Sahra Wagenknecht – ein Segen für die Linkspartei

Von Volker Warkentin am 14. Oktober 2015

Nach Gregor Gysis Abgang ist die Wiedergängerin von Rosa Luxemburg Co-Chefin der Bundestagsfraktion der Linken. Ausgerechnet sie hat beste Chancen, ihre Partei in eine Koalition mit SPD und Grünen zu führen.

„Bald hinkt sie noch“, pflegte der verstorbene PDS-Chef Lothar Bisky über die prinzipientreue Genossin Wagenknecht zu lästern, wenn die in der Art ihres leicht gehbehinderten Vorbildes Rosa Luxemburg Treue in der Sache einforderte. Doch die Zeiten, in denen Sahra Wagenknecht als allwissende „Klara Klarsicht“ die pragmatischen Vorleute der PDS nervte, sind längst vorbei. Wagenknecht ist auch schon vor ihrer Wahl zur Co-Chefin der Linksfraktion zu einer allseits anerkannten Persönlichkeit im deutschen Politikbetrieb geworden – und das trotz ihrer klaren antikapitalistischen Haltung.

Dass Wagenknecht und der Reformer Dietmar Bartsch nun als Nachfolger von Gregor Gysi die größte Oppositionsfraktion gemeinsam führen, ist Ausdruck der Machtverhältnisse in der Linkspartei. Zwar sind beide aus Ostdeutschland, doch könnten ihre Positionen nicht unterschiedlicher sein. Der Mecklenburger Bartsch strebt in ein Bündnis mit SPD und Grünen, für die Thüringerin Wagenknecht ist das so etwas wie der Pakt mit dem Leibhaftigen.

Dabei hat die mit dem früheren SPD-Chef Oskar Lafontaine verheiratete Wagenknecht für ihre antikapitalistischen Positionen mittlerweile andere Kronzeugen als Marx, Engels: Johann Wolfgang von Goethe und den Vater des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard.  Doch in der Sache hat sich die einstige Frontfrau der „Kommunistischen Plattform“ in der PDS nicht geändert. Sie verfolgt unverändert einen knallharten Antikapitalismus und Pazifismus.

Genau darin aber liegt die Chance für die Linken, den dogmatischen Flügel der Partei mitzunehmen. Wagenknecht hat das Potenzial, mit ihrer Geradlinigkeit die vor allem aus dem Westen kommenden Linkssektierer davon zu überzeugen, dass sie bei möglichen Kompromissen mit SPD und Grünen das große Ziel nicht aus den Augen verliert.

Dafür soll Bartsch den an die Fleischtöpfe der Macht drängenden pragmatischen Flügel in Partei und Fraktion zum Schulterschluss mit den innerparteilichen Rivalen animieren. Er und Wagenknecht stehen vor der schwierigen Aufgabe, die zerstrittene Partei zu versöhnen. Ob das gelingen kann? Bartsch hat schließlich das Handicap, sich als PDS-Bundesgeschäftsführer im Parteiapparat mit seiner forschen Art nicht nur Freunde gemacht zu haben. Bei vielen Genossen ist er als „Osterwelle“ in schlechter Erinnerung – eine Anspielung an den umtriebigen Guido Westerwelle, der damals FDP-Generalsekretär war.

Der personelle Neuanfang in der Bundestagsfraktion ist für die Linke Chance und Risiko zugleich. Wagenknecht und Bartsch müssen den Beweis erbringen, das Zeug für die Nachfolge Gysis zu besitzen. Der hat, obwohl eher klein von Wuchs, seinen Nachfolgern ziemlich große Schuhe hinterlassen. Als eloquenter Talkshowgast hat zumindest Wagenknecht gezeigt, dass sie dem schlagfertigen Provokateur Gysi das Wasser reichen kann.

Volker Warkentin, Autor in Berlin, beobachtet und analysiert seit 1989 Wege und Umwege von Gysi, Bartsch und Wagenknecht.

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