen. Davon aber kommt in aktuellen Superheldenfilmen nur gerade so viel vor, um darauf in Interviews verweisen zu können, aber wenig genug, um bloß keinen Zuschauer zu überfordern.

Frauen – die wieder entdeckte Zielgruppe.
Als in den vergangenen Jahren „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ und die Superhelden die Kinosäle übernahmen, zogen sie vor allem zwei Zielgruppen an: Männer und Teenager. Daher ist es zumindest erfrischend zu sehen, dass in diese Hormon-Phalanx dieses Jahr ein paar Streifen vorgedrungen sind, die sich auch an andere richten: Frauen. Da ist nicht nur „Fuck Ju Göthe“. Da ist auch „Fifty Shades of Grey“, der in Deutschland sogar besser lief als in den USA – Platz 3 seit Jahresanfang. Der Stripperfilm „Magic Mike XXL“ schlug sich besser als „Mad Max Fury Road“ – der laut Kritikenaggregator Rottentomatoes immerhin als bester Actionfilm des Jahres gelten muss (98 Prozent aller Kritiken sind positiv). Auch die Erfolge „Traumfrauen“ oder „Frau Müller muss weg“ richten sich eher an nicht mehr superjunge und mittelalte Frauen. Womit allerdings auch bewiesen wäre: Anspruchsvoller und weniger hormongesteuert als bei Männern ist der Filmgeschmack von Frauen in Wahrheit auch nicht.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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Alex am 1. Oktober 2015

Die Erfolge von Fortsetzungen ist eigentlich eine Fortsetzung des Trends aus dem TV (bzw. VoD). Letztendlich sind alle Filme aus dem Marvel Universum nur eine Serie. Anders als Fortsetzungen der Vergangenheit sind diese von langer Hand geplant und schon mit dem ersten Iron Man aber spätestens mit dem ersten Avengers Film war die Strategie der Fortsetzungen bis 2020 gesichert. DC plant ähnliches und auch von Star Wars hört man, dass sie eben nicht nur drei neue Teile sondern auch hier ein ganzes Universum mit diversen Filmen bauen wollen.
Das muss einem nicht gefallen, aber die Entwicklung von Charakteren wie z. B Tony Stark zu beobachten, ist durchaus eine spannende Entwicklung, die auch für mehrere Filme reicht.

Dazu kommen noch Verfilmungen wie die Tribute von Panem u. ä. die mit dem Herrn der Ringe ihren Anfang genommen haben. Sie waren direkt auf mehrere Teile ausgelegt und eben keine Fortsetzungen, weil der erste Teil so erfolgreich war.

Dazwischen gibt es nach wie vor die großen und kleinen Filme, die eben allein und nur für sich stehen. Wie im Fernsehen der Mittwochsfilm in der ARD oder das kleine Fernsehspiel.

Vielleicht ist das Kino näher ans Fernsehen und beides an VoD gerückt.